Normung

Kostenfreier Zugang zu Normen - Kommt die staatliche Normung?

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Nur so kann gewährleistet werden, dass Normung nicht zum alleinigen Instrument staatlicher Regulierung wird, sondern dass sie tatsächliche Bedürfnisse der Märkte abbildet. Und nur durch eine flexible, den technischen Anforderungen verpflichtete und politisch ungebundene Normung kann gewährleistet werden, dass sie den Innovationsprozess fördert und ihn nicht bürokratisch ausbremst. Der Ruf nach kostenfreiem Normenzugang kann und darf daher nicht erfolgen ohne die Frage einer Form der Finanzierung der Normungsarbeit, die ihre Unabhängigkeit auch zukünftig gewährleistet, zu beantworten.

Elektrohandwerker-Modell als Diskussionsgrundlage

Um die Frage der zukünftigen Gestaltung der Normenfinanzierung bzw. der Erleichterung des Zugangs für kleine und mittlere Unternehmen zur Normung und zu Normen im Sinne der Mitteilungen der Europäischen Kommission zu beantworten, hat die Industrie im BDI einen Strategiekreis Normung ins Leben gerufen. Hier werden Maßnahmen wie Reduzierung oder Wegfall der Gremienmitgliedsbeiträge beim DIN, Entwicklung attraktiver Abonnements oder anderer Geschäftsmodelle besprochen und mit den Normenorganisationen diskutiert. So könnte man zum Beispiel das so genannte Elektrohandwerker-Modell – wonach ein typischer Elektrohandwerksbetrieb für die Pflege seiner recht umfangreichen Normensammlung nur wenige hundert Euro im Jahr bezahlen muss – konsequent für Anwendungen in der Industrie weiterentwickeln.

Eine Kostenreduzierung lässt sich auch durch die Vermeidung von Fehlkäufen durch bessere Information erreichen. Das DIN hat jetzt begonnen, Kurzzusammenfassungen von Norminhalten kostenlos im Internet zu veröffentlichen, damit der Anwender gezielt auswählen kann. Die DKE wird dies im kommenden Jahr ebenfalls tun.

Man darf auch nicht vergessen, dass für die Industrie die Kosten für den Bezug der Normen nur einen Teil der Kostenbelastung für die Normung darstellen. Denn auch die Mitarbeit der Industrie bei der Erstellung von Normen kostet Geld: Arbeitszeit, die dem Betrieb nicht zur Verfügung steht, Reisekosten und Gremienbeiträge oder Mitgliedsbeiträge sowie Zusatzbelastungen, weil der Fortschritt eines Normungsprojekts ja permanent nachgehalten werden muss, will man qualifiziert mitarbeiten. Dabei ist auch die Strukturierung und Transparenz des Normungsprozesses zu betrachten.

Staatliche Finanzierung ist die schlechteste Alternative

Auch hierfür ließen sich nachhaltige Erleichterungen und der Abbau von Hemmnissen für KMU’s erreichen. Nur einen kostenfreien Zugang zur Normung zu fordern ist daher zwar sehr populär aber viel zu kurz gesprungen. Hierdurch werden nicht die wirklichen Hindernisse für die Beteiligung aller Parteien an der Normung, die für das Konsensprinzip und für die Innovationsförderung entscheidend ist, gewährleistet. Auf der anderen Seite ist dadurch die heute in ganz Europa stark ausgeprägte Selbstfinanzierung der unabhängigen Normungsgremien durch eigene Einnahmen gefährdet. Die Alternative „staatliche Finanzierung“ ist dafür sicherlich die schlechteste aller Alternativen.

Dipl.-Ing. Roland Bent ist Geschäftsführer der Phoenix Contact GmbH & Co. KG in Blomberg und Mitglied im Vorstand des Fachverbandes Automation des ZVEI.

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