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Porträt: Renate Pilz Unternehmerin mit Herz und Energie

Die Unternehmerin Renate Pilz geht Ende 2017 in den wohlverdienten Ruhestand. Was Sie alles erlebt hat und wie sie das Unternehmen Pilz zum Erfolg geführt hat, zeigt dieses Porträt.

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Die Unternehmerin Renate Pilz geht Ende 2017 in den wohlverdienten Ruhestand.
Die Unternehmerin Renate Pilz geht Ende 2017 in den wohlverdienten Ruhestand.
(Bild: Reinhold Schäfer)

Ora et labora – bete und arbeite, ja, dieser Grundsatz, der den Benediktinern zugeschrieben wird, könnte auch auf Renate Pilz zutreffen, denn sie ist nicht nur eine fleißige Unternehmerin, sondern auch sehr gläubig und das Gebetbuch liegt griffbereit auf ihrem Schreibtisch.

Doch der Reihe nach: Renate Pilz wurde am 22. November 1940 in Göppingen geboren. Dort ist sie auch aufgewachsen – während der Zweite Weltkrieg wütete. „Ich habe das nicht so bewusst erlebt“, erinnert sich die mit geradezu jugendlichem Charme antwortende Chefin des Automatisierungsunternehmens Pilz, „doch das Gefühl bleibt immer in mir erhalten.“ Der Vater war im Krieg und Renate wuchs bis 1946 alleine bei ihrer Mutter auf. Dann kam ihr Vater aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft zurück. „Und das war das Gute, dass er schon 1946 zurückkam“, erzählt die Unternehmerin weiter. Bald darauf kam auch ihre jüngere Schwester zur Welt. „Ich kenne alle diese Ängste und Verluste sowie die Sorgen. Denn wir hatten damals sehr, sehr wenig.“

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Es war die Zeit des Aufbaus und des harten Arbeitens, aber man habe auch immer zusammengestanden und das Zusammengehörigkeitsgefühl und das gegenseitige Stützen und Helfen war hoch. Natürlich gab es damals sehr viele Kinder in der Schule, die ohne Vater waren. „Und hier war ich besonders dankbar, dass mein eigener Vater wieder zurückgekommen war.“ Auch die Schulspeisung, der Lebertran, den es zu essen gab, und die Hilfe durch die Amerikaner seien noch sehr präsent – und das alles sei prägend gewesen. Für Hobbys war damals keine Zeit. Ihre große Leidenschaft war Lesen. Das hat sie heimlich getan – nachts unter der Bettdecke, mit der Taschenlampe in der Hand. Auch nach dem Abitur, Lieblingsfächer waren übrigens Biologie, Mathematik und Musik, war keine Zeit zum Ausruhen.

1965 lernte sie Peter Pilz kennen, der sich sofort in sie verliebte und so wurde im Januar 1966 geheiratet.

Mit einer Glasbläserei fing alles an

Der Vater von Peter Pilz gründete 1948 das Unternehmen Pilz, eine Glasbläserei. Dort wurden damals medizinisch-technische Glasbehälter und auch Röhren hergestellt, die das stromleitende Quecksilber beinhalteten, zum Schalten von Relais. „Peter hatte gerade mit dem Ingenieurstudium in Esslingen begonnen, als er nach einem Herzinfarkt seines Vaters interimsmäßig im Unternehmen mitarbeiten musste“, erzählt die Unternehmerin weiter. „Es war die Zeit, als Kunststoff vielerorts den Werkstoff Glas abgelöst hat. Peter hat damals sofort erkannt, dass das Geschäft mit den Spritzenkolben, das die Haupteinnahmequelle war, sehr schnell wegbrechen wird. Er hatte eine abgeschlossene Elektrolehre und als Elektronikbegeisterter – das war damals ganz neu und man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen – hat er daraus ein Elektronikunternehmen gemacht. Allerdings habe ich nicht im Unternehmen meines Mannes mitgearbeitet und mein Mann hat selten über das Unternehmen gesprochen – einzig, wenn er begeistert von der Technik erzählt hat, habe ich davon etwas mitbekommen. Er war ein Visionär und hat in kurzer Zeit unendlich viel bewegt. Das waren auch Dinge, die heute noch im Unternehmen wirken, deshalb ist er immer noch im Unternehmen spürbar“, führt die Pilz-Chefin aus.

Sie erinnert sich noch genau an das letzte Wochenende mit ihrem Mann: „Am Sonntag hatten wir noch Freunde eingeladen und als die gegangen waren, sagte er zu mir: ‚Falls mir mal was passiert, dann nimm einen Geschäftsführer, denn jetzt läuft das Unternehmen‘.“ Am darauffolgenden Tag verunglückte Peter Pilz tödlich bei einem Flugzeugunglück auf dem Weg zur Messe Leipzig. Das war 1975. „Ich habe dann einen Geschäftsführer eingestellt und bin in den Beirat gegangen.“ Es sei für sie auch kein großes Problem gewesen, sich in das Unternehmen einzuarbeiten, weil ihr Mann alles gut dokumentiert habe. Erst als die Kinder selbst für sich sorgen konnten und um das Unternehmen im Sinne ihres Mannes weiterzuführen, hat sie 1994 die Geschäftsführung übernommen.

Nachdem beide Kinder schon in anderen Unternehmen tätig waren, kamen sie zu Pilz und seit über zehn Jahren führen sie zusammen mit der Mutter im selben Büro das Unternehmen, das 2016 einen Umsatz von 306 Mio. Euro erzielte. Um erfolgreich zu sein, gibt das Unternehmen regelmäßig rund 20 % seines Umsatzes für Forschung und Entwicklung aus. Am Stammsitz in Ostfildern werden 2017 zusätzlich 7 Mio. Euro in Forschung und Entwicklung investiert. Denn nach dem Anlaufen der Produktion im neuen Peter-Pilz-Produktions- und Logistikzentrum wird der bisherige Produktionsbereich in ein Forschungs- und Entwicklungszentrum umgebaut. Dort werden dann rund 330 Ingenieure auf 7300 m² neue Techniken und Produkte für die Automatisierung entwickeln.

Ab Ende 2017 nur noch Privatfrau

Ende 2017 wird sich nun die Unternehmerin gänzlich aus dem 2200 Mitarbeiter zählendem Unternehmen zurückziehen und sich den Dingen widmen, zu denen sie immer zu wenig Zeit hatte: Wandern, Bücher lesen und klassische Musik hören. „Wenn ich natürlich nach einem Rat gefragt werde, werde ich den selbstverständlich geben, aber ich weiß, dass das Unternehmen in den Händen meiner Kinder gut aufgehoben ist.“

Das Lieblingsbuch der bald 77-Jährigen ist übrigens die Bibel. Bei der Frage nach dem Lieblingsfilm überlegt sie nur kurz und dann kommt die pfeilschnelle Antwort: „Hidden Figures“. Unerkannte Heldinnen ist eine US-amerikanische Filmbiographie von Theodore Melfi, die auf dem Buch von Margot Lee Shetterly basiert und die Geschichte von drei afroamerikanischen Mathematikerinnen erzählt, die maßgeblich am Apollo-Programm der Nasa beteiligt waren, sogar die Grundlage erst geschaffen hatten, ohne dafür eine Anerkennung zu erfahren. „Ich liebe diesen Film“, gesteht die Seniorin.

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Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Dipl.-Ing. (FH) Reinhold Schäfer

Redakteur, MM MaschinenMarkt