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Finanzen Großinsolvenzen treffen Automobilzulieferer besonders

| Redakteur: Melanie Krauß

Die Coronakrise lässt die Anzahl von Großinsolvenzen weiter ansteigen. Bei den automobilnahen Unternehmen hat sich die Anzahl der betroffenen Betriebe zuletzt sogar verdoppelt.

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Bei den automobilnahen Unternehmen haben sich die Insolvenzen im zweiten Quartal 2020 verdoppelt.
Bei den automobilnahen Unternehmen haben sich die Insolvenzen im zweiten Quartal 2020 verdoppelt.
(Bild: ©dizfoto1973 - stock.adobe.com)

Zwischen April und Juni meldeten die Amtsgerichte 58 Insolvenzen von Unternehmen mit einem Umsatz größer 20 Mio. Euro. Das ist ein Anstieg von 29 % gegenüber dem ersten Quartal. Auf den April entfielen 27 Verfahren und damit noch einmal sieben Insolvenzen mehr als im März. Das ist das Ergebnis des aktuellen Insolvenzreports der Restrukturierungsberatung Falkensteg. Seit acht Jahren wurden keine höheren Antragszahlen gemeldet.

Bei den Großinsolvenzen ist die befürchtete Insolvenzwelle schon angekommen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres gab es in dem Umsatzsegment insgesamt 103 Unternehmensinsolvenzen. „Es könnten bis Dezember mehr als 200 Firmeninsolvenzen werden“, erwartet Falkensteg-Partner und Studienautor Johannes von Neumann-Cosel. „Das Niveau des Vorjahres mit 118 Anträgen ist fast erreicht und es werden noch zwei weitere starke Quartale kommen.“

Besonders die automobilnahen Unternehmen gehen weiterhin schwierigen Zeiten entgegen. In der Branche verdoppelten sich die Insolvenzzahlen gegenüber dem ersten Quartal von sieben auf 14. Jedoch waren viele Automobilzulieferer bereits vor der Krise angeschlagen und in Liquiditätsschwierigkeiten. Staatliche Kredite wurden ihnen meist verwehrt, da sie die Kriterien verfehlten. Denn nur pandemiebedingt verschuldete Unternehmen sollen die Hilfsangebote erhalten.

„Eine weitere Aussetzung der Insolvenzantragspflicht wird die Probleme der Branche nicht lösen“, so von Neumann-­Cosel. „Weiterhin spricht gegen eine Verlängerung das Risiko, dass diese Unternehmen langfristig ihren Verpflichtungen nicht nachkommen werden können und der Schaden für Lieferanten und Kunden steigt.“ Die Verlängerung der Bezugsdauer der Kurzarbeit soll den angeschlagenen Unternehmen in dieser Notsituation aus Sicht des Experten dagegen helfen.

Schutzschirmverfahren auf dem Vormarsch

Die Coronakrise verschafft dem bereits totgesagten Schutzschirmverfahren eine Renaissance. In der besonderen Form der Eigenverwaltung können Unternehmen bereits einen Antrag stellen, obwohl sie nur drohend zahlungsunfähig sind. Das Sanierungsinstrument ist darauf ausgerichtet, dass das Unternehmen erhalten bleibt. Die Firmenleitung hat das Heft des Handelns weiter in der Hand. Das Insolvenzgericht und ein vorläufiger Sachwalter beaufsichtigen die Geschäftsführung oder den Vorstand.

Mit dem Schutzschirm kann das Unternehmen Falkensteg zufolge mit den Mitteln des Insolvenzrechtes an die Zeit nach der Pandemie und den sich ändernden Marktgegebenheiten angepasst werden. Unter den 58 Verfahren des zweiten Quartals sind 31 Eigenverwaltungen, darunter elf Schutzschirmverfahren, und 27 Regelinsolvenzen. Im gesamten Vorjahr stellten lediglich fünf Unternehmen einen Antrag auf den Schutzschirm.

Verkaufsprozesse von insolventen Unternehmen dauern länger

Bei den Verfahrensausgängen zeigt die Pandemie ebenfalls ihre Wirkung. Derzeit sind aus diesem und den vergangenen Jahren noch 125 Insolvenzverfahren (39 %) offen. Im Vorjahr waren zu diesem Zeitpunkt lediglich noch 22 % der Verfahren ohne Lösung. „Derzeit dauert es deutlich länger, eine Lösung oder einen Käufer für ein insolventes Unternehmen zu finden“, erklärt der Sanierungsberater. „Die Verwalter müssen deshalb unternehmerischer sein und in der Krise länger fortführen.“

Hintergrund für das zurückhaltende Kaufinteresse der Investoren sind den Experten von Falkensteg zufolge die Unsicherheiten durch die Pandemie. Sie schaffe zusätzliche Risiken und lasse die Frage offen, wie resistent die Geschäftsmodelle gegen die Corona-Nachwehen oder weitere Lockdowns sind. Die Dauer eines distressed M&A-Prozesses habe deshalb deutlich zugenommen.

„Potenzielle Investoren führen ausführlichere Verkaufsgespräche und wollen tiefergehende Analysen“, sagt Johannes von Neumann-Cosel. „Deshalb sollten alle Beteiligten mehr Zeit einplanen. Das schafft aber auch mehr Spielraum für weitere Handlungsmöglichkeiten.“

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