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Frauen und Technik

Deswegen wurde ich Ingenieurin

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Von der Tochter zur Chefin

Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, haben wir sechs Geschäftsführerinnen nach ihren Beweggründen bei der Berufswahl gefragt. Bei Familienunternehmen steht natürlich der Punkt „Tochter“ vorne. So auch bei Veronica Just. „Meine Mutter hat Millutensil gegründet. Für sie war es wichtig, dass meine Schwester und ich sie im Unternehmen unterstützten“, erzählt die Italienerin. Bei Bonfiglioli kam noch Ehrgeiz dazu: „Ich entschied mich zum Studium des Maschinenbaus, weil es mein Ziel war, im Familienunternehmen mit mindestens dem gleichen technischen Know-how wie meine zukünftigen Kollegen zu arbeiten.“ Der Zufall wollte, dass wir hier ein Klischee bedienen: die Italiener mit ihrem starken Familienbezug. Aber auch der deutsche Mittelstand bietet familiengeführte Unternehmen, in denen Töchter zu Geschäftsführerinnen wurden und werden. Hier lag der Frauenanteil 2013 bei 20 % im gesamten Mittelstand. Im verarbeitenden Gewerbe waren es nur noch 11 %, meldeten die Mittelstands Nachrichten. Ein Beispiel hierzu ist Susanne Kunschert. Die geschäftsführende Gesellschafterin von Pilz teilt sich die Verantwortung mit ihrem Bruder. Kunschert allerdings ist keine Technikerin, doch sie liebt Zahlen: „Man braucht Kreativität, um zu sehen, was hinter den Zahlen steckt, welche Zusammenhänge es gibt und wie Zahlen entstehen. Dann werden Zahlen bunt.“

Problemlöser und Pionier

Ganz andere familiäre Gründe trieb Denz in die technische Richtung: „Bei mir war Abgrenzung zu meiner Familie und meinen beiden Geschwistern bei der Berufswahl entscheidend. Und die Tatsache, dass ich mich als Kind schon für technische Zusammenhänge im Alltag interessiert habe.“ Wahrscheinlich interessieren sich viele Mädchen für Technik, werden jedoch von ihrer sozialen Umwelt eines vermeintlich Besseren belehrt. Mädchen, die von einer Arbeit in einem technischen Umfeld und einer Karriere träumen, gibt es. Sie müssen sich allerdings ihren Freundinnen stellen. Und diese haben möglicherweise aus Gesprächen, Erlebnissen, Fernsehsendungen und Büchern erfahren, dass eine Frau mit Vollzeitjob keine Familie haben darf. Ein Gerücht, das sich schon sehr lange in unserer Kultur hält – und von vielen Frauen widerlegt wurde. Renate Pilz beispielsweise, die Mutter von Kunschert, hat den Familienbetrieb an die Spitze der Automatisierungsbranche gebracht und gleichzeitig zwei Kinder großgezogen.

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Munoz-Galeano hat ebenfalls zwei Kinder. In ihrer eigenen Kindheit zerlegte sie das Familienradio, weil sie wissen wollte, wie die Stimmen übertragen werden. Später studierte sie Nachrichtentechnik und Elektrotechnik. „Ich bin Ingenieurin geworden, weil ich durch Technik meine Umgebung verändern wollte“, erzählt sie uns. Sie wollte den Menschen in ihrer Heimat die Fernkommunikation erleichtern. Ein sozialer Aspekt. Suchen Sie bei Twitter doch mal nach „#Ingenieurinnen“. Viele der wenigen Frauen, die sie dort finden, arbeiten in Bereichen mit sozialem Aspekt oder in Umweltprojekten. Ein Klischee? Die Aussage von Knuth „Ich löse sehr gerne Probleme, die längere Zeit ungelöst waren“ bringt eine weitere Sichtweise dazu: die Frau als Problemlöser. Oder: die Frau als Entdecker und Pionier. Letztere These wird von ihrer Aussage „Ich gehe den Dingen gerne auf den Grund“ gestützt sowie von Denz' und Munoz-Galeanos Beweggründen.

Mitwirkung und Zusammenarbeit

Die pathetischste Antwort auf unsere Frage, welche Stärken Unternehmen aus weiblichen Mitarbeitern ziehen können, gab Just: „Wir geben niemals auf, sind intuitiv, kreativ, haben Feingefühl und lieben unseren Job.“ Die Unternehmensberatung Brettschneider Consulting & Training identifizierte auf Basis einer Langzeitstudie von Gallup folgende Eigenschaften als Vorteile von Frauen in der Chefetage: „Sie gewinnen das Vertrauen der Mitarbeiter/-innen, werden zum Vorbild, setzen Ziele, entwickeln Pläne und setzen sich für Neuerungen ein. Sie agieren als Mentor, eröffnen neue Handlungsspielräume und motivieren die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, ihr Leistungspotenzial voll auszuschöpfen. Sie vermitteln Autorität, indem sie Mitarbeiter/-innen in die Entscheidungsfindung einbeziehen und als positives Vorbild wirken. Sie setzen also stärker auf Mitwirkung und Zusammenarbeit. Gerade in schwierigen Zeiten ist dieser transformationale Führungsstil erfolgversprechend.“

Bei Munoz-Galeano arbeiten 17 Frauen in einem 34 Personen starken Unternehmen. Sie setzt auf Teamarbeit. Jedes Projekt erhält ein eigens auf eben dieses zugeschnittenes Team. Die Hälfte ihrer Mitarbeiter sind also Frauen. Warum? „Frauen haben eine andere Perspektive und können damit zum Erfolg eines Unternehmens beitragen. Außerdem ergänzen Männer und Frauen sich. Bündelt man diese in einem Team, werden die Ergebnisse viel besser. So werden auch Produkte besser“, erklärt Munoz-Galeano. Auch Knuth sieht bessere Ergebnisse aus geschlechtergemischten Teams hervorgehen. Für Kunschert fehlt etwas, wenn Strukturen von einem Geschlecht dominiert werden. Und ihre Mutter hat einen weiteren Aspekt aufgegriffen, den Frauen fördern: flache Hierarchien. „Meine Mutter hat den Ausspruch geprägt, dass es im Unternehmen zwar Hierarchien geben muss, aber kein hierarchisches Denken“, erzählt uns Kunschert. Sie selbst nimmt sich auch Zeit für Gespräche mit einzelnen Mitarbeitern. „Dann geht es um den Menschen.“ Auch Bonfiglioli sieht die Vorteile von gemischten Teams: „Pluralität, Vielfalt im Allgemeinen, aber auch im Geschlecht, erweitert die Ansichten und hilft, notwendige Antworten zu finden.“ Um diese Meinung zu untermauern und zu zeigen, wie Familie auch funktionieren kann, erzählt sie uns von ihrem aktuellen Projekt: Sie will den Horizont ihrer Söhne erweitern. Mit ihnen restauriert sie einen Willys MB Jeep von 1944, um das „mechanische Fieber auf sie zu übertragen“. Derweil kocht ihr Mann das Abendessen.

Seien Sie Selbstbewusst und Risikobereit

Frauen interessieren sich also für Technik, wollen Karriere machen und können auch gute Chefs sein. Nur kommen viele erst gar nicht so weit, weil sie auf dem Weg dahin bereits ausgebremst werden – von anderen und von sich selbst. Was hat unsere Geschäftsführerinnen nach vorne gebracht, wie kamen sie an die Spitze von Technikunternehmen?

Zuerst eine allgemeine Feststellung von Kunschert: „Eine Frau kann ein genauso guter Ingenieur sein wie die männlichen Kollegen.“ Auch Just hebt hervor, dass es „nicht wichtig ist, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Was zählt, ist, dass man seine Arbeit gut macht.“ Gute Arbeit abzuliefern, ist auch das Argument, mit dem Denz die Frauenquoten-Diskriminierung abschmettert. Dazu müssen Frauen sich aber auch klar darüber sein, dass sie ihre Sache gut machen – anstatt ihr Können unter den Scheffel zu stellen. Für Mint-­Frauen ein paar Tipps der Geschäftsführerinnen:

  • „Frauen sollten selbstbewusster und risikobereiter sein und an ihre Kompetenzen und Fähigkeiten glauben.“ (Munoz-Galeano)
  • „Seien Sie mutig und selbstbewusst. Setzen Sie Ihren Ambitionen keine Grenzen.“ (Bonfiglioli)
  • „Frauen müssen sich trauen, ihre Position einzufordern und selbstbewusst ihre Weiblichkeit und Führungsstärke präsentieren.“ (Knuth)
  • „Wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben.“ (Kunschert)

Zu Risikobereitschaft und Selbstbewusstsein gehört auch, die Angst vor Fehlern abzulegen.

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Über den Autor

 Simone Käfer

Simone Käfer

Redakteurin für Additive Fertigung und Werkstoffe, MM MaschinenMarkt