Gefahrgutlogistik Gefahrgut erfordert stetig steigende Sorgfalt
Der Umgang mit Gefahr- und gefährlichen Gütern entlang der gesamten Supply Chain ist sehr komplex – und erfordert gründlich geschulte Mitarbeiter, sorgfältig ausgestattete Lagermöglichkeiten und einen professionell ausgeführten Transport.
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Die Kunden, die uns ihre Gefahrgüter anvertrauen, kommen aus ganz unterschiedlichen Branchen“, so Dipl.-Wirtsch.-Ing. Andreas Beuermann, Leitung Gefahrgut bei Hellmann Worldwide Logistics, Osnabrück. „Verstärkt handelt es sich um die Chemie-, die Automobil-, die Reinigungsmittel- und die pyrotechnische Industrie. Aber auch die Kunststoffherstellung, der Fahrzeugteilehandel, der medizinische Bereich oder die Landwirtschaft gehören zu unseren Kunden.“
Zu den typischen Gütern, die Hellmann befördert, zählt Beuermann Farben, Lacke, Feuerwerk, Gurtstraffer, Parfümerie-Erzeugnisse, verschiedene Lösungen, Holzschutzmittel, Laugen, Desinfektionsmittel oder auch Pestizide.
„Unsere Kunden sind vornehmlich namhafte Produzenten und Händler der chemischen und petrochemischen Industrie“, so Klaus Wessing, Director Operations bei der Alfred Talke GmbH & Co. KG. Talke Logistik Services übernimmt für sie den Transport, die Lagerung und die Distribution von Produktionsgrundstoffen sowie fertigen Produkten.
„Neben diesen Standard-Dienstleistungen bieten wir unseren Kunden eine weitreichende Palette an Value Added Services, unter anderem die Abfüllung von flüssigen Produkten, beispielsweise von Tankwagen oder Tankcontainern in kleinere Gebindegrößen wie IBCs oder Fässer“, erläutert Wessing weiter. Zu den sehr unterschiedlichen Produkten, mit denen Talke umgeht, zählt das gesamte Spektrum der chemischen und petrochemischen Produktionspalette, von Acrylaten bis hin zu Säuren.
Umschlag von Gefahrgut wie Chemikalien erfordert oft spezielle Anlagen
Ein aktuelles Beispiel für das Leistungsspektrum von Talke ist der Zuschlag für die Planung und den Bau einer Logistikanlage im Chemiepark Münchsmünster. Der Auftrag umfasst die schlüsselfertige Konstruktion eines Logistikzentrums, zu dem neben einer Doppelstocksiloanlage eine Verpackungshalle sowie Büro-und Sozialräume und 16 500 m² befestigte Außenflächen gehören.
Die Logistikanlage dient der Lagerung und dem Umschlag des Lyondell-Basell-Granulatproduktes Hostalen, eines High-Density-Polyethylens; dieses HDPE wird in erster Linie beim Bau von Rohrleitungssystemen für die Gas- und Wasserversorgung, bei Kabelisolierungen und Verpackungsmaterialien eingesetzt.
Die doppelstöckige Anlage umfasst 21 Silos mit jeweils 900 m³ Fassungsvermögen und ist über Förderleitungen direkt mit der Produktion verbunden. Aus ihnen wird das Produkt wahlweise in 25-kg-Säcke, Silo-Straßen-Lkw oder Container abgefüllt. Die Absackaktivitäten können parallel zu den Lkw- oder Containerbeladungen in der unteren Etage durchgeführt werden. Der jährliche Produktionsoutput an HDPE liegt zunächst bei rund 220 000 Jahrestonnen und kann stufenweise auf 320 000 t erweitert werden.
Einige Gefahrgutlogistiker international stark präsent
Zu den zahlreichen Logistikstandorten von Talke in Europa und Asien zählt das im März 2008 eröffnete Containerterminal Hürth, das mit einer Lagerkapazität von 18 000 t unter anderem für die Gefahrgutlagerung der Klassen 3, 8 und 9 ausgelegt ist. In Spanien agiert Talke als Onsite-Logistikdienstleister für Bayer Polimeros, betreut Lager- und Abfüllaktivitäten für fünf Abfülllinien und leistet Lagermanagement.
„In Saudi-Arabien ist das Multi-user Centre Al-Jubail in Kombination mit unseren Standorten in Europa und China das ideale Drehkreuz für Exporte und Importe in der wichtigsten Wachstumsregion der petrochemischen Industrie“, so das Talke-Management.
Das Zentrum bietet eine Gesamtfläche von 100 000 m² mit bis zu 136 Lagersilos. Allein 45 000 m² sind überdacht. Als Spezialist für Liquid Logistics verfügt Talke über mehr als 1000 Tankfahrzeuge und Container für den Straßen- und intermodalen Verkehr.
Gefahrgut erfordert vertrauensvolle Kooperation zwischen Dienstleister und Kunde
Gerade bei der Gefahrgutlogistik bildet die enge und vertrauensvolle Kooperation zwischen Dienstleister und Kunden eine zentrale Rolle, wie das Beispiel der Supply Chain Collaboration zwischen BASF und Talke zeigt.
So hat Talke im Juli 2005 auf dem Gelände der BASF ein Chemie-Logistikzentrum mit 9600 m² für Regal- und Blocklagerung in Betrieb genommen, in dem der Dienstleister für die Rohstoffzuführung, die Entsorgung der Produktion, die Lagerung sowie das weitere Handling der Produkte verantwortlich ist. Das Logistikzentrum ist unter anderem mit Trockenlöschenlagen, Gaswarnanlagen und Brandmeldeanlagen sowie Rauch- und Wärmeabzugsanlagen ausgestattet.
Zahlreiche Gefahrgutlager betreibt auch die Schenker AG, so beispielsweise dasjenige mit 1300 m² im Logistikzentrum Budapest, zu dem ein 17 000 m² großes Lager und ein 5000 m² großes Stückgutterminal zählen. Die gesamte Anlage entspricht den Sicherheitsstandards für diebstahlgefährdete Waren.
Exakt am 17. Dezember 2007 startete Lehnkering, führend auf dem Gebiet intralogistischer Dienstleistungen für die chemische und der Chemie verwandte Industrien, den Regelbetrieb eines neuen Gefahrstofflagers in Mannheim. Hierbei handelt es sich um eine Kapazitätserweiterung der bestehenden Anlage um weitere 5000 auf insgesamt 33 500 Palettenstellplätze.
Das nach den Bundesimmissionsschutz- und Bundeswasserhaushaltsgesetzen bis zur Klasse III genehmigte Hochregallager bietet unter anderem Kapazitäten für bis zu 1000 t Druckgaspackungen. Wie Björn Liedtke, Niederlassungsleiter bei Lehnkering in Mannheim erläutert, ist das Lager mit modernster Sicherheitstechnik ausgestattet und wird mit selbst entwickelter Software für das Warehouse Management gesteuert.
Lager für Gefahrgut erfordern umfassende Sicherheitsausstattung
Bereits im September vergangenen Jahres hat Lekkerland, der Full-Service-Spezialist für alle strategischen Convenience-Absatzkanäle, seine Gefahrstofflogistik an Lehnkering outgesourct, das hiermit die nationale Zentrallagerfunktion für alle Gefahrstoff-Produkte Lekkerlands übernimmt. Dies sind vor allem die auf die entsprechende Jahreszeit abgestimmten Sommer- oder Wintersortimente mit insgesamt rund 120 unterschiedlichen Produkten aus dem Automotive-Bereich.
Die Produke werden täglich kommissioniert und an die Tankstellen-Shops in ganz Deutschland ausgeliefert. Dabei übermittelt Lekkerland die Aufträge bis mittags an Lehnkering, das die Aufträge versandfertig kommissioniert. Am nächstenTag liefert ein in das Konzept eingebundener KEP-Dienst die durchschnittlich rund 800 Paket-sendungen bundesweit aus.
Lehnkering zählt mit einem Umsatz von rund 600 Mio. Euro und 2300 Mitarbeitern zu den führenden Logistikdienstleistern in Zentraleuropa. In den Schwerpunktbranchen Chemie und Stahl verfügt das Unternehmen seit rund 135 Jahren über umfangreiche Erfahrung im Bereich von Logistik und Service.
Gefahrgut sicher, wirtschaftlich und effizient kombinieren
Welche Anforderungen des sehr komplexen Geschäftes Gefahrgutlogistik heben nun die in diesem Branchensegment aktiven Logistikdienstleister besonders hervor? Dr. Norbert Müller, zuständig für Network Operations und PM Land Transport bei der Schenker AG in Essen, unterscheidet diesbezüglich die Aufgabenbereiche Transport und Lagerung.
Und er betont: „Die Besonderheit der Gefahrgutlogistik bei Schenker besteht in der Verbindung von Sicherheit und Wirtschaftlichkeit. Schenker ist in Europa in 36 Ländern mit über 700 eigenen Niederlassungen präsent. Im europäischen Landverkehr ist Schenker Marktführer. Die Kunst besteht also darin, das Produkt Gefahrgutlogistik zugleich sicher und wirtschaftlich zu produzieren.“
Der Experte listet in diesem Zusammenhang eine Reihe von Risiken auf, zu denen Standzeiten, Verkehrsregelungen, Ordnungswidrigkeiten oder Kunden- und Imageverluste gehören. So sei regelmäßig eine längere Standzeit vorprogrammiert, wenn ein Lkw in eine Gefahrgutkontrolle gerät und alle Punkte einer behördlichen Checkliste abgearbeitet werden. Wird dem Fahrzeug eine Weiterfahrt versagt, betreffe dies alle auf dem Fahrzeug befindlichen Sendungen, so Dr. Müller, und sei tödlich für den zeitkritischen Stückgutverkehr mit seinen Leistungsversprechen und Laufzeitzusagen.
Ein weiteres Risiko stellen Ordnungswidrigkeiten dar, denn beinahe jeder Verstoß gegen die Gefahrgutvorschriften wird entsprechend mit einem Bußgeld geahndet. Wie Dr. Müller weiter kritisch bemerkt, seien dabei leider die Pflichten häufig nicht sachgerecht den Akteuren zugeordnet: So hafte der Spediteur für Dinge, die nicht in seinem Einflussbereich liegen, zum Beispiel bei der Erstellung des Beförderungspapiers. Zudem stelle ein Verstoß gegen eine Vorschrift bereits bei einer Gefährdung Dritter eine Straftat dar – und nicht erst einer Schädigung.
Gefahrgutbeauftragte sind heute international etabliert
Der Aufwand, diese Risiken zu vermeiden, sei groß, räumt Dr. Müller ein. Und ein Blick auf die Struktur der Organisation zeigt, dass Schenker auch in diesem Bereich nichts dem Zufall überlässt. So ist die Gefahrgut-Strukturorganisation vierstufig ausgebaut, nämlich zentral, national, regional und lokal.
Der 1989 in Deutschland eingeführte Gefahrgutbeauftragte ist mittlerweile in allen Ländern etabliert. Alle Gefahrgutlogistikprozesse sind in den „Corporate Operational Instructions in Transport and Handling of Dangerous Goods“ beschrieben, die in allen 36 Gesellschaften des Landverkehrsnetzwerkes in Europa gelten.
Der Umgang mit den komplexen Gefahrguttransport-Vorschriften und den internen Instruktionen wird in Unterweisungen trainiert. Zusätzlich führt Schenker derzeit ein elektronisches Training ein.
Das Einhalten der externen Vorschriften und internen Vorgaben wird regelmäßig durch Audits kontrolliert; zur Zeit sind neun Standorte in sechs Ländern gemäß dem Safetey and Quality Assessment System SQAS des europäischen Chemieverbandes CEFIC geprüft, 2008 sollen weitere fünf hinzukommen.
Die Lagerung von Gefahrgütern wie Spraydosen, brennbaren Flüssigkeiten oder wassergefährdenden Stoffen erfordert immer technische und organisatorische Sonderlösungen. Schenker hat sich auf diese Nachfrage eingestellt und bietet an vielen Standorten in Europa die Lagerung gefährlicher Stoffe an.
Auch für die Experten von Talke und Hellmann hat die Mitarbeiterschulung und -ausbildung sehr hohe Priorität. So weist Klaus Wessing darauf hin, das Talke bereits seit Mitte der 80er Jahre eine eigenes, IHK-anerkanntes Schulungssystem aufgebaut habe.
Auch Andreas Beuermann betont, dass gut ausgebildete und kompetente Mitarbeiter ein Schlüssel zum Erfolg seien – nicht zuletzt wegen der besonderen Lager- und Fahrzeugausstattungen oder dem durchgängigen Umsetzen von Maßnahmen zur Gewährleistung einer hohen Beförderungsqualität.
Reichen den Kunden die angebotenen Leistungspakete oder ist oft individuelles Customizing erforderlich? Hierzu Andreas Beuermann: „Die Leistungspakete von Hellmann decken die Gefahrgutlogistik standardmäßig ab. Meist ergeben sich keine weiteren Fragen, wobei jedoch individuelles Consulting stets ein wichtiger Bestandteil ist.“
Klaus Wessing hingegen erläutert, dass es bei Talke im eigentlichen Sinne kaum Standardleistungspakete gebe. Zwar könne man von Standards sprechen, wenn man nur den reinen Transport oder die Lagerung einer Ware betrachte, allerdings seien die durch Talke gehandhabten Produkte und somit auch die jeweiligen Anforderungen an das Handling sehr unterschiedlich. Zudem habe bei jedem Kunden ein anderer Faktor eine besondere Gewichtung, auf die man sich einstellen müsse.
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