Umsetzung der VDA 6.4 in einem Unternehmen der Fertigungsmesstechnik

Redakteur: MM

Um das vorhandene Qualitätsmanagement nach DIN EN ISO 9001 weiterzuentwickeln und das Kundenvertrauen auszubauen, traf man bei Mahr die Entscheidung, die Anforderungen nach VDA 6.4 zu erfüllen. Die...

Anbieter zum Thema

Um das vorhandene Qualitätsmanagement nach DIN EN ISO 9001 weiterzuentwickeln und das Kundenvertrauen auszubauen, traf man bei Mahr die Entscheidung, die Anforderungen nach VDA 6.4 zu erfüllen. Die Integration in das bestehende Management-System und die Anpassung und Überarbeitung bestehender Verfahren, schon im Hinblick auf eine stärkere Prozessorientierung, waren Vorgaben bei der Umsetzung. Die Umsetzung der Anforderungen aus VDA 6.4 hat auch einen deutlichen Vorteil bei der Umstellung auf die neue DIN EN ISO 9001:2000 gebracht.Kundenorientierung ist und bleibt ein wesentliches Merkmal, um im Markt erfolgreich zu sein. Dies gilt auch für Mahr als mittelständiges Unternehmen, das im weltweit stagnierenden Markt der Fertigungsmesstechnik tätig ist. Mit über 60% der Kunden aus dem Automobilbau und der Automobilzulieferindustrie entwickelt, produziert und vertreibt Mahr Messgeräte aus dem Bereich der Oberflächen-, Form- und Längenmesstechnik. Die Geräte müssen hohen Qualitätsansprüchen genügen, denn der Kunde setzt sie zur eigenen Qualitätssicherung ein. Der Kunde erwartet heute vom Lieferanten auch Managementsysteme, die Prozesse transparent und nachvollziehbar machen, die ein rechtzeitiges Abweichen erkennen und Regelkreise in Gang halten, die aber auch präventiv zur Einhaltung der Qualitätsanforderungen eingesetzt werden. Basierend auf dem Qualitätsmanagementsystem nach der Normenfamilie DIN EN ISO 9000ff, hat der Verband der Automobilindustrie (VDA) seine Anforderungen an seinen Qualitätsstandard in den VDA-Bänden beschrieben. Automobilhersteller, Lieferanten, Dienstleistungs- und Servicebetriebe finden hier ein Regelwerk, das die Bewertung von Produkten, Dienstleistungen, Prozessen und QM-Systemen ermöglicht. Der VDA empfiehlt seinen Mitgliedern die Anwendung der Norm, die wiederum von ihren Lieferanten die Einhaltung der VDA fordern.Große Kunden fordern den Nachweis der VDA 6.4So wurde Mahr mit Forderungen großer Kunden (zum Beispiel Daimler-Chrysler und VW) konfrontiert, nach denen der Nachweis nach dem Normenwerk VDA Band 6 Teil 4 (alternativ QS9000 mit TE-Supplement) zu erbringen ist. Als Ziel wurde unter anderem angegeben, ein durchgängiges Qualitätsniveau in der Wertschöpfungskette erreichen zu wollen.Die Entscheidung der Kundenforderung zu entsprechen, wurde bei Mahr aus drei Gründen gefällt. Erstens korrespondiert das Selbstverständnis zu Qualitätsthemen im Hause Mahr mit denen unserer Kunden. So weist die bei Mahr aufgestellte Qualitätspolitik darauf hin, weltweit höchste Qualität anzustreben. Zweitens ist die Weiterentwicklung und der Ausbau des Qualitätsmanagementsystems durch die Geschäftsleitung ausdrücklich gewünscht, um Potenziale zu erschließen und Effizienzsteigerungen zu ermöglichen. Drittens haben Maßnahmen, die zur vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Geschäftspartnern führen, grundsätzlich einen hohen Stellenwert. Dabei erspart die Anerkennung entsprechender Zertifikate aufwendige Audits durch die Kunden.Am Anfang der Planung stand zunächst die Analyse des Ist-Zustandes des vorhandenen Managementsystems und demgegenüber die Definition des Soll-Zustandes entsprechend der VDA 6.4 Normanforderungen. Mahr konnte dabei sowohl auf das seit fünf Jahren eingeführte Qualitätsmanagementsystem nach DIN EN ISO 9001 also auch auf dem von Renault erhaltenen EAQF-Diplom und dem von Ford erhaltenen Q1-Award aufbauen. Zur Analyse war der VDA Band 6 Teil 4 ,,QM-Systemaudit" sehr nützlich. Anhand des Fragenkataloges zum QM-Systemaudit - Produktionsmittel - ließ sich ein guter Überblick über die Forderungen mit Bezug auf die entsprechenden Kapitel der ISO 9000-Normen gewinnen. Um die Unterschiede zum vorhandenen QM-System zu identifizieren, waren die Definitionen und der Hinweis auf die weiterführenden Quellen sehr nützlich. Anhand einer kapitelweise aufgestellten Analysematrix wurden die Lücken zum vorhandenen QM-System schnell transparent. Insbesondere die in der ISO-Norm nicht vorhandenen Z-Elemente (Unternehmensstrategie), aber auch die Forderungen nach Produkt- und Prozessaudits, sowie finanzielle Überlegungen zum QM-System, die Produktsicherheit, oder die Qualität in der Gebrauchsphase waren unter anderem Herausforderungen an die Weiterentwicklung des vorhandenen Systems. In der sehr frühen Projektphase wurden die betroffenen Abteilungen über die zu erreichenden Ziele und den Analysezustand informiert. Nicht nur durch die Überschaubarkeit der zu erledigenden Arbeitspakete, sondern auch durch die Motivation der Geschäftsleitung, das gesteckte Ziel in einem überschaubaren Zeitrahmen von neun Monaten zu erreichen, war es möglich, die Vorgesetzten und Mitarbeiter zu motivieren. Besonders motivationsfördernd war für die Mitarbeiter, dass ihnen der Sinn der ergänzenden Anforderungen angemessen vermittelt wurde.Die etwa 50 Arbeitspakete unterschiedlicher Größe wurden verantwortlichen Mitarbeitern aus den verschiedenen Unternehmensteilen übertragen, die in Workshops und Besprechungen die Umsetzung der Einzelthemen voranbrachten. Wert gelegt wurde auf eine ständige interdisziplinäre Zusammenarbeit, um die an den Prozessen beteiligten Mitarbeiter auch in die Umsetzung mit einzubeziehen.Wichtiger Konzeptpunkt war, keine separate Dokumentation für die VDA-Anforderungen aufzubauen, sondern neue Elemente in die bestehende QM-Dokumentation einzuarbeiten. So wurde beispielsweise das ,,DIN EN ISO Kapitel 17 Interne Qualitätsaudits" überarbeitet und die Anforderung bezüglich Produkt- und Prozessaudits (mit entsprechender Bewertung) in das vorhandene QM-Handbuch-Kapitel integriert. Ausgangsbasis konnte kritisch überprüft werdenDer Vorteil beim Ausbau des Managementsystems bestand darin, den vorhandenen Stand kritisch zu prüfen und ihn im Sinne einer kontinuierlichen Entwicklung voranzubringen. So diente zum Beispiel die Auseinandersetzung mit dem Thema ,,Erstmusterprüfung" einem deutlichen Vorankommen des Qualitätsstandards. Hier konnten die Anforderungen des VDA in eine Prozessverbesserung einfließen. Gerade für die Fertigungsmesstechnik im Bereich Oberflächen- und Formmesstechnik werden im Vergleich zur Automobilindustrie eher kleine Stückzahlen gefertigt. Der Kosten- und Effizienzdruck führt auch an dieser Stelle dazu, die Abläufe kritisch zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Während früher die eingekauften Teile durchgängig der Prüfung unterlagen, geht man heute immer mehr dazu über, Prüfungen mit entsprechenden Vereinbarungen zum Lieferanten zu verlagern. Dies spart wertvolle Prüfzeit, muss aber durch ein entsprechendes QM-Verfahren abgesichert sein.Die Weiterentwicklung des Qualitätsmanagementsystems sorgt dafür, dass man sich im Unternehmen grundsätzlich mit der Qualität auseinandersetzt. Durch sich verändernde Arbeitsprozesse ist es wichtig, diese im Hinblick auf die Qualitätseinhaltung immer wieder zu prüfen. Gerade in Zeiten von Expansion und Umsatzvermehrung gilt es zur Absicherung des mittel- und langfristigen Geschäftserfolges, vor allem die Qualität sicherzustellen.Ganz im Sinne der neuen ISO-9000:2000-Revision befasst sich der VDA auch mit den Themen Messung, Analyse und Verbesserung. So findet man im Z-Element der Unternehmensstrategie Anforderungen an die Messbarkeit der Geschäftsergebnisse und Methoden, die regelmäßig genutzt werden sollen, um Verbesserungen einzuleiten. Dabei geht es nicht nur um die finanziellen Messgrößen, die durch ein geeignetes Controlling-System regelmäßig ermittelt werden, sondern auch um nichtfinanzielle Messgrößen, etwa Kundenzufriedenheit oder Liefertreue. Dabei konnte Mahr von der eingeführten Kennzahlenpyramide und dem eingeführten Quality Operating System (QOS) von Ford profitieren. Auch der von der neuen ISO-9000:2000-Revision geforderte kontinuierliche Verbesserungsprozess ist Bestandteil der VDA-Forderung im Teil U ,,Verantwortung der Leitung". Die Forderung nach strategischen Geschäftsplänen diente beispielsweise dazu, den Prozess zur Geschäftsplanerstellung mit den entsprechenden Reviews transparent zu machen und ihn nachvollziehbar im QM-Handbuch zu hinterlegen.Beim Thema Kundenzufriedenheitsmessung und Einleitung entsprechender Maßnahmen wurde erreicht, dass eine standortübergreifende Abstimmung im Hause Mahr stattfand. Weil Mahr ein weltweit operierendes Unternehmen ist, profitierten auch andere Standorte von der Auseinandersetzung und Überprüfung der bestehenden Verfahren, ganz im Sinne der Kunden.Damit die Qualitätsstandards vorangebracht werden konnten, mussten die Mitarbeiter unbedingt mit einbezogen werden. Ein Setzten von Standards, die nicht durch die Mitarbeiter gelebt werden, ist sinnlos. Die Einbeziehung fand durch Mitarbeit in gezielten Arbeitskreisen, Schulungsveranstaltungen und durch Gespräche mit den Mitarbeitern statt. Motivation setzt Information vorausDer VDA 6.4 berücksichtigt in Bezug auf die Mitarbeiter nicht nur die Punkte ,,Schulung und Qualifikation", sondern auch das Thema ,,Motivation". Motivation setzt grundsätzlich Information voraus. Diese Informationsvermittlung geschieht bei Mahr über Gespräche der Vorgesetzten mit den Mitarbeitern und durch die Visualisierung mit Informationstafeln in den verschiedenen Abteilungen. Dabei werden übergeordnete Ziele oder Gruppen- und Abteilungsziele anhand einer Gegenüberstellung des Soll-Ist-Zustandes visualisiert. Kernpunkt war, ein Bewusstsein beim Mitarbeiter zu schaffen, das ihn aus eigenem Antrieb veranlasst, qualitativ gute Arbeitsergebnisse zu erzeugen. Dies galt für Mitarbeiter aus allen Abteilungen. Zielvereinbarungen, das Mitarbeiterbeteiligungsmodell und die jährlich stattfindenden Mitarbeitergespräche sowie die Vorgesetztenbeurteilung waren geeignet, die Forderungen zu erfüllen.Großer Wert wird bei Mahr auf das Thema ,,Kontinuierliche Verbesserung" gelegt. Die gesetzten Ziele, den Umsatz in fünf Jahren zu verdoppeln, die Triadenmärkte in Europa, Asien und Nordamerika konsequent zu erschließen und höchste Qualität weltweit anzustreben, erfordern, dass sowohl die Abläufe und Organisationsstrukturen immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden als auch Maßnahmen zur kontinuierlichen Weiterentwicklung eingeleitet und umgesetzt werden. Dafür werden von der VDA-Norm Werkzeuge und Methoden gefordert. Diese Weiterentwicklung kommt letztendlich den Kunden in Form von schnelleren, stabileren, fehlerfreien Prozessen wieder zugute. Bei Mahr wird die kontinuierliche Verbesserung durch verschiedene Methoden vorangetrieben. Neben den klassischen Verbesserungsvorschlägen, die die Mitarbeiter aus eigenem Antrieb heraus jederzeit über einen Ideenbeauftragten einreichen können, zählen KVP-Projekte, KVP-Workshops, Qualitätsgespräche und die Anwendung des eingeführten Quality-Operating-Systems zu den wichtigsten KVP-Methoden. Von Seiten der Norm sollten die entsprechenden Anforderungsprofile der Mitarbeiter und die Dokumentation der Schulungsmaßnahmen für die Mitarbeiter zur Teilnahme an den KVP-Maßnahmen vorliegen. Beim Thema Schulung gewinnt die Auseinandersetzung der Vorgesetzten mit den Anforderungsprofilen der Mitarbeiter eine große Bedeutung. Nicht die Stellen sind im Detail zu beschreiben, sondern die nötigen Schlüsselqualifikationen sind transparent zu machen. Dabei geht es um einen Soll-Ist-Abgleich der Mitarbeiterqualifikation. Ist die Anforderung definiert und weicht der Qualifikationszustand erkennbar vom notwendigen Qualifikationsprofil ab, sollten entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten eingeleitet werden. Dies macht sich insbesondere dann bemerkbar, wenn neue Systeme und Methoden eingeführt werden. Augenmerk wird dabei auch auf die formalisierte Überprüfung der Wirksamkeit der Schulungsmaßnahme gelegt. Bei Mahr wird dies im Rahmen des jährlich stattfindenden Mitarbeitergesprächs durchgeführt. Beim Thema ,,Produktsicherheit" wurde eine Sensibilisierung der Mitarbeiter zur Produkthaftung durchgeführt. Das finanzielle Risiko durch entsprechende Rückrufaktionen in der Automobilindustrie, wird den Mitarbeitern schnell deutlich. In enger Zusammenarbeit mit dem Versicherungs-Partner wurde das Thema ,,Produkthaftpflicht und Risikoeinschätzung" überarbeitet. Produktrisiken werden anhand von FMEA (Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse) identifiziert. Die Bedeutung von Betriebsanleitungen und Konformitätserklärungen wurde im Hause erneut diskutiert.Umsetzen der VDA 6.4 hilft bei Umstellung auf ISO 9000:2000Die Entscheidung die Anforderungen nach VDA 6.4 zu erfüllen wurde bewusst unter der Chance der Weiterentwicklungsmöglichkeit des vorhandenen Qualitätsmanagement nach ISO 9001 getroffen. Das Vertrauen gegenüber einem großen Teil unserer Kunden sollte damit ausgebaut werden. Die Integration in das bestehende Management-System und das Anpassen und Überarbeiten bestehender Verfahren, schon im Hinblick auf eine stärkere Prozessorientierung, waren Vorgaben bei der Umsetzung. Die Weiterentwicklung des Qualitätsmanagement-Systems sollte Kundennutzen bringen. Nur ein Zertifikat vorweisen zu können, um in der Lieferantenliste zu stehen, ist zu wenig. Das Bearbeiten und Umsetzen der Anforderungen aus VDA 6.4 hat auch einen deutlichen Vorteil beim Umstellen auf die ISO 9001:2000 gebracht. Ein großer Teil der neuen Anforderungen aus dieser Norm ist damit bereits realisiert. Das Mahr ein funktionierendes Qualitätsmanagement-System nach VDA 6.4 nachweisen kann, wurde im Januar 2001 durch den TÜV Management Service bestätigt.

Artikelfiles und Artikellinks