Anbieter zum Thema
Das Beispiel gibt eine gute Handreichung für die Entscheidung, welche Systemphilosophie die richtige für ein Unternehmen ist: Es kommt darauf an, wie die Anwender arbeiten. Je größer die Überschneidungen zwischen den Disziplinen, desto mehr ist eine integrierte Lösung sinnvoll. Das hat übrigens nichts mit der Nutzung der Daten zu tun – in jedem Fall sollte jeder auf die Daten zugreifen können, die er zur Erfüllung seiner Aufgaben benötigt. Doch es gibt Unternehmen, in denen die Arbeitsteilung kleinteiliger ist, und andere, in denen eher generalistisch gearbeitet wird. Das hat auch viel mit der Firmengröße zu tun: je kleiner das Unternehmen, desto mehr Aufgaben lasten auf weniger Schultern.
Je stärker sich ein Mitarbeiter auf eine Aufgabe konzentrieren kann, desto genauer kann die Software auf seine Bedürfnisse zugeschnitten sein. Und dementsprechend ist die nahtlose Integration aller Funktionen in einer Bedienoberfläche weniger wichtig als eine möglichst effiziente, an die jeweiligen Aufgaben angepasste Bedienphilosophie.
Möglichst homogenen Haupt-Workflow umsetzen
Ein guter Leitsatz ist: Der Haupt-Workflow, in dem die Wertschöpfung abläuft und in dem das wichtige geistige Eigentum entsteht, sollte möglichst homogen sein. Ein Unternehmen, das mit einem Konfigurator arbeitet und die meisten Aufträge mehr oder weniger automatisiert durch die Konstruktion schleusen und ohne weitere Eingriffe auf die Maschinen bringen möchte, sollte eine enge Integration zwischen CAD und CAM anstreben. Simulationen werden, wenn sie einmal notwendig sind, von einem externen Spezialisten erledigt.
Ein anderes Unternehmen ist vielleicht auf den Leichtbau und das Ausreizen der eingesetzten Materialien spezialisiert und lässt die meisten konstruierten Teile extern fertigen. In einem solchen Fall ist die Integration der Simulation viel wichtiger als eine enge Anbindung des CAM-Systems. Es ist wichtig, diesen Haupt-Workflow sauber zu definieren und die Entwicklungslandschaft entsprechend auszuwählen.
Der dritte wichtige Gesichtspunkt für die Auswahl ist, wie sehr sich der Aufwand, verschiedene Firmenteile zu integrieren, lohnt und wie lange eine integrierte Landschaft Bestand hat. Für ein Unternehmen, das aus sich heraus organisch wächst, ist eine möglichst frühe Festlegung auf ein System, das skalierbar ist und mitwachsen kann, optimal. Dann können nach und nach Funktionsbereiche in die Entwicklungsumgebung aufgenommen werden, die anfangs vielleicht als Dienstleistung zugekauft wurden.
Wahl der Software-Umgebung als Unternehmensentscheidung
Ein Unternehmen, das sich 2011 entschlossen hat, auf ein einheitliches System zu setzen, ist der Agrarmaschinenhersteller Claas. Er nutzt die 3D-Experience-Plattform von Dassault Systèmes mit den Bestandteilen CAD-Software (Catia), PLM (Enovia), Fertigungsplanung (Delmia) und Simulation (Simulia), um das komplette Systems Engineering inklusive der Montageplanung weltweit auf einer einzigen IP-Plattform zu betreiben. „Der globale Markt verlangt von den Herstellern, dass sie überall konstruieren und überall produzieren können. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass Claas schon bald mehrere Entwicklungs- und Produktionsstätten überall auf der Welt besitzen wird, an denen unsere Maschinen auf die stets gleiche Weise gefertigt werden sollen. Darum haben wir die 3D-Experience-Plattform von Dassault Systèmes eingeführt, die uns bei unserer internationalen Expansion unterstützt, indem sie die globale Zusammenarbeit zwischen all unseren Standorten optimiert“, erklärt Bernhard Schuchert, CIO von Claas.
Auch Wago hat sich für eine möglichst homogene Softwareumgebung in der Produktentwicklung entschieden. „Wir haben bei der CAx/PDM-Auswahl besonderen Wert auf die Optimierung der gesamten Prozesskette, von der Artikel- über die Betriebsmittel- und Werkzeugkonstruktion bis zur Fertigung, gelegt”, kommentiert Michael Burmester, Leiter der Abteilung Prozess- und Produktdatenmanagement bei Wago, die damalige Entscheidung. „Und damit sind wir gut gefahren.” Das Unternehmen setzt NX als CAD/CAM-Lösung ein. Neben den Tools für die 3D-Produktmodellierung und Zeichnungsableitung werden dabei unter anderem die NX-Module für die Freiformflächen-Modellierung, die Konstruktion von Spritzgießwerkzeugen, die Blechkonstruktion, die erweiterte Baugruppenkonstruktion, für Visualisierung und Rendering, die Kinematikanalyse und die NC-Programmierung genutzt. Außerdem steht Teamcenter als PDM/PLM zur Verfügung – auch im Einkauf, der Qualitätssicherung und der Produktion.
Ausschlaggebend für die Siemens-Lösung waren unter anderen die integrierten Module für die 3D-Modellierung, die NC-Programmierung und die Analyse sowie die flexible und offene PDM-Architektur. „Neben der Reduzierung der Schnittstellen, versuchen wir, den administrativen Aufwand für alle Beteiligten so klein wie möglich zu halten. Durch beides zusammen können wir sowohl den Produktentstehungsprozess als auch die Änderungs- und Optimierungsprozesse signifikant verkürzen, sodass wir schneller auf Kundenwünsche reagieren können“, so Burmester weiter.
Systemanpassungen im Unternehmen gut überlegen
Systemumstellungen sind immer teuer – es müssen nicht nur neue Lizenzen gekauft, sondern auch die Anwender geschult und die Workflows angepasst werden. Auch der Effizienzeinbruch durch die Umstellung ist nicht zu vernachlässigen. Der Wechsel einer etablierten, funktionierenden Entwicklungsumgebung sollte also in jedem Fall gut überlegt sein.
In Unternehmen, die stark auf Zukäufe vertrauen, um zu wachsen, kommen immer wieder Firmen hinzu, die eine andere Entwicklungsumgebung mitbringen. Diese Tochterunternehmen nach dem Kauf auf die IT-Landschaft der Mutter umzustellen, ist manchmal sehr aufwendig und bringt zusätzliche Unruhe ins Unternehmen. Hier kann es also sinnvoll sein, aus der Not eine Tugend zu machen und eine flexible Systemlandschaft zu etablieren, die es relativ einfach macht, die neuen Firmen auf Datenebene anzubinden und ansonsten mit ihren gewohnten Werkzeugen weiterarbeiten zu lassen.
Dies gilt umso mehr, wenn die Tochterunternehmen ein eigenes Produktportfolio mitbringen, das auch in der Zukunft relativ eigenständig bleiben soll. Dann bietet die Anbindung an den Backbone die Möglichkeit, Daten auszutauschen und beispielsweise Komponenten der Tochter in die Produkte der Mutterfirma zu integrieren. In vielen Fällen reicht diese Integrationstiefe völlig aus.
Am Ende lässt sich die Eingangsfrage mit wenigen Gegenfragen beantworten: Arbeiten wir eher arbeitsteilig oder eher generalistisch? Wie wichtig sind extrem ausgefeilte Funktionalitäten oder kann diese Expertenarbeit hinzugekauft werden, beispielsweise von einem externen Simulationsbüro? Und wie wahrscheinlich sind Firmenzukäufe, die die gerade so schön gelungene Konsolidierung der IT-Landschaft wieder aufbrechen? Werden diese Fragen ehrlich beantwortet, dürfte schnell klar werden, wie die optimale Lösung auszusehen hat.
(ID:45018501)