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Exklusiv-Interview „Die iranische Industrie hat deutlichen Bedarf“

| Autor: Stéphane Itasse

Die Euphorie in der Wirtschaft war groß, als Anfang 2016 die EU ihre Sanktionen gegen den Iran aufgehoben hat. Wie die Lage derzeit ist, erläutert Burkhard Dahmen, Vorsitzender des Nah- und Mittelost-Vereins e.V. (Numov) und Vorsitzender der Geschäftsführung der SMS Group, im Exklusiv-Interview.

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Burkhard Dahmen ist Vorsitzender der Geschäftsführung der SMS Group.
Burkhard Dahmen ist Vorsitzender der Geschäftsführung der SMS Group.
(Bild: SMS Group)

Welche Perspektiven bietet aktuell der Iran für die deutsche Fertigungsindustrie?

Im Bereich Instandhaltung und Serviceleistungen gibt es laufendes Geschäft. Die SMS Group bietet hier zum Beispiel mit einem iranischen Partner im Rahmen eines Joint Ventures entsprechende Dienstleistungen an. Auch für die Lieferung von Maschinen und Anlagen besteht eine zunehmende Nachfrage. Diese Geschäfte können bislang aber nur auf Akkreditivbasis oder mit einer kurzfristigen Finanzierung realisiert werden. Für die Realisierung von Großprojekten fehlt nach wie vor die langfristige Finanzierung durch internationale Banken.

In welchen Branchen des Irans stellen Sie derzeit ein besonders hohes Investitionsinteresse fest?

Für die iranische Industriebasis besteht in allen Sektoren infolge der Auswirkungen des Embargos ein deutlicher Modernisierungs- und Neubaubedarf. Hierbei sind vor allem die Bereiche Öl- und Gas­industrie, Maschinenbau und Automobilindustrie, die Luftfahrtindustrie und auch die Rohstoffindustrie zu nennen.

Die SMS Group hat zum Beispiel mit Kunden der iranischen Stahlindustrie Verträge zur Errichtung neuer Anlagen im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro unterzeichnet. Diese können aber erst in Kraft treten, wenn die Finanzierungsfragen gelöst sind.

In welchem Umfang wurden aus Ihrer Sicht die Erwartungen der deutschen Industrie an das Irangeschäft seit Aufhebung der Sanktionen im Januar 2016 erfüllt und welches sind die Gründe für diese Entwicklung?

Nach Unterzeichnung des Atomabkommens JCPOA (Joint Comprehensive Plan of Action, Anm. d. Red.) im Januar 2016 bestand zunächst berechtigte Hoffnung darauf, dass die Geschäftstätigkeit mit ausländischen Partnern sich wieder deutlich beleben würde. Durch Aufrechterhaltung der amerikanischen Sanktionen und Restriktionen im Finanzierungsbereich haben sich die Aussichten darauf aber bis heute für den überwiegenden Teil der iranischen Wirtschaft nicht grundsätzlich verbessert.

Wie wirkt sich aus Ihrer Sicht die Zurückhaltung der Banken auf das Irangeschäft der deutschen Industrie aus und was können Industrieunternehmen in dieser Situation tun?

Deutsche Unternehmen haben aufgrund ihrer jahrzehntelangen Geschäftsbeziehungen und Leistungen aus der Zeit vor dem Embargo nach wie vor einen guten Ruf im Iran.

Unsere iranischen Partner benötigen für die Realisierung der meisten Projekte eine langfristige Finanzierung. Und diese ist, wie bereits erwähnt, zurzeit weiterhin nicht erhältlich. Aktuell gibt es Rahmenkreditabkommen mit anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Italien, Dänemark und Österreich. Leider noch nicht mit Deutschland. Die deutsche Industrie läuft hier Gefahr, aufgrund dessen durch Lieferanten anderer europäischer Länder ersetzt zu werden. Chinesische und asiatische Anbieter haben bereits wesentliche Marktanteile gewinnen können.

Wie wirken sich noch bestehende Sanktionen der USA auf das Irangeschäft der deutschen Unternehmen aus und was müssen deutsche Exporteure dabei beachten?

In der Tat tragen die bestehenden Iran-Sanktionen der USA sowie die dort anhaltende Diskussion über eine Verschärfung des US-Sanktionsrechts dazu bei, dass die Unsicherheiten auf den internationalen Finanzmärkten eher zunimmt.

Es ist daher wichtig, den direkten Kontakt mit dem iranischen Kunden und Partner zu halten und gemeinsam nach Realisierungsmöglichkeiten, auch in Kooperation mit lokalem Liefer- und Leistungsanteil, zu suchen. Wichtig bleibt die Prüfung des KYC-Ansatzes (know your customer) sowie die Exportkontrollprüfung der genehmigungspflichtigen Güter mit dem Bafa (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, Anm. d. Red.).

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Über den Autor

 Stéphane Itasse

Stéphane Itasse

, MM MaschinenMarkt