Wachstumsbranche „Wir stehen in der Robotik vor einem guten Jahrzehnt“

Das Gespräch führte Karin Pfeiffer 8 min Lesedauer

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Zweistellige Wachstumsraten in der Robotik und auch die Automatisierung legt doppelt so stark wie die Wirtschaft insgesamt zu. Dr. Klaus Kluger von Omron skizziert die Treiber im Markt.

Automatisierung wird notwendig, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.(Bild:  Omron)
Automatisierung wird notwendig, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
(Bild: Omron)

Wenn Sie als Automatisierer auf Land und Märkte schauen: Was treibt Sie um?

Auf jeden Fall Effizienz. Dahinter stecken verschiedene Treiber. Die Anforderungen, die die Automatisierungsindustrie nicht nur in Deutschland, sondern global erfährt, sind ja sehr vielschichtig. Etwa der Fachkräftemangel: Die Babyboomer gehen in Rente, die Menschen werden weniger. Wie will ein Land wie Deutschland mit dem Problem umgehen?

Wir können sicher über die Migration noch den ein oder anderen Mitarbeiter gewinnen. Wir können mehr Frauen an den Start schicken. Wir können länger arbeiten. Das alles wird aber dieses Problem, das ja in Millionenzahlen hineingeht, nicht abfangen.

Wie ließe sich denn der Fachkräftemangel parieren?

Wir werden das Problem nur abfangen, wenn wir einen stärkeren Grad von Automatisierung in der Industrie haben. Von daher ist es für den Standort in Deutschland essenziell, dass wir in der Zukunft mehr automatisieren. Das ist im Grunde genommen auch unsere Zielrichtung bei Omron. Wir möchten den Unternehmen helfen, einen höheren Automatisierungsgrad zu erreichen – einerseits Mitarbeiter einzusparen, die sie schlicht nicht mehr finden auf dem Markt.

Was aber mindestens genauso wichtig ist, dass wir effiziente Abläufe gewährleisten. Stichwort Energiesparen. Energie ist ein ganz, ganz großes Thema in der Industrie im Moment, weil wir natürlich sehen, dass die extrem teuer ist und mittlerweile auch in der deutschen Industrie als Standortnachteil angesehen wird.

Ist es da nicht praktisch, jetzt im Automatisierungsgeschäft zu sein? Da kommt doch offenbar enorm viel Geschäft auf Sie zu, oder?

Ja! Deshalb sehen wir für uns – und überhaupt für die gesamte Automatisierungsbranche – in den nächsten Jahren durchaus gute Chancen.

Können Sie die „guten Chancen“ beziffern?

Das ist ganz schwierig zu sagen, das hängt so ein bisschen von der Sparte ab. Wenn Sie sich die kollaborativen Roboter anschauen, auch die mobilen Roboter anschauen - da haben wir zweistellige Wachstumsraten pro Jahr in der Industrie. Das sind einfach Trendthemen, die im Moment sehr, sehr stark nachgefragt werden.

Aber auch in der allgemeinen Automatisierung, würde ich sagen, liegen wir bestimmt beim doppelten des normalen Wachstums, den wir hier in der Bundesrepublik haben. Ich denke, das ist realistisch.

Zweistellige Wachstumsraten in der Robotik?

Ja, auch wenn in 2023 jetzt vermutlich eine Delle kommt, aber wohl eine sehr, sehr kleine, wie alle prognostizieren. Auch wir haben im ersten Halbjahr eine relativ verhaltene Situation bei den Auftragseingängen.

Und nach der kleinen Delle geht’s so richtig los?

Das soll nicht den Eindruck erwecken dass Automatisierung gerade erst losgeht. Die ersten Roboter sind ja schon 1961 bei General Motors eingebaut worden, alleine Robotik gibt es jetzt bereits seit 60 Jahren. Aber was wir in der Tat sehen ist, dass sich das in den vergangen Jahren doch deutlich beschleunigt hat aufgrund der Digitalisierung und den damit einhergehenden neuen Möglichkeiten.

Wir stehen da vor einem guten Jahrzehnt, in dem sich die Automatisierung sehr deutlich weiter entwickeln wird – und auch die Umsatzzahlen.

Dr. Klaus Kluger ist General Manager Central East Europe bei der Omron Electronics GmbH.(Bild:  Karin Pfeiffer)
Dr. Klaus Kluger ist General Manager Central East Europe bei der Omron Electronics GmbH.
(Bild: Karin Pfeiffer)

Weil in der Automatisierung so viel Potenzial steckt, die großen Probleme unserer Zeit anzupacken – und vielleicht auch einen guten Teil zu lösen?

Richtig. Die ganzen Effizienzthemen der klassischen Automatisierung sind auch die Hebel für Fachkräftemangel und Energieeffizienz. Das sind aber nur die offensichtlichen Potenziale. Was man natürlich noch sehen muss: Die Planung und die Durchführung von Projekten in der Automatisierung hat sich kolossal verändert. Virtual Engineering – der digitale Zwilling als Stichwort – verkürzt natürlich auch die Prozesse. Wir sind keine Anlagenbauer, aber unsere Partner können nun die Anlage vorsimulieren, sich anschauen, wie die Zykluszeiten, Durchlaufzeiten, Energieverbraucht und Output ist – und das vorab optimieren. Wenn es dann tatsächlich in die Realisierung geht, muss nicht mehr ausprobiert, sondern nur noch umgesetzt werden. Das verkürzt die Prozesse, macht sie schlanker, kostengünstiger und am Ende effizienter.

In der flexiblen Produktion mit modularen Zellkonzepten spielen mobile Roboter eine wichtige Rolle.(Bild:  Omron)
In der flexiblen Produktion mit modularen Zellkonzepten spielen mobile Roboter eine wichtige Rolle.
(Bild: Omron)

Prägen sich in dieser Dynamik auch mehr Anwendungsfelder aus? Zum Beispiel Flexible Manufacturing?

Flexible Fertigung und nichtlineare Prozesse sind Entwicklungen, die es in der Produktion eh gibt. Die haben nicht ursächlich etwas mit der Automatisierung zu tun. Aber die Automatisierung ist natürlich in der Lage, das super zu unterstützen. Das heißt, da kommen zwei Partner zusammen, die sich immer gesucht haben.

Die Tendenz, nicht linear zu produzieren, zeigt sich beispielsweise in der Automobilfertigung schon eine ganze Reihe von Jahren, einfach aus Effizienzgründen. Gearbeitet wird dann in aller Regel mit modularen Roboterzellen, die sich auch unterschiedlich konfigurieren lassen. Fällt eine aus, können die anderen weiterarbeiten. In der linearen Produktion stünde dann alles still, wie ein Kofferband am Flughafen, wenn der Koffer querliegt.

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Was bedeutet das modulare Produktionszellen-Konzept für die Steuerung?

Die Steuerung ist ohnehin schon drin in der Zelle. Was das aber vor allen Dingen heißt ist, dass diese Zellen miteinander verknüpft werden. Und da spielt mobile Robotik eine ganz zentrale Rolle. Sie müssen ja das Produkt, was Sie in der Zelle A gemacht haben, in die Zelle B überführen. Dieser Bereich der Intralogistik ist ein ganz zentraler, und da spielen die AMRs (Autonome Mobile Roboter) als eine Transportmöglichkeit eine große Rolle.

Welche Technologien spielen in die Themen Energieeffizienz, Flexible Manufacturing & Co. noch mit rein?

Vorausschauende Wartung spielt eine große Rolle. Wie wir heute KI in der Automatisierungstechnik einsetzen ist das, was man Deep Learning nennt. D.h. wir schauen uns einen Prozess an, analysieren den, definieren den Normalzustand und können anhand von Abweichungen aufschlüsseln, wo es hakt. Das sind alles Möglichkeiten, um Anlagenstillstände zu verhindern. Das ist ein zentrales Wesen der Digitalisierung.

Wird sich an der Rolle der Steuerung, der klassischen Steuerung etwas ändern?

Die wird immer mehr integrierter und vor allem auch immer stärker vernetzt werden. Ob das jetzt das ERP-System ist, die Instandhaltung oder das gesamte Supply Chain – die ganze Verkettung der Prozesse wird intensiver. Und da wird natürlich auch die Steuerung mehr integriert.

Übernimmt dann künftig womöglich der Roboter auch die Steuerung der gesamten Produktion?

Das sehe ich eher nicht. Das wird nicht dem Roboter überlassen werden. Das wird eher das ERP-System sein, das werden Supply-Chain-Systeme sein. Und dann die Controller letztlich, die die Anlagen kontrollieren. Der Roboter an sich ist ja, wenn Sie so wollen, in der Anlage immer ein zentrales Element, was das Produkt von A nach B sortiert, was Sortieraufgaben vornimmt oder etwas einschraubt. Aber ein handelnder Akteur, kein kontrollierender Akteur, keine Managerrolle.

Heißt also, dass auch die Partnerschaften zu ERP-Herstellern wie etwa SAP eine ganz wichtige Rolle spielen in der Weiterentwicklung der Automatisierung?

Ja, ganz richtig. Die Ankopplung an ERP-Systeme, SAP oder anderen, die spielen eine entscheidende Rolle.

Haben Sie da eine Partnerschaft?

Wir haben hier Partnerschaften mit verschiedenen Unternehmen, werden das im nächsten Jahr noch intensivieren.

Immer mehr positionieren sich mit einer Automatisierungsplattform. Was verstehen sie darunter?

Unsere Automatisierungsplattform heißt Sysmac. Sie zeichnet sich durch eine durchgängige Integration aus, vom Maschinencontroller bis zur Software. Vereinfacht gesagt ist die Plattform wie beim Menschen das Rückgrat. Und über das Rückgrat werden die Gliedmaßen gesteuert. Und das Schöne an so einer einheitlichen Steuerung ist, dass Sie keine Schnittstellenprobleme haben. D.h. alle unsere Komponenten, die wir in der Automatisierungstechnik an den Markt bringen, lassen sich mit der Sysmac-Steuerung verknüpfen.

Das ist in der Automatisierungstechnik – im Moment – noch ein großes Plus. Bei uns ist alles aus einem Guss. Das verstehen wir im Moment unter Automatisierungsplattform. Das ist natürlich ein lebendiger Begriff, der wird sich in den nächsten Jahren im Rahmen der Digitalisierung und Ausweitung auf ERP-Systeme etc. sicherlich noch ein stückweit ändern. Das sind viele Hersteller am Ball. Und es gibt unheimlich viele gute Lösungen. Das muss man einfach sagen.

Ein ganz anderes Thema: Refurbished.

Das machen wir schon heute, bei uns können Sie einen gebrauchten Roboter kaufen – ähnlich wie bei Handys. Viele Kunden geben die Roboter zurück, weil sie vielleicht die ganze Anlage neu installieren oder aufbauen, sie tauschen die Geräte auch aus, weil sich vielleicht die Anforderungen im Betrieb geändert haben. Dann findet man eben eine Lösung im Vertrieb. Kein richtiges Geschäftsfeld, häufig verschenken wir die gebrauchten Geräte auch einfach an Universitäten. Vor nicht allzu langer Zeit haben wir unsere Reparatur-Arbeiten in Europa zentralisiert, die finden jetzt alle in unserem zentralen Werk in Holland statt.

Der Trend zu sich selbst zerlegenden Verpackungsmaterialien bringt für die Automatisierungstechnik enorme Herausforderungen mit sich.(Bild:  Omron)
Der Trend zu sich selbst zerlegenden Verpackungsmaterialien bringt für die Automatisierungstechnik enorme Herausforderungen mit sich.
(Bild: Omron)

Und Recyceln?

Das betrifft uns selbst auch bei unseren Kunden. Beispielweise hat die Verpackungsindustrie das Thema im Moment, weg von Plastik hin zu sich selbst zerlegenden Verpackungsmaterialien zu gehen. Das hört sich alles wunderbar an und ist für den Verbraucher auch eine tolle Nachricht. Für die Automatisierungstechnik ist das die Hölle. Weil natürlich die Maschinen jetzt ein völlig anderes Verhalten der Kunststoffe, die sich da selber zerlegen, bearbeiten müssen. Das ist auch eine Riesen-Herausforderung für die Verpackungs-Industrie, sich diesen neuen Anforderungen zu stellen.

Was wir aber auch sehen, und ich denke, das ist sogar eine gute Nachricht ist, dass eigentlich bei allen neuen Projekten nun ein bisschen vom Ende her gedacht wird. Stichwort Kreislauf-Wirtschaft. Das sehen wir jetzt doch nahezu bei allen Kunden: Wie kann ich das hinterher so zerlegen, dass ich die Rohstoffe wieder nutzen kann?

Das Recyeln wird also am Anfang reindesignt in die Maschinen?

Richtig. Man muss sich am Anfang des Prozesses sich eigentlich überlegen, was am Ende steht und wie man es wieder auseinandernehmen kann.

Was ist Ihr persönliches Lieblingsthema aktuell?

Ich komme ja aus der Robotikschiene und bin auch im VDMA im Vorstand Robotik und Automation, von daher ist mir Robotik relativ nah. Über Jahre hatten wir immer das Thema, das Robotik ein Jobkiller sein soll. Das hat sich erfreulicherweise in den letzten zwei, drei Jahren ganz massiv gedreht. Ich sehe mit großer Freude, dass sich an breiter Front die Erkenntnis durchsetzt, dass Roboter nicht schädlich sind, sondern im Gegenteil. Für eine leistungsfähige Industrie brauchen wir moderne, leistungsfähige Technologien. Robotik ist nicht das alleinige Heilmittel, aber sie ein integraler Bestandteil. Robotik gehört dazu.

Ergänzendes zum Thema

„Jahrelang galt Robotik als Jobkiller. Das hat sich erfreulicherweise komplett gedreht.“

Dr. Klaus Kluger von Omron

Dr. Klaus Kluger

Dr. Klaus Kluger ist General Manager der Regionen Zentral- und Osteuropa bei der Omron Electronics GmbH in Langenfeld. Zuvor hatte er die Position des Managing Director Europe bei Omron Adept Technologies inne. Dr. Kluger ist zudem Vorstandsmitglied im Fachverband Robotik des VDMA.

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