ISO 13.849

Neue Norm für funktionale Sicherheit verunsichert Maschinenbauer

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Nach Einschätzung von Eberhard Beck, Leiter Steuerungstechnik der Index-Werke GmbH & Co. KG Hahn & Tessky, Esslingen, basiert die Risikobeurteilung nach ISO 13.849 weitestgehend auf theoretischen Überlegungen nach dem „Was-wäre-wenn-Prinzip“. In diese Überlegungen fließe weder eine Verhältnisbetrachtung mit ein, die die Wahrscheinlichkeit des tatsächlichen Eintritts dieses (theoretischen) Versagensfalles berücksichtigt, noch ein Erfahrungsindex, der die tatsächlichen Versagensfälle während einer Zeitperiode in der Vergangenheit einbezieht.

ISO 13.849 lässt Kollisionen mit C-Normen erwarten

Daraus würden sich gezwungenermaßen Kollisionen zu spezifischen Sicherheitsnormen für einzelne Produktgruppen (C-Normen) ergeben, in denen Experten erfahrungsbasiert den „Stand der Sicherheitstechnik“ festschreiben – losgelöst von der ISO 13.849. Im Ergebnis seien allein auf letzterer Norm basierende Sicherheitsanforderungen nicht oder nur mit hohem wirtschaftlichen Zusatzaufwand zu realisieren und deshalb in der Praxis nicht zu finden.

Während die frühere EN 954-1 laut VDW von einer rein statischen Betrachtung der Sicherheitsfunktion ausgeht („wie ist diese aufgebaut und wie reagiert sie im Fehlerfall“), komme bei der ISO 13.849 die Zeit-Frage hinzu: „Welches Verhalten zeigt die Sicherheitsfunktion selbst bezüglich eines Ausfalls über die folgenden 20 Jahre?“ Eigenes Erfahrungswissen sei aber irrelevant: „Gültig sind nur anonyme Sicherheitsbeiwerte von Sicherheitsbauteilen der Zulieferer, kombiniert mit Wahrscheinlichkeitstheorie“.

Gleichwohl müsse jedoch der Konstrukteur heute bewährte Konstruktionsprinzipien keinesfalls ganz über Bord werfen, um den neuen Sicherheitsnormen zu genügen: „Die EN 954-1 Kategorien sind in ISO 13.849 ja noch enthalten.“ Aber in jeder Konstruktion müssten alle „was-wäre-wenn-Überlegungen“ angestellt werden. Ganz gleich ob das Erfahrungswissen jemals einen solchen Ausfall beinhalte. Gekoppelt mit der „wenig greifbaren“ Wahrscheinlichkeitstheorie führe dies zu einem „gewissen Realitätsverlust“.

Kostenspirale durch ISO 13.849 befürchtet

Eine verbesserte Risikobeurteilung müsste demzufolge Einflussfaktoren bezüglich Eintritts- und Ausfallwahrscheinlichkeit sowie Erfahrungswerte aus dem Maschinenbetrieb und Unfallgeschehen mit berücksichtigen, wie es heißt: „Zudem sollten die C-Normen ihre führende Rolle zur Festschreibung des Standes der Sicherheitstechnik für spezifische Maschinengattungen zurückerhalten und nicht der Eindruck vermittelt werden, mit ISO 13.849 könne der Stand der Sicherheitstechnik analytisch berechnet werden!“

Für deutsche Hersteller entstehe durch das neue Regelwerk „eine neue Kostenspirale für eine nur in der Theorie begründete erhöhte Sicherheit“. Nachdem Gesetzgeber, Unfallversicherer und Normengeber, „getrieben von den Elektro-Großkonzernen als Lieferanten“ das Ziel verfolgen, sagt Beck, „Sicherheit und deren Komponenten zu standardisieren, nach dem Motto gleiche Methoden und gleiche Sicherheit im Kernkraftwerk wie an der Maschine, ist der Einfluss der klein- und mittelständisch geprägten Werkzeugmaschinenhersteller und deren Verbände auf Inhalte und Ausgestaltung der Normung allerdings gering bis nicht vorhanden“.

Von der Metav 2014 in Düsseldorf verspricht sich Beck „weitere Aufklärungsarbeit – auch bei den ISO-13.849-Protagonisten – dahingehend, dass in der Praxis seit Jahrzehnten bewährte unfallfreie Maschinen- und Sicherheitskonzepte nicht deshalb unsicherer und gefährlich werden, weil neue Sicherheitsnormen in ihren theoretischen Methoden höhere Sicherheitsanforderungen im Rechenergebnis aufweisen.“

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