Anbieter zum Thema
Klassische HGÜ-Technik ist nicht vernetzbar
Die bislang verbreitete HGÜ-Classic-Technik kann zwar mit derzeit 7200 MW große Energiemengen übertragen: Dies entspricht der fünf- bis sechsfachen Leistung eines Kernkraftblocks, jedoch ist diese Übertragungstechnik nicht vernetzbar. Für eine stabile Energieversorgung mit Solarstrom sichert die Netzstruktur die Versorgungssicherheit.
Sven Rüberg ist Experte für HGÜ-Systeme am Institut für Energiesysteme, Energieeffizienz und Energiewirtschaft (ie³) der TU Dortmund. Der Ingenieur war bereits mit dem Aufbau von Netzwerken für die ABB in China beschäftigt. Zuvor studierte er Elektrotechnik in Aachen und arbeitet nun an seiner Doktorarbeit zu Gleichstromnetzen in der Arbeitsgruppe „Transport- und Verteilnetze“ von Prof. Dr.-Ing. Christian Rehtanz.
Rüberg bewertet das Desertec-Konzept als ein sehr ehrgeiziges Projekt. Genau wie Kreusel schlägt er zur Realisierung eines Gleichstromnetzes die selbstgeführte HGÜ vor. Im Unterschied zur Classic-Version nutzt diese HGÜ-Variante zur Gleichrichtung ein spezielles Halbleiterbauelement, das sich nicht nur ein-, sondern auch abschalten lässt. Die in der Classic-Version genutzten Thyristoren sind dazu nicht in der Lage. Im Ergebnis lässt sich daher die selbstgeführte HGÜ leichter in das vorhandene Wechselstromnetz integrieren. Zusätzlich verfügt die selbstgeführte HGÜ über einen Gleichspannungszwischenkreis, welcher diese Technik sehr einfach vernetzbar macht.
Im Wechselstromnetz fehlerhafte Leitungen einzeln abschaltbar
Jedoch überträgt die selbstgeführte HGÜ lediglich eine Leistung von derzeit 1200 MW. Dadurch entstünden höhere Kosten, weil mehr Leitungen verlegt werden müssten, die dann auf den Stromkunden umgewälzt würden. Dabei kalkuliert Rüberg die Kosten auf 2 bis 4 Mio. Euro pro Kilometer, da Seekabel genutzt werden müssten, die teuer in der Anschaffung und der Verlegung sind. Die günstigeren Freileitungen kämen schon wegen des dann im Mittelmeerraum zu befürchtenden Strommastenwaldes und des damit verbundenen politischen Widerstands nicht infrage, so der junge Ingenieur.
Auch können im Wechselstromnetz fehlerbehaftete Leitungen einzeln abgeschaltet werden, ohne dass der Betrieb des Gesamtnetzes dadurch gefährdet würde. Wegen der netzartigen Struktur fließt die elektrische Energie dann auf einem alternativen Weg zum Verbraucher. Beim Gleichstromnetz fehlt es derzeit an der Möglichkeit, fehlerbehaftete Leitungen einzeln aus dem laufenden Betrieb heraus auszuschalten: Der dafür nötige Gleichstrom-Leistungsschalter steht kommerziell noch nicht zur Verfügung. Dies erschwert den sicheren, stabilen Betrieb eines Gleichspannungsnetzes erheblich, wenn es ihn nicht sogar unmöglich macht.
Rüberg: „Wenn gleichzeitig die Forschung auf dem Gebiet der HGÜ nun weiter vorangetrieben wird, dann hat das Konzept sicher seine Realisierungschance. Jedoch bleibt es sehr, sehr ehrgeizig.“ Er nennt einen Zeithorizont bis 2050. Kreusel resümiert: „Ich glaube nicht an die eine, einfache Lösung der Probleme unserer Zeit. Schon gar nicht, wenn es um die Energie geht.“ Desertec kann nach den Aussagen des ABB-Managers ein Baustein sein.
(ID:33692570)