Geschäftsführerwechsel Neuer Mann, neuer Weg?

Autor Sariana Kunze

Nach drei Hohorst-Generationen übernimmt Dr. Heiner Lang als erstes Nicht-Familienmitglied die Führung von Wago. Er tritt mit ungewöhnlichen Ideen und neuer Strategie an. Was der neue CEO will, verrät er im Interview.

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Dr. Heiner Lang (44) ist der neue CEO bei Wago und sieht sich selbst als Innovator.
Dr. Heiner Lang (44) ist der neue CEO bei Wago und sieht sich selbst als Innovator.
(Bild: Wago)

Herr Lang, Sie sind am 1. Januar 2021 als neuer CEO bei Wago, Anbieter von Verbindungs- und Automatisierungstechnik, angetreten – mitten im Lockdown. Für viele ist ein beruflicher Neustart während der Corona-Pandemie nicht leicht. Viele holen nur einen Laptop ab. Wie beginnt man als CEO den ersten Arbeitstag?

Heiner Lang: Ich bin von der Autovermietungsstation in Minden die zwei Kilometer zur Firma gelaufen, um am Empfang zu sagen: ‚Hallo, ich bin der neue CEO. Ich fange heute an.‘ Dann habe ich mein Büro bezogen.

Mir war klar, dass ich nicht viele Leute sehen werde. Auch nach fünf Monaten ist das noch so. Mittlerweile bin ich aber Schnelltest- erprobt, um Personen persönlich treffen zu können. Dank der virtuellen Meetings konnte ich aber schon weitaus mehr neue Kolleginnen und Kollegen kennenlernen, als es mit physischen Begegnungen möglich gewesen wäre.

Als CEO übernehmen Sie nach drei Hohorst-Generationen das Ruder. Was ist das für ein Gefühl?

Für mich ist es eine große Ehre. Ich habe Respekt aber auch Demut vor der Aufgabe. Ich sehe es nicht als selbstverständlich an, dass mir als Nicht-Familienmitglied ein Familienunternehmen zur Führung übertragen wurde. Wenn man als junger Mensch – so sehe ich mich – einmal eine Firma leiten und lenken möchte, dann ist das eine einmalige Chance. Ich führe Wago als ob es mein eigenes Unternehmen wäre.

Ihr Vorgänger Sven Hohorst sieht Ihre Stärken in der Unternehmensentwicklung und Produktinnovation…

Ich bin Ingenieur, sehe mich als Innovator. Neuerungen treiben und beschäftigen mich einfach. Ich werde nicht müde meinen Kollegen fast täglich mit einer neuen, verrückten Idee auf die Nerven zu gehen. Das müssen Menschen, die mit mir arbeiten, ab können. Ich bin ehrlich, in der Regel sind neun von zehn Ideen für den Papierkorb. Aber eine gute ist manchmal dabei und das reicht, um den Innovationsgeist in der Firma zu fördern.

Auch die Unternehmensentwicklung ist mein Steckenpferd, weil ich schon verschiedene Unternehmen gesehen habe. Von einem kleinen 400-Mitarbeiter-Familienbetrieb bis hin zu einem Konzern wie Bosch. Wago ist ein Unternehmen, das vor der Eine-Milliarde-Umsatz-Schwelle steht, mit rund 8.500 Mitarbeitern. Ich habe nun die spannende Aufgabe Wago als mittelständisch denkendes, aber mit der Struktur eines wachsenden Großunternehmens in die Zukunft zu führen.

Sie sprechen von verrückten Ideen – wie sieht so eine denn bei Ihnen aus?

Was spricht denn gegen totale Offenheit und Co-Creation? Einige haben sich gefragt, ob ich das ernst meine. Wir sind in der Automation noch so klein, dass für uns die Öffnung nach außen ein riesiges Potenzial bietet. Wenn wir ein offenes Ökosystem bespielen, könnten viele unserer Marktbegleiter und Unternehmen aus Bereichen wie der Sensorik oder Cloudtechnologie noch einfacher an Wago andocken. Mit solchen Ideen beschäftigen wir uns aktuell.

Welches Potenzial sehen Sie für die Wago Automation?

Die Automatisierung macht heute ein Sechstel unseres Umsatzes aus. Diese Sparte hat aber das größte Wachstumspotenzial. Die Automatisierung wächst grundsätzlich und nachhaltig, in allen Märkten und hier sehen wir noch deutliche Marktanteilsgewinne.

Womit haben Sie sich die ersten Monate beschäftigt?

Für mich war wichtig, zu evaluieren, wo wir stehen, wie wir unsere Kunden in der jetzigen Situation bestmöglich versorgen können und wie unser Zukunftsbild aussieht.

Thema Kundenversorgung: Wie macht sich die aktuelle Materialknappheit bemerkbar?

Der Materialmarkt und die Versorgung mit Rohstoffen wird zunehmend herausfordernder. Auch wir spüren das. Aber: Wir leisten uns auch den Luxus, Ressourcen ein paar Tage länger zu bunkern. So bleiben wir lieferfähig. Den Großteil der Nachfrage können wir befriedigen – haben aber auch an der einen oder anderen Stelle unsere Lieferzeiten ein bisschen verlängern müssen.

Welche neuen Wege wollen Sie gehen?

Wir möchten auch weiterhin profitabel wachsen und ein Familienunternehmen bleiben. Zudem möchten wir uns vom Komponenten- zum System- und Lösungsanbieter weiterentwickeln. Hierzu wird es noch in diesem Jahr ein Lösungsangebot von Wago geben. Auch wollen wir das kundenzentrierteste Unternehmen der Branche werden. Aktuell arbeiten wir noch unsere Strategie aus und werden mit einer klaren Positionierung im Jahr 2022 an den Markt gehen.

Herr Lang, Sie haben einmal gesagt, dass die einzigen ortsfesten Elemente einer Zukunftsfabrik die vier Wände, das Dach und der Hallenboden sein werden…

Ich stehe zu dieser Aussage. Bei Wago beziehe ich sie auf die Infrastruktur und das Gebäude. Die vier Wände, das Dach und der Boden einer Fabrikhalle wollen kommunizieren. Sie sind Teil der Infrastruktur der gesamten Fabrikautomation. Da können wir unseren Punkt machen: Bei der Vernetzung, Infrastruktur, Digitalisierung und Dezentralisierung. Das ist Teil unserer Positionierung und unseres Leistungsangebots. Hier verschmelzen zunehmend die Anforderungen der Automation im Fabrik- und Gebäudeumfeld.

Wann kann diese Vision Realität werden?

Inzwischen bin ich überzeugt, es passiert in diesem Jahrzehnt. Die Geschwindigkeit der Digitalisierung hat zugenommen. Die Corona-Pandemie ist ein Brandbeschleuniger. So haben beispielsweise vor zwei Jahren viele Hersteller beziehungsweise Betreiber uns keinen Zugang zu ihren Maschinen oder Gebäuden gegeben. Wenn aber über Nacht kein Servicetechniker mehr vorbeikommen kann, dann geht plötzlich der Remote Access.

Welche Hürden müssen dafür noch überwunden werden?

Veränderung beginnt im Kopf. Auch ich dachte einmal, dass dieses Mehr an Flexibilität und Transparenz mehr Unsicherheit erzeugt. Das Gegenteil ist der Fall. Es erzeugt mehr Sicherheit und Freiheit. Selbstverständlich muss alles über die Cybersecurity-Thematik abgesichert werden. Aber Hürden technischer Natur sind nicht mehr wirklich vorhanden. Entweder haben wir es technisch schon gelöst oder es ist ein to do.

Wago feierte im letzten Jahr 70. Geburtstag. Wie passen für Sie die analoge Tradition und die digitale Zukunft zusammen?

Für mich gibt es ohne Herkunft keine Zukunft. Bei Wago leben wir davon. Wir haben Werte entwickelt, die wir in die Zukunft transportieren und transformieren möchten. Wir wollen das spielerisch angehen, das ist Teil unserer kulturellen Transformation. Für mich bedeutet Mitmachen auch Vorleben. Denn wenn wir über Digitalisierung in unseren Produkten sprechen, dann heißt das auch für uns, Digitalisierung in unserer Produktion. Deshalb fangen wir mit der Fabrik oder dem Gebäude der Zukunft bei uns an.

Welche technologischen Trends werden Sie bei Wago in der nächsten Zeit verstärkt verfolgen?

Ein großer Trend ist in der Automation sowie Verbindungstechnik die Vernetzung. Und zwar die, die Interoperabilität zu lässt. Dazu treten wir gerne in größere Ökosysteme ein.

Was hat Wago aus der Pandemie gelernt?

Wir haben viel gelernt. Zum Beispiel, dass wir eine offenere Arbeitswelt beibehalten wollen. Das hat unsere Mitarbeiter effizienter und produktiver gemacht. Wir möchten den Menschen mehr Freiheit geben, damit sie mehr Unternehmertum wagen.

Insgesamt haben wir uns gut geschlagen. Wir konnten den Umsatz nahezu halten, das können in der Automatisierungsbranche nicht alle von sich behaupten. Wir sehen für das Jahr 2021 eine klare Wachstumstendenz.

Wenn die Corona-Pandemie überstanden ist, dann…

… werde ich viel Zeit außerhalb meines Büros verbringen und mit unseren Kunden persönlich sprechen. Ich war in meinem Berufsleben immer unterwegs, habe 50 Prozent meiner Zeit beim Kunden verbracht. Das fehlt mir total.

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