Desertec Stromautobahnen bringen Energie aus der Wüste

Autor / Redakteur: Thomas Isenburg / Stéphane Itasse

Ein Vorschlag für eine sichere und umweltfreundliche Energieversorgung in Europa ist das Desertec-Konzept: Die Wüsten der Erde empfangen in weniger als sechs Stunden so viel Energie von der Sonne, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht.

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Wie die Energie aus Wind und Sonne zunächst umgewandelt und dann zu den Verbrauchszentren transportiert werden kann, sind Fragen, mit denen sich international orientierte Energieexperten beschäftigen. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Jochen Kreusel, Smart Grid Manager bei der ABB Ltd in Zürich. Er meint: „In Europa gibt es bislang überwiegend ein Wechselstromnetz.“

Gleichstrom zur Übertragung über große Entfernungen

Die zugehörigen Kraftwerke sind in der Regel nahe an Verbrauchszentren. Dadurch besteht nur wenig Ferntransportbedarf für elektrische Energie. Probleme wie der Ausfall eines Kraftwerks können durch die Struktur des Stromnetzes ausgeglichen werden.

Wenn man über den Verbund in Nordafrika redet und auch den Ausbau der Windenergie an den deutschen Küsten, ändert sich das Bild grundlegend, so Kreusel. Sobald es in den Bereich über mehrere Hundert oder gar Tausend Kilometer gehe, sei es effizienter, die Energie in Form von Gleichstrom zu übertragen.

HGÜ-Verbindungen in Europa schon seit Jahrzehnten vorhanden

Zwischen England, Europa und Skandinavien gibt es bereits die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) genannten Verbindungen. Diese werden schon seit den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts betrieben. Ein Beispiel im Mittelmeer ist die Sacoi-Verbindung. Sie reicht von Italien über Korsika nach Sardinien und wird mit Gleichstrom betrieben. In Deutschland wurde 2009 der erste deutsche kommerzielle Offshorewindpark Bard 1 durch eine HGÜ-Leitung mit der 120 km entfernten Küste verbunden.

Jedoch sieht Kreusel einige technische Herausforderungen bei gleichstromleitenden Stromverbindungen durchs Mittelmeer. Für Desertec spezifisch sind teilweise Meerestiefen um die 2000 m. Dazu Kreusel: „Das ist kein grundlegendes Hindernis, doch man muss schon sagen, dass es schwierig ist.“

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Drei Fragen zum politischen Umfeld
Desertec ist auch als politisches Kooperationsprojekt zu begreifen

Prof. Dr. Claus Leggewie ist als Politikwissenschaftler Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und seit 2008 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung.

Herr Leggewie, ist Desertec ein Münchhausenprojekt, oder ist mit Geld alles lösbar?

Leggwie: Die Münchhausengeschichte, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, ist eine funktionierende Lösung. Insofern ist das ein schönes Bild für eine Energiekooperation zwischen Europa, Nord- und Subsahara-Afrika. Dabei klingt immer noch das Koloniale an. Jedoch können wir daraus ein Entwicklungs- und Friedensprojekt machen. Hierbei ist klar, dass die südlichen Regionen wegen des Peak Oil und anderer Umstände durchaus auf regenerative Energien umstellen müssen, deren Quellen sie im Überfluss besitzen. Auch ist klar, dass wir unseren Energiebedarf nicht ohne Importe aus der Region befriedigen können. Dabei sollten wir uns möglichst unabhängig machen von Kohle, Gas und Erdöl. Das ist gewissermaßen das Münchhausenprojekt.

Wie sehen Sie die Möglichkeiten für eine technische Realisierung?

Leggwie: Der entscheidende Punkt ist meines Erachtens nicht die Technik, sondern die Finanzierung und das politische Kooperationsverhältnis, welches wir eingehen. Wir haben die Eliten weder im Norden noch im Süden überzeugt, dass es sich hier um ein Kooperationsprojekt handelt. Das halte ich bei Desertec und gleich gerichteten Projekten für das viel größere Problem.

Die politische Situation in der nordafrikanischen Welt ist im Umbruch, dabei fordert die Gesellschaft in Europa eine sichere und stabile Energieversorgung. Kann sich dieser Widerspruch auflösen?

Leggwie: Natürlich wird das nicht perfekt gelingen. Wir bauen unsere vermeintlich sichere Energieversorgung durch Arrangements mit Wladimir Putin, den Saudis und früher auch mit Muammar al-Gaddafi aus. Wer das für sicher hielt, der wird auch keine Schwierigkeiten haben, mit entsprechenden demokratischen Regimen die Abkommen zu zimmern. Wichtig ist, dass der Demokratisierungsprozess anhält. Es gibt dort ja auch eine Mittelschicht und unabhängige Unternehmer, die für so ein Projekt zu begeistern sind. Der Prozess würde auch Rechtsstaatlichkeit, Investitionssicherheit und dergleichen mit sich bringen. Es ist eine Scheinsicherheit, sich mit autoritären Regimen über Energieversorgung und Flüchtlingsabwehr über Jahrzehnte verbündet zu haben. Dabei ist es ebenso eine Scheinunsicherheit, wenn man jetzt, da die Region möglicherweise sicherer wird, sagt, dass ist alles zu riskant.

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