Normung

Kostenfreier Zugang zu Normen - Kommt die staatliche Normung?

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Die Beschaffung von Normen ist eine Investition in Information. Dies wirft die Frage auf, warum das Kostenthema überhaupt auf die Tagesordnung gekommen ist. Denn die Informationen aus den Normen sind Entwicklungstools wie viele andere auch, für die niemand die Notwendigkeit einer Bezahlung hinterfragen würde.

Zugegeben, die Preise für die Normen sind nicht eben niedrig, insbesondere, wenn Einzelexemplare zu beziehen und regelmäßig zu aktualisieren sind. Zwei typische Beispiele: Die allgemein bekannte Managementsystemnorm ISO 9001 kostet etwa 100 Euro und die DIN EN 60947 über Niederspannungsschaltgeräte kostet etwa 60 Euro. Diese beiden sind aber nur ein Ausschnitt aus dem großen Spektrum an Normen, die ein Unternehmen der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie für seine Produkte braucht. Da kommen einschließlich des Änderungsdienstes und der erforderlichen Lizenzen schnell einige zehntausend Euro pro Jahr zustande.

So gesehen ist es durchaus verständlich, dass diese Kosten als Anwendungshindernis, insbesondere für KMU, gesehen werden könnten. Die Antwort der EU-Kommission hierauf scheint simpel. Sie fordert den kostenfreien Zugang zur Normung und hat im Gegenzug bereits ihre Bereitschaft signalisiert, die Kosten für diejenigen Normen zu übernehmen, die gesetzliche Anforderungen konkretisieren. Man darf sich aber getrost fragen, ob dieser Vorschlag tatsächlich durchdacht ist.

Europas Normenorganisationen sind unterschiedlich finanziert

Zunächst einmal wäre ein erheblicher Verrechnungs- und Abgrenzungsaufwand zu leisten: Die Normenorganisationen in Europa finanzieren sich auf unterschiedliche Art und Weise. Von einer fast reinen Finanzierung durch den Verkauf von Normen über zusätzliche Einnahmen aus öffentlichen oder privaten Projektfördermitteln bis hin zur „Quer“finanzierung aus einem angeschlossenen Zertifizierungsgeschäft oder einer staatlich getragenen und finanzierten Organisation. Kostenlos werden die Normen aber von keinem Mitglied der europäischen Normungsorganisation – außer Luxemburg – abgegeben.

Die Normenorganisationen bringen auch Normen heraus, die nicht der Unterstützung von Gesetzen dienen; diese wären von der vorgeschlagenen europäischen Finanzierung ausgenommen. Und schließlich beruhen sehr viele europäische Normen auf internationalen Normen z.B. der IEC, die sicher nicht erfreut wäre, wenn ihre Normen – kaum ins europäische Normenwerk übernommen – plötzlich kostenlos über die europäischen Normenorganisationen erhältlich wären und damit der Normenverkauf durch IEC selbst kräftige Einschnitte erfahren würde.

Das entscheidende Argument aus Sicht der Industrie ist jedoch: Mit einer Finanzierung durch die öffentliche Hand ist es unvermeidlich, dass diese Hand versuchen wird, auch steuernd in die Normung einzugreifen. Dies wäre jedoch ein Angriff auf das Prinzip, dass die Normung in Selbstverwaltung der Wirtschaft betrieben werden soll, wie es zum Beispeil der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem DIN festlegt. Von allen beteiligten Kreisen ist die Industrie am meisten auf die Normung angewiesen und von ihr betroffen. Daher ist es verständlich, dass sie einen Großteil der Normung finanziert und es ist legitim, dass sie die Normung entscheidend mitgestaltet – selbstverständlich im Rahmen der konsensorientierten Zusammenarbeit mit den anderen betroffenen Kreisen, wie es die Statuten des DIN vorsehen.

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