Wirtschaftskrise Wenn im Unternehmen der „Sozialkitt“ bricht

Autor / Redakteur: Georg Kraus / Jürgen Schreier

„Wir sitzen alle im selben Boot.“ Dieses Gefühl versuchen Führungskräfte im Arbeitsalltag oft ihren Mitarbeitern zu vermitteln. Doch diese „Wir-Ideologie“ platzt zumeist schnell, wenn – wie in der aktuellen Rezession – Umsätze und Erträge schwinden und ein Personalabbau droht.

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„Wir sind ...“ „Wir machen ...“ Solche Sätze prägen die Leitlinien und Führungsgrundsätze fast aller Unternehmen. Und auch ihre Führungskräfte appellieren im Gespräch mit den Mitarbeitern oft an das kollektive „Wir“ – gerade so als hätten die Inhaber der Unternehmen sowie deren Führungskräfte und Mitarbeiter identische Interessen und säßen alle im selben Boot.

Doch wenn plötzlich die Umsätze wegbrechen und die Erträge sinken wie in der aktuellen Wirtschaftsflaute, was passiert dann? Die Unternehmensleitung erhöhte die Zielvorgaben, streicht Sozialleistungen und muss im Extremfall sogar Mitarbeiter abbauen. Dann entpuppt sich das kollektive „Wir“ meist als ideologische Seifenblase: Sie platzt, wenn die Sonne nicht mehr scheint.

Unternehmen sind nur Zweckgemeinschaften

Dann wird deutlich: Unternehmen sind keine (Groß-)Familien, in denen alle gemeinsam durch dick und dünn gehen. Unternehmen sind vielmehr Zweckgemeinschaften – also soziale Gebilde, in denen sich Personen mit unterschiedlichen Interessen zeitweise zusammenschließen, um wechselseitig voneinander zu profitieren. Und wenn ein oder mehrere Beteiligte aus der Zusammenarbeit keinen oder nur noch wenig Nutzen ziehen? Dann trennen sich die Wege wieder.

In Boom-Zeiten sieht das anders aus: Denn dann ist genug zum Verteilen da, dann präsentieren sich das Unternehmen gerne als „Sozialeinrichtung“. Anders ist dies in wirtschaftlich schlechten Zeiten. Dann zeigt sich: Die Ressourcen jedes Unternehmens sind begrenzt und die (Unternehmens-)Führung unterliegt Sachzwängen, denen sie sich nicht entziehen kann.

Für die meisten Mitarbeiter ist diese Erkenntnis nicht neu. Sie erachten den Appell an das kollektive „Wir“ ohnehin als Führungsrhetorik und die glatt gebürsteten (Führungs-)Leitlinien sowie Mitarbeiterpostillen entlocken ihnen nur ein müdes Gähnen. Denn sie wissen: Was im Unternehmensalltag letztlich zählt, ist Leistung – und das, was unter dem Strich übrig bleibt.

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