Porträt Sonia Bonfiglioli: Freigeist sucht Herausforderung
„Ich sehe das Glas nicht nur immer halb voll, sondern voll – auch gefüllt mit Wein!“ Mit dieser positiven Einstellung lenkt Unternehmerin Sonia Bonfiglioli seit über zehn Jahren den Antriebstechnikhersteller Bonfiglioli. Das Porträt einer engagierten Frau.
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Es ist sonnig und ruhig an dem Morgen, der für das Interview geplant ist. Die Firmenzentrale von Bonfiglioli in Calderara di Reno, nahe dem Flughafen Bologna, ist zweckmäßig, bodenständig und etwas in die Jahre gekommen. Renoviert wird hier nicht mehr, denn der Neubau ist bereits in Planung. Doch ein bisschen spiegelt dies auch das Unternehmen wider und vielleicht die Zurückhaltung von Maschinenbauern: am Puls der Zeit, aber nicht abgehoben oder unnahbar.
Den Freigeist hält es seit über 25 Jahren im Familienunternehmen
Vor uns sitzt eine entspannte Firmenchefin, die auch nach vielen Jahren im Unternehmen noch neugierig ist und der die Arbeit sichtbar Spaß macht: eine agile Frau an der Spitze eines international agierenden Familienunternehmens. Der Weg in die Firma war für Sonia Bonfiglioli nicht vorgezeichnet, denn eine grundlegende Haltung gibt sie gleich zu Beginn des Gesprächs preis: „Ich will frei sein.“ Dieser Wille zur Freiheit zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, denn schon als Kind war sie eher hyperaktiv und unabhängig – ein Freigeist. Ihr Vater, der Firmengründer Clementino Bonfiglioli, akzeptierte das und drängte weder sie noch ihren Bruder zu einer Führungsposition im Unternehmen. Dennoch ist sie bereits seit über 25 Jahren im Familienunternehmen Bonfiglioli tätig, seit 12 Jahren in der Führungsspitze. Wie kam es dazu?
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In Bologna hat sie Maschinenbau studiert – zusammen mit nur 5 weiteren Frauen unter etwa 200 Studenten. Das hat sie gerne gemacht, denn Mathematik und Physik lagen ihr. Sie konnte auch gut zeichnen, hatte aber insgesamt nie die besten Noten. Dazu steht sie offen: „Ich weiß, dass ich viele Grenzen habe.“ Diese ehrliche Einschätzung offenbart andererseits eine weitere Seite von Sonia Bonfiglioli, als sie anschließt: „Ich habe immer gearbeitet, um die richtige Vorbereitung zu haben.“ So hat sie seit ihrem Studium bis heute immer versucht, durch gründliche Vorbereitung bei allem eine hohe Kompetenz zu zeigen – egal ob es etwas war, was sie mochte, oder nicht. Ihr ist es wichtig, auch Dinge, die sich ihr nicht von Beginn an erschließen, zu verstehen. Das funktioniere nur mit kontinuierlichem Studium. Aufgeben gibt es bei ihr nicht.
Lebenslanges Lernen als Antwort auf jegliche Herausforderung
Wie stark sie dieses lebenslange Lernen verinnerlicht hat, zeigt eine Anekdote, die sie während des Gesprächs berichtet. Im vierwöchigen Familienurlaub – einfach nichts tun ist ihr nicht möglich – entdeckte sie eine Webseite, über die man zahlreiche Abschlüsse machen kann. Für die Dauer des Urlaubs hat sie kurzerhand einen Kurs belegt und die Aufgaben, Diskussionen und Prüfungen abgelegt. Sie zuckt lediglich mit den Schultern: Es sei zwar hart gewesen, habe ihr aber gefallen. Schon ein paar Jahre davor hatte Sonia Bonfiglioli ein MBA-Studium in Barcelona abgeschlossen. Damit will die Unternehmerin auch ihren beiden Söhnen zeigen: ich hab's gemacht, du kannst das ebenfalls.
Bonfiglioli
Sonia Bonfiglioli zum Cavaliere del Lavoro ernannt
Der Grund für diesen Wissensdurst und die Rastlosigkeit? Zum einen mag sie Herausforderungen, zum anderen schätzt sie Unvoreingenommenheit. Das hat sie auch zu Beginn ihrer Arbeit im bei Bonfiglioli gezeigt. Ohne große Berufserfahrung mit Anfang dreißig war sie maßgeblich am Aufbau der Niederlassungen in Indien und Vietnam beteiligt – ihre eigene Idee. Wie sie erzählt, war ihr Vater ziemlich in Sorge und fragte sie noch, ob sie sich sicher sei, das zu tun. „Das war wirklich eine große Herausforderung und als wir anfingen, stand dort ein großes Fragezeichen." Wäre dieser Schritt eine Fehlentscheidung gewesen, vielleicht hätte Sonia Bonfiglioli das Unternehmen ihres Vaters wieder verlassen. Zu Beginn wollte sie ohnehin nur ein paar Jahre bleiben. Doch Fehler zu machen, ängstigt sie nicht: „Wenn du weißt, dass du Fehler machen und sie korrigieren kannst, fühlst du dich auch frei, Entscheidungen zu treffen.“
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