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Es geht darum, andere Unternehmen zum Mitmachen zu motivieren
Wie groß war der Andrang der Flüchtlinge? Wurde das Programm positiv aufgenommen?
Hensgen: „Da der Kreis für die Auswahl der Flüchtlinge zuständig war, haben wir hierzu keine eigenen Erfahrungen. Der Kreis berichtete allerdings, dass statt der 20 zum Sprachkurs eingeladenen Flüchtlinge tatsächlich 26 zum Sprachtest erschienen und dass Berufsschulen und VHS lange Wartelisten bei Sprachkursen führen. Das lässt auf ein starkes Interesse an Sprachkursen und Praktikumsangeboten schließen. Ebenso bedauern Flüchtlinge in Gesprächen mit uns, dass sie ohne Zutritt zum Arbeitsmarkt nicht zeigen können, was in ihnen steckt und nichts als Dank an das Land, in dem sie nun friedlich leben und arbeiten können, zurückgeben können.“
Sie haben zunächst mit acht Flüchtlingen in einem Vorbereitungspraktikum begonnen, zwei werden als Azubis übernommen. Wie geht es mit diesen beiden voran?
Matthias Hecker, Leiter der gewerblich-technischen Ausbildung bei Rittal: „Ich habe den Eindruck, dass die Flüchtlinge sehr froh sind, dass sie diese Chance hier bekommen haben. Sie sind sehr diszipliniert, fleißig und ehrgeizig bei der Arbeit. Nur bei der technischen Kommunikation tun sie sich mit ihren Deutschkenntnissen noch etwas schwer. Dafür stehen ihnen – wie allen anderen Auszubildenden – unsere Ausbilder zur Seite.“
Hensgen: „Alle Teilnehmer des Praktikums haben es als Chance begriffen und sich pünktlich, höflich und fleißig in die Abläufe in der Ausbildungswerksatt integriert. Zu dem reibungslosen Ablauf hat sicher auch unser Patenkonzept beigetragen: Wir haben den Flüchtlingen einen deutschen Azubi im zweiten oder dritten Ausbildungsjahr als Paten zur Seite gestellt. Diese Vorgehensweise werden wir auch zukünftig anwenden, denn beide Seiten profitieren von der Zusammenarbeit. Die Azubi-Paten haben Verantwortung übernommen und sich vom Lernenden zum Lehrenden weiterentwickelt. Für die Flüchtlinge war es hilfreich, sich bei Fragen an ihre gleichaltrigen Kollegen wenden zu können.“
Acht von Hunderttausenden, das klingt erstmal wenig. Ist das Projekt der FLG nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Was versprechen Sie sich langfristig von dem Projekt?
Loh: „Das Projekt war für alle Beteiligten ein voller Erfolg. Während wir als Unternehmen vom Talent und Know-how unserer beiden neuen Auszubildenden profitieren, haben die Flüchtlinge die Chance auf eine gesicherte Zukunft. Flüchtlinge bringen nicht nur besondere Talente, sondern auch wertvolle Erfahrungen mit, die wir vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels dringend benötigen. Als global tätiges Unternehmen profitieren wir zudem von der kulturellen Vielfalt unserer Mitarbeiter. Wir gewinnen kulturelle Einblicke, die wir für unsere Arbeit im globalisierten Markt sehr gut nutzen können.
Aber, wir können das nicht allein. Es freut mich daher außerordentlich, dass wir Nachahmer für das Projekt gewinnen konnten. Es haben sich bereits einige Unternehmen gemeldet und nach unseren Erfahrungen und Tipps gefragt. Wir können die Integration von Flüchtlingen nur gemeinsam bewältigen. Mit solchen Projekten können wir positive und Mut machende Zeichen setzen.“
Hensgen: „Wenn das Pilotprojekt mit der Erreichung der Ausbildungsreife seinen Abschluss gefunden hätte, wäre das tatsächlich der berühmte Tropfen auf den heißen Stein gewesen. Alle Beteiligten sind des-halb von vornherein mit anderen Zielsetzungen gestartet: Wir wollten unter Beweis stellen, dass Flüchtlinge in einer überschaubaren Zeit und mit vernünftigem Aufwand fit für eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz gemacht werden können, wenn alle Beteiligten das Projekt zielorientiert angehen. Gleichzeitig sollten Erfahrungen und Erkenntnisse zu möglichen Hürden gesammelt werden. Erfolgreich beschrittene Lösungswege sollten dokumentiert und interessierten Unternehmen zur Verfügung gestellt werden.
Die Erfahrungen und Erkenntnisse wurden nach Abschluss des Pilotprojekts der Öffentlichkeit vorgestellt und breit aufgenommen. Damit wurde ein weiteres Hauptziel des Projekts erreicht, nämlich möglichst viele Unternehmen zu erreichen und zu motivieren, sich ebenfalls zu engagieren.“
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kommunen und zuständigen Behörden?
Hensgen: „Die Tatsache, dass der Kreis und die IHK als Partner bei dem Pilotprojekt mitgewirkt haben, belegt die gut funktionierende Zusammenarbeit auf regionaler Basis. Letzte Transparenz fehlt uns bei der Vielzahl der ehrenamtlich tätigen Stellen. Hier versprechen wir uns von den eingerichteten Runden Tischen und den jüngst ernannten Flüchtlingskoordinatoren bei Bund und Land schnelle Unterstützung.“
Welche politischen/wirtschaftlichen Weichen sollten schnellstmöglich gestellt werden, um die Integration von Flüchtlingen in die deutsche Wirtschaft zu erleichtern?
Hensgen: „Neben den bereits angesprochenen Sprachkursen und der gerade gestarteten Umsetzung einer Potenzialanalyse muss auf die berechtigte Forderung der Wirtschaftsverbände nach einer so genannten „3 zu 2-Lösung“ für Asylsuchende reagiert werden. Das heißt, ausbildungswillige Unternehmen müssen sicher sein, dass eine Ausbildung nicht durch eine Abschiebung o.ä. unterbrochen wird und der Ausgebildete dem Unternehmen weitere 2 Jahre nach Abschluss der Ausbildung zur Verfügung steht. An der Anerkennung von Dokumenten wird seit längerem gearbeitet. Die Frage, ob eine Verkürzung der Sperrzeit bei der Vorrangprüfung Sinn macht, sollte ebenfalls einer Prüfung unterzogen werden.“
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