Wie lassen sich REACH, SCIP und RoHS rechtssicher und zugleich ökonomisch umsetzen? Es kommt auf den richtigen Ansatz an – und das zeigt Heidelberger Druckmaschinen.
Die Heidelberger Druckmaschinen AG zeigt, wie sie Material-Compliance-Anforderungen erfüllen, um Material rechtssicher einzusetzen.
Wie in Teil 1 vorgestellt, stellen rechtliche Anforderungen wie REACH, SCIP und RoHS die Unternehmen vor Umsetzungsschwierigkeiten.
Die Heidelberger Druckmaschinen AG (Heidelberg) ist seit mehr als 170 Jahren ein zuverlässiger Partner mit hoher Innovationskraft für die globale Druckindustrie. Dank seines umfassenden technologischen Know-hows adressiert Heidelberg auch neue Märkte und hat sich beispielsweise mit seiner Kompetenz in der Leistungselektronik erfolgreich im Markt für E-Mobilität zu einem führenden Anbieter für Ladesysteme etabliert. Mit einem Marktanteil von über 40 Prozent bei Bogenoffsetmaschinen konnte das Unternehmen auch im laufenden Geschäftsjahr seine Position als Markt- und Technologieführer in der Druckbranche festigen. Der Konzernumsatz lag im Geschäftsjahr 2021/2022 bei rund 2,2 Mrd. Euro.
Um die Material-Compliance-Anforderungen zu erfüllen, wählte der Maschinenbauer einen ganzheitlichen Ansatz und arbeitet mit den Experten von Tec4u-Solutions zusammen. Die gesteckten Ziele waren dabei neben der Einhaltung internationaler Stoffvorschriften die Vorbereitung auf neue vorhersehbare Stoffverbote, um schnell handlungsfähig zu sein sowie das proaktive Ausschleusen von SVHC und RoHS-Stoffen, falls das kostenneutral möglich ist.
Schritt 1: Vertragliche Dokumente/Hausnorm
Das Vorgehen orientiert sich am Stand der Technik: Die DIN EN IEC 63000 formuliert, was getan werden muss, um den verschiedenen stoffrechtlichen Anforderungen gerecht zu werden. Die erste Vorgabe in der IEC 63000 ist es, die Material-Compliance-Anforderungen rechtsverbindlich an den Lieferanten weiterzugeben.
So wurde zunächst recherchiert, welche Anforderungen an das Produkt gestellt werden. Hierbei gibt es Anforderungen, welche aus der direkten Betroffenheit im Geltungsbereich der gesetzlichen Vorgabe liegen sowie Vorgaben, welche aus der vertragsrechtlichen Vereinbarung zum Kunden resultieren. Im Maschinenbau sind die gesetzlichen Obliegenheiten in den meisten Fällen mit REACH, SCIP & RoHS abgedeckt.
Hinzu kommen eventuell weitere Regelwerke, welche beispielsweise aus den Vertriebsmärkten – wie Konfliktmineralien, California Proposition 65 oder TSCA in den USA – resultieren können. Die recherchierten Vorgaben wurden in einer Matrix erfasst und nachfolgend bewertet, ob diese Vorgaben für alle oder nur für spezifische Produkte gelten.
Diese Informationen sind in einem zentralen Dokument zusammengefasst. Diese „Material Compliance Hausnorm“ fungiert als eine Art technische Spezifikation. Dadurch, dass alle materialrelevanten Anforderungen in einem Dokument beschrieben und gepflegt werden, ist es einfach, dieses Dokument in den unterschiedlichen Einkaufs-, Entwicklungs- und Qualitätsdokumenten zu verlinken und die Einhaltung der Vorgaben damit weitreichend zum Lieferanten rechtsverbindlich zu kommunizieren und zu vereinbaren. Diese erste, sehr wichtige Maßnahme konnte innerhalb von rund vier Wochen in Zusammenarbeit mit Tec4u-Solutions umgesetzt werden.
Schritt 2: Prozessintegration
Im nächsten Schritt ist es zusätzlich erforderlich, die Hausnorm in die Unternehmensprozesse zu integrieren. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass es mit einer einfachen Verlinkung der Norm in bestehende Vertragsdokumente wie Einkaufsbedingungen, Bestellungen, Verträgen oder auch Lastenheften und Zeichnungen nicht getan ist. Es bedarf ebenfalls der prozessseitigen Verankerung des Themas in den unterschiedlichen Funktionsbereichen und Abteilungen.
Im Rahmen eines Workshops wurden zunächst alle betroffenen Mitarbeiter hinsichtlich der Pflichten und Aufgaben sowie Risiken der Material Compliance sensibilisiert und nachfolgend mit jedem Bereich einzeln die anforderungskonforme Umsetzung im eigenen Prozess (Einkauf, Qualität, Entwicklung, Produktion, Vertrieb etc.) diskutiert und als vertriebsrelevantes Produktmerkmal festgeschrieben.
Mit der Erstellung der Hausnorm und der Integration der Material Compliance in die Unternehmensprozesse hat das Unternehmen die Sollseite abgedeckt und war nun gefordert, die Ist-Seite zu hinterfragen. Gerade in diesem Bereich haben Unternehmen, vor allem im Maschinenbau, in welchem das Thema Material Compliance vergleichsweise spät angekommen ist, Umsetzungsprobleme. In vielen Fällen werden erste Versuche gestartet, die notwendigen Informationen per E-Mail zu beschaffen und die Deklarationen über Excel nachzuhalten. Diese Versuche führen oftmals zu Verdrossenheit sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei den Lieferanten und können keinen wesentlichen Beitrag zur Rechtssicherheit beitragen.
Stand: 08.12.2025
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Heidelberg hat sich daher zur Kommunikation gemäß dem Stand der Technik wie auch hinsichtlich der Vielzahl der regulatorischen Anforderungen für die Software Datacross von Tec4u-Solutions entschieden. Mit Datacross können Materialdaten, Deklarationen zu verschiedenen regulatorischen Anforderungen und Produktdokumente wie Testberichte, Zertifikate und Sicherheitsdatenblätter bei den Lieferanten gesammelt und im Anschluss bewertet und archiviert werden. Das Kommunikationssystem hat sich besonders dadurch bewährt, dass es den Lieferanten ein komfortables Bearbeitungsumfeld bietet und diese sowohl über die Ansprache sowie hinsichtlich der Benutzung der Software nicht überfordert.
Material Compliance Kommunikation ist immer ein partnerschaftlicher Entwicklungsprozess zwischen Kunde und Lieferant. Wer hier als Kunde die Messlatte zu hoch legt oder den Lieferanten überfordert, riskiert es den Lieferanten auf dem Weg zur Compliance zu verlieren – ein Umstand, der in der heutigen Zeit der Ressourcen- und Teileknappheit noch gravierender wiegt.
Metallische Werkstoffe konform einkaufen
Eine weitere Möglichkeit, um das Thema Material Compliance im Bereich Maschinenbau anzugehen, ist die Sicherstellung eines konformen „Einkaufskorb“ von Metallen. Hierbei werden sämtliche von der Entwicklung benötigten metallischen Werkstoffe erfasst und in einer virtuellen Stückliste „Werkstoffe“ zusammengefasst. Das Softwaresystem ermöglicht es, den über eine Norm spezifizierten Werkstoffen Inhaltsstoffe zuzuordnen und diese bezüglich der Regelkonformität zu beurteilen. Die Entwicklung kann nachfolgend im Rahmen des Produktentstehungsprozesses nur noch metallische Werkstoffe verwenden, welche in der Liste der konformen metallischen Werkstoffe aufgeführt sind. Fehlen Werkstoffe, so muss der Entwickler diese zur Nutzung beantragen.
Risikobewertung schätzt Gefahrenstoffe ab
Auch wenn der Kommunikationsprozess bestens läuft und auch die metallischen Werkstoffe wie dargestellt erfasst werden, bleibt immer noch ein Rest an Artikeln, für die aus den unterschiedlichsten Gründen keine Complianceinformationen vorliegen. Hier ist es gemäß dem Stand der Technik zulässig, eine Risikobewertung durchzuführen, mit welcher abgeschätzt wird, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass in einem Artikel ein reglementierter Stoff enthalten ist. Ist das Risiko entsprechend hoch, kann eine chemische Analyse durchgeführt werden, um diese Bewertung zu verifizieren.
Mit der Orientierung an der Umsetzungsnorm DIN EN IEC 63000 und der Zusammenarbeit mit Tec4u-Solutions konnte die Heidelberger Druckmaschinen AG das notwendige prozessseitige Umfeld schaffen und eine effektive und partnerschaftliche Kommunikation mit den Lieferanten aufbauen. Dadurch wurde die vorgabenkonforme Umsetzung handhabbar und sowohl rechtssicher als auch ökonomisch tragbar möglich.
* Carsten Laß verantwortet die Material Compliance bei der Heidelberger Druckmaschinen AG; Stefan Nieser ist Geschäftsführer der Tec4u-Solutions GmbH