Polycarbonat Gläsernes Auto gibt Denkanstöße für Kunststoffanwendungen

Redakteur: Josef-Martin Kraus

Transparentes Polycarbonat von Bayer Materialscience sorgt für die Durchsichtigkeit des Konzeptfahrzeugs Exasis, das der Schweizer Engineering-Spezialist erstmals im März auf dem Automobilsalon in Genf präsentieren wird. Zusammen mit anderen Leichtbau-Werkstoffen des Kunststofferzeugers ermöglicht es, dass jedes der 150 PS nur 5 kg Fahrzeuggewicht bewegen muss.

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„So etwas gab es noch nie“, spiegelte die Online-Ausgabe eines Nachrichten-Magazins die Meinung ihres Redakteurs wider, als die ersten Skizzen des neuen Rinspeed-Konzeptfahrzeugs Exasis im Internet auftauchten, „und es sieht aus wie noch kein Fahrzeug zuvor.“ – Dabei offenbarten die Zeichnungen nur andeutungsweise, was der Schweizer Frank M. Rinderknecht zu seinem 30-jährigen Firmenjubiläum mit Bayer Materialscience ausgetüftelt hatte: ein fahrbereites „gläsernes“ Auto mit vollkommen transparenter Karosserie, inklusive Boden-„Blech“ aus dem Polycarbonat Macrolon.

Premiere im März

Diese Rinspeed-Kreation wird vom Schweizer Engineering-Spezialisten Esoro auf die Räder gestellt und der Weltöffentlichkeit erstmals auf dem Automobilsalon in Genf (8. bis 18. März 2007) präsentiert – 40 Jahre, nachdem Bayer 1967 das erste „Ganz-Kunststoff-Auto“ der Welt, den „K67“, vorstellte. „Jeder, der den Exasis zum ersten Mal sieht, schwärmt vom gläsernen Auto – und meint eigentlich unseren transparenten Hightech-Kunststoff“, kennt Ian Paterson, Innovationsvorstand der Bayer Materialscience AG, typische Reaktionen auf den Prototypen.

Fast alle Unternehmensbereiche von Bayer Materialscience waren an der Entwicklung des Concept Cars mit Produkten wie Lackrohstoffen oder Polyurethanen (für Formwerkzeuge) beteiligt. Für die Durchsichtigkeit sorgt aber in erster Linie das Polycarbonat Macrolon.

Erstes Ganz-Kunststoff-Auto auf der K‘ 67

Dieses dritte Gefährt aus der Kooperation beider Unternehmen unterscheidet sich von den zwei Vorgängern: dem futuristisch anmutenden Senso und dem Sportwagen Zazen. Es ist eine Neuentwicklung, basiert also nicht auf einem Großserienfahrzeug.

Die insektenartige, gelb schimmernde Karosserie mit den frei stehenden Rädern wirkt wie ein Mix aus den Auto-Union-Rennfahrzeugen der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sowie einem Off-Road-Vehikel und bietet zwei Passagieren hintereinander Platz. Die Neuinterpretation der Zigarren-Form findet den Abschluss in einem „sexy“ Heck mit integriertem Ventilator sowie Remus-Auspufftopf. Freien Durchblick gibt es auf den kompakten 2-Zylinder-Weber-Motor mit 750 ccm, der über dem Getriebe eingebaut ist.

Die von der Schweizer Firma Mecaplex geformte und vom deutschen Hard-Coatings-Spezialisten KRD gelb beschichtete Außenhülle aus Polycarbonat gibt die Sicht auf das Alu-Chassis des Fahrzeugs frei. Dadurch wirkt alles wie aus dem Vollen gefräst, die Spanten sind es tatsächlich. Und doch wirkt die gesamte Konstruktion leicht wie ein Bambusrohr, unterstrichen durch eine Chrom-Effektlackierung. Für die Beschichtung von Bedienelementen rührten die Lackexperten eine Softfeel-Lackierung mit wässrigen Bindemitteln an, um Augen und Händen des Piloten zu schmeicheln.

Drittes Konzeptfahrzeug der Unternehmenskooperation

Beide Insassen nehmen Platz auf zusammen mit Recaro kreierten Sitzen. Jeder besteht aus zwölf transparenten Rippen aus Polycarbonat sowie einer Kopfstütze und Armlehne aus dem durchsichtigem Kunststoff Technogel. Weitere Akzente sind neuartige Applikationen aus aluminiumbedampftem Glasfasermaterial im Rauten-Design zum Beispiel auf Felgen, Leisten, Querlenker, Tank und Scheinwerfer.

Auffällig sind die beiden transparenten Anzeige- und Funktions-Displays, die beidseitig im Sichtfeld des Fahrers zu schweben scheinen. Per Berührung lassen sich darüber Fahrzeugfunktionen anzeigen und steuern. Jedes der Touchpanels besteht aus einem transparenten CD/DVD-Rohling aus Polycarbonat, der mit dem elektrisch leitfähigem Werkstoff Baytron von H.C. Starck zur Auslösung der Schaltfunktionen beschichtet ist. Entwickelt wurden die Displays vom Schweizer Sicherheits- und Schließsystem-Spezialisten Kaba. Selbstverständlich also, dass auch das personalisierte Zutrittssystem zum Wagen hier integriert ist.

Für den starken Antritt des Exasis sorgt ein äußerst leichtgewichtiger Weber-Motor mit CO2-Ausstoß reduzierender Bioethanol-Befeuerung und 150 umweltfreundlichen Pferdestärken. Angesichts von etwa 750 kg Fahrzeuggewicht dank Kunststoff-Leichtbauweise muss jedes PS nur fünf Kilogramm bewegen – das ist sehr sportliches Porsche-Niveau.

Für das Exasis-Projekt konnte Rinspeed staatliche Stellen gewinnen: Die Treibstoffversorgung stellt die Alcosuisse sicher, das Profitcenter der Eidgenössischen Alkoholversorgung. Und das Schweizer Bundesamt für Energie hat den Exasis als Probanden für eine Studie zum Thema „Leichtbau und Ökologie“ auserkoren.

Damit so viel Dynamik sicher auf die Fahrbahn gelangt, wurden die Feder- und Stoßdämpfer-Einheiten maßgeschneidert, vorn in der Schottwand stehend und hinten liegend untergebracht.

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