Maschinenbau der Niederlande startet durch

Autor: Stéphane Itasse

Ob da so mancher deutsche Maschinenbauer neidisch nach Westen schaut? Bereits im vergangenen Jahr konnte der niederländische Maschinenbau seine Produktion um 5,2 % steigern, deutlich mehr als die übrige Industrie. Und auch für 2015 sind die Aussichten gut.

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(Bild: Ministerie van Economische Zaken)

Nach acht schwierigen Jahren scheinen die Niederlande die Wirtschafts- und Finanzkrise endgültig überwunden zu haben. Die zuletzt positiven Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung bestätigt nun auch die niederländische Zentralbank (DNB), wie die deutsch- niederländische Auslandshandelskammer (AHK) berichtet. Habe die Prognose für das Wirtschaftswachstum im Dezember 2014 noch bei 1,2 % gelegen, so korrigierte die DNB ihre Prognose jetzt auf 2 %. Sollten die Vorhersagen eintreffen, würde das Wirtschaftsvolumen die Werte aus dem Jahr 2008 übertreffen, bevor sich die Weltwirtschaftskrise aufgrund des Bankrotts der amerikanischen Bank Lehman Brothers ausbreitete, wie es bei der Kammer heißt.

Bereits 2014 wuchs die niederländische Wirtschaft wieder um knapp 1 %, für das laufende Jahr erwartet auch die OECD ein Plus von 2 % und für 2016 sogar von 2,2 % – Werte, die für Deutschland keine Konjunkturprognose erreicht. Besonders interessant aus Sicht der Fertigungsindustrie: Im Jahr 2014 zogen die Unternehmensinvestitionen nach Angaben des niederländischen Wirtschaftsministeriums (Ministerie van Economische Zaken) um 2,3 % an, im ersten Quartal 2015 sogar um 7 %. „Diese guten Zahlen zeigen, dass die Unternehmen wieder Vertrauen und Mut haben zu investieren. Jetzt müssen wir ihnen mehr Freiräume geben, zum Beispiel mit Steuersenkungen durch die Überarbeitung des Steuersystems“, sagte der Wirtschaftsminister Henk Kamp.

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Elektroindustrie und Maschinenbau mit guten Wachstumsraten

Zwar drückt die Schwäche in der Öl- und Gasbranche die Statistiken für die Industrie insgesamt nach unten. Im ersten Quartal 2015 sank der Industrieumsatz in den Niederlanden um 4,4 % zum Vorjahr, wie das Statistikamt CBS bekanntgab. In der Metallwarenindustrie erhöhte sich der Inlandsabsatz, während die Auslandsumsätze zurückgingen. Per saldo ergab sich ein Rückgang von 2,8 %, eine Produktionssteigerung wird für das zweite Quartal erwartet.

Besser sieht es laut CBS in der Elektroindustrie und im Maschinenbau aus. Die Produktion im ersten Quartal des Jahres 2015 habe sich zum Vorjahresquartal um 3,2 % erhöht. Die Aktivität sollte im zweiten Quartal weiter steigen.

Diese Situation spiegelte sich auch im Konjunkturbarometer des KMU-Verbands Metaalunie wieder. Die Hoffnungen auf einen starken wirtschaftlichen Aufschwung im ersten Quartal wurden angesichts der tatsächlich erzielten Umsätze enttäuscht. Das Barometer zeigte jedoch, dass die Unternehmer zum Zeitpunkt der Erhebung mit Blick auf das zweite Quartal positiv gestimmt waren. Jeder Dritte erwartete laut Metaalunie ein besseres zweites Quartal, nur einer von acht Unternehmern eine Verschlechterung. Die Hoffnungen ruhten dabei in erster Linie auf dem Export.

Ebenfalls optimistisch beurteilt der Industrieverband FME, der 2300 Mitgliedsunternehmen mit insgesamt 225.000 Mitarbeitern aus der Metall-, Elektronik-, Elektrotechnik- und Kunststoffindustrie vertritt, die Lage und den Ausblick. Laut Ergebnissen aus dem FME Business Survey vom Frühjahr 2015 hat die Gesamtbranche im vergangenen Jahr ein Umsatzwachstum von 4,5 % erzielt. Die Unternehmen erwarteten, dass das sich Wachstum im laufenden Jahr mit 5 % und im kommenden Jahr mit 6 % noch steigere.

Doch es gibt nicht nur gute Nachrichten, wie der Industrieverband bei der Veröffentlichung der Konjunkturumfrage in Zoetermeer mitteilte. Fast ein Drittel der Unternehmen habe im vergangenen Jahr schrumpfende Einnahmen hinnehmen müssen. Dies gelte insbesondere für Unternehmen mit 50 bis 100 Mitarbeitern.

Industrieverband FME sieht Industrie 4.0 als Herausforderung

Dennoch sieht der Verband die Industrie gerüstet, um eine anstehende große Aufgabe anzugehen: den Übergang zur smarten Industrie, bei uns bekannt als Industrie 4.0. „Die smarte Industrie, also die Kombination von neuen Produktionstechniken und einer weiteren Integration der Informations- und Kommunikationstechnik in den Prozess von Entwicklung, Herstellung und Vertrieb, wird die Branche in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Als Industrieunternehmen müssen wir uns jetzt darauf vorbereiten. Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, sollten die niederländischen Industrieunternehmen nicht nur innovativ bleiben, sondern auch ihre Kosten unter Kontrolle halten“, sagte FME-Präsidentin Ineke Dezentjé bei der Präsentation des FME Business Survey vom Frühjahr 2015.

Entsprechend ausgerichtet war auch der Auftritt der mehr als 200 niederländischen Aussteller auf der Hannover-Messe 2015. Unter dem Motto „Global Challenges, Smart Solutions“ gab es in Halle 4 einen zentralen Holland-Pavillon. FME organisierte 2015 zwei weitere Pavillons für die Niederlande: das Holland-High-Tech-Haus in Halle 2 und den Energie-Holland-Pavillon in Halle 27. Daneben hätten viele niederländische Unternehmen an ihren Ständen Produkte und Dienstleistungen für Industrie 4.0 vorgestellt.

Auch für den Umbruch in der globalen Energieversorgung macht sich die niederländische Industrie fit. Laut einer Verbandsmitteilung des FME bieten Entwicklungen wie stärkere Konzentration auf erneuerbare Energien enorme Möglichkeiten für die niederländische Industrie. „Es gibt mehr als reichlich Chancen“, sagte Dezentjé bei der Eröffnung der Energiefachmesse Powergen 2015 in Amsterdam.

Niederländische Industrie will zu einer sauberen Energieversorgung beitragen

Die niederländische Industrie verfüge über zahlreiche Innovationen, die zu einer sauberen, erschwinglichen und zuverlässigen Energieversorgung beitragen. Nach Aussage der FME-Präsidentin könnten diese Innovationen allerdings nur voll ausgeschöpft werden, wenn eine Reihe von Vorbedingungen erfüllt sind. So müssten in Europa gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Technologien gelten. Als Beispiel nannte Dezentjé die Energiespeicher, die unter den geltenden Rechtsvorschriften in den Niederlanden nicht marktfähig seien. Dagegen müsse etwas getan werden.

Die FME-Präsidentin betonte auch die Bedeutung eines integrierten Ansatzes für die Energiebranche. „Wir denken noch zu viel in Rohren mit Strom, Gas oder Wärme. Doch durch die Umwandlung von der einen in eine andere Energieform können wir ein flexibles und zuverlässiges Energieversorgungssystem aufbauen. Innerhalb des FME arbeiten wir daran im Cluster Energy.“ Allerdings werden die Niederlande ihre eigenen Ziele zur Stromversorgung aus regenerativen Energien ohne zusätzliche Maßnahmen nicht erreichen, wie die AHK mitteilt. Laut einem Bericht des niederländischen Rechnungshofes über die Subventionsrichtlinien des Wirtschaftsministeriums, würden für Windkraftanlagen und erneuerbare Energieprojekte im Ausland mehrere Milliarden Euro zusätzlich benötigt. MM

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