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Die Entscheidung Software – alles aus einer Hand oder Best-in-Class?

| Autor / Redakteur: Ralf Steck / Stefanie Michel

Eine wichtige Frage bei CAD-Evaluationen: Nimmt man Software besser aus einer Hand oder ein Best-in-Class-Potpourri? Die Antwort erscheint eher philosophisch: „Sowohl als auch!“

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Ist Ihre Software von einem Hersteller oder ein Best-in-Class-Potpourri?
Ist Ihre Software von einem Hersteller oder ein Best-in-Class-Potpourri?
(Bild: DMG Mori)

Schon Mitte der 1970er-Jahre wurden unter dem Schlagwort CIM die ersten Versuche unternommen, EDV-Lösungen aufzubauen, die das gesamte Unternehmen umfassten. Dass diese Konzepte allesamt krachend scheiterten und das Wort „CIM“ zum Unwort einer ganzen Branche wurde, lag zum einen daran, dass die Hard- und Software bei Weitem noch nicht leistungsfähig genug war, einen solch ganzheitlichen Ansatz zu fahren. Zum andern aber funktionieren solche monolithischen Lösungen im Labor meist recht gut, scheitern dann aber an der Wirklichkeit.

Denn die Wirklichkeit ist eben nicht die sprichwörtliche „grüne Wiese“, auf der man völlig ohne Vorbedingungen, Rücksichten auf bestehende Lösungen und alte Daten beginnen kann. In wohl jedem Unternehmen blüht heute ein Wildwuchs aus den unterschiedlichsten Systemen – und das auf allen Ebenen: von den selbst gestrickten Berechnungstabellen in Excel bis hin zu ERP-und CAD-Systemen.

Heterogene IT-Landschaft in den Unternehmen

Spätestens wenn eine Firma ein anderes Unternehmen übernimmt, entsteht eine heterogene IT-Landschaft – selbst wenn beide Firmen tatsächlich dasselbe ERP- und PDM-System haben sollten, wird sehr wahrscheinlich der Aufbau der Datenbanken voneinander abweichen und ein einfaches „Zusammenschütten“ der Daten verhindern. Oder es stehen unterschiedliche Nummernschlüssel, Änderungsindices und Statuslevel der einfachen Übernahme entgegen. Oft ist es jedoch auch so, dass das neue Tochterunternehmen einfach für seine Produkte und seine Anforderungen einen optimalen Workflow gefunden hat, der sich im System der Mutterfirma nicht in dieser Detailliertheit abbilden lässt.

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Während also „sortenreine“ Systeme in der Praxis extrem selten sind und diese Problematik des CIM-Gedankens nichts von ihrer Aktualität verloren hat, hat sich in Sachen Hard- und Software seit den 70er-Jahren natürlich sehr viel getan. Unter anderem ermöglicht die Leistungsexplosion der Hardware viel intelligentere Lösungen als damals, zudem hat sich in Sachen Schnittstellen und Kompatibilität, aber auch Softwarearchitekturen und Standards sehr viel getan.

Datenaustausch unter verschiedenen Systemen möglich

Das beginnt schon damit, dass damals Großrechner Stand der Technik waren – der IBM-PC wurde erst 1981 vorgestellt. In der Ära der Großrechner entwickelte jeder Hersteller eigene Hardware, eigene Betriebssysteme und eigene Applikationen, sodass man grundsätzlich auf die Systemwelt eines Anbieters beschränkt war. Erst mit Unix, Windows und Mac OS kam die Idee in die Welt, dass die Systeme verschiedener Anbieter auf einer einzigen Plattform laufen und dann auch Daten austauschen könnten.

Heute sind wir zu Softwarearchitekturen gelangt, in denen ein Backbone – beispielsweise ein PDM/PLM-System – die Daten bereitstellt, die dann von vielen Anwendungen, die an diesem Backbone angeschlossen sind, gelesen, bearbeitet und zurückgespeichert werden. Datenformate wie XML, STEP, JT und andere ermöglichen es, Daten so zu beschreiben, dass sie auch von anderen Systemen verstanden werden können.

Und auch die Schnittstellentechnologie hat sich weiterentwickelt – CAD-Systeme können Daten anderer Systeme nicht mehr nur lesen, sondern auch analysieren und verstehen. So kommt nicht nur „dumme Geometrie“ im Zielsystem an, sondern die importierte Geometrie kann tatsächlich (fast) wie native Geometrie behandelt werden. Vor allem die Featureerkennung ist hier wichtig – die Software muss an einer importierten Geometrie Kanten, Ecken, Flächen, Radien, Bohrungen und andere Features erkennen, damit der Anwender beispielsweise auf diese Geometrieelemente referenzieren kann, wenn er das Importteil in eine Baugruppe einbaut. Unabdingbar ist die Featureerkennung auch, wenn die CAM-Software Frässtrategien über die Flächen legen soll.

Auch heterogene Systeme liefern nahtlosen Datenfluss

Man kann so heute viel einfacher als früher ein System aufbauen, das einerseits heterogen ist, andererseits aber einen nahtlosen Datenfluss ermöglicht. Trotzdem ist es natürlich das Bestreben der Anbieter, möglichst viel aus einer Hand – und zwar der eigenen – zu liefern. Deshalb bauen die CAD-Anbieter ihr Portfolio ständig aus und bieten inzwischen komplette Entwicklungsumgebungen vom Konzept bis zum Serienteil, Betrieb und Service.

Und trotz all der beschriebenen Möglichkeiten der heutigen Schnittstellentechnologie: Innerhalb einer „sortenreinen“ Komplettentwicklungslösung ist der Datenaustausch üblicherweise einfacher beziehungsweise gar nicht mehr notwendig. Um vom CAD-Modellierer zur Simulation zu gelangen, muss man das Modell nicht über Schnittstellen übertragen, sondern man wechselt im besten Fall einfach in der Ribbon-Leiste auf einen anderen Reiter. Dieses Optimum ist in der Realität nicht immer umgesetzt, denn wenn der CAD-Systemhersteller eine Zusatzfunktionalität, die er zugekauft hat, nur halbherzig integriert, ist die schöne Komplettlösung zwar aus einer Hand, aber eben nicht nahtlos integriert.

So sieht man das beispielsweise in Solidworks, wo sich die Bedienoberflächen von Simulation, CAM und anderen Modulen nahtlos in die Oberfläche einfügen. Das ist sicher einer der größten Vorteile der Komplettpakete: Die Bedienphilosophie ist immer dieselbe, egal in welchem Modul man sich befindet. Die Befehle sind an derselben Stelle, die Icons sind bekannt und die Abläufe vertraut.

Bedienung von Stand-alone-Software unterscheidet sich

Das ist vor allem in den Fällen vorteilhaft, in denen bestimmte Programmteile nur selten benutzt werden. Ein gutes Beispiel ist der Konstrukteur, dessen Tagesgeschäft die Modellierung ist, der aber ab und zu die Festigkeit eines Bauteils berechnen möchte. Die Bedienphilosophie eines Stand-alone-Simulationspakets ist an die Bedürfnisse der Simulation angepasst und kann sich stark von den gewohnten Abläufen im CAD-System unterscheiden. Es wäre völlig ineffizient, müsste er sich jedes Mal in diese andere Bedienung einarbeiten. Deshalb hat in diesem Fall eine integrierte Oberfläche große Vorteile – und übrigens reicht auch ein etwas reduzierter Funktionsumfang, weil der Konstrukteur in der Regel nicht die tiefen Simulationskenntnisse hat wie ein Experte auf diesem Gebiet.

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Über den Autor

 Ralf Steck

Ralf Steck

Freier Fachjournalist