Suchen

Value-Facturing von MR

Die digitale Transformation in der Fertigung

| Redakteur: Andrea Gillhuber

Wie lässt sich die eigenen Produktion in eine digitale Fabrik verwandeln? Diese Fragen stellen sich viele KMUs. Wie die digitale Transformation gelingen kann, zeigt ein Praxisbeispiel.

Firmen zum Thema

Der Aufbau von Value-Facturing: Das Assistenzsystem sitzt im Zentrum der Produktion und steuert so den Datenfluss.
Der Aufbau von Value-Facturing: Das Assistenzsystem sitzt im Zentrum der Produktion und steuert so den Datenfluss.
(Bild: Maschinenfabrik Reinhausen)

Als Industrie 4.0 als das Schlagwort geboren wurde, war die vernetzte Produktion bei der Maschinenfabrik Reinhausen (MR) längst Realität. Das mittelständische Unternehmen aus Regensburg produziert Stufenschalter für die Regelung von Leistungstransformatoren. Da jeder Stufenschalter individuell gefertigt werden muss, sahen sich die Oberpfälzer schon früh gezwungen, ihre Produktion auf die hohe Varianz einzustellen, und entwickelten dafür ein Assistenzsystem: Value-Facturing, vormals MR-CM.

Aus der eigenen Produktion in die Fertigungshallen der Kunden

Der Aufbau von Value-Facturing: Das Assistenzsystem sitzt im Zentrum der Produktion und steuert so den Datenfluss.
Der Aufbau von Value-Facturing: Das Assistenzsystem sitzt im Zentrum der Produktion und steuert so den Datenfluss.
(Bild: Maschinenfabrik Reinhausen)

Der Mann hinter Value-Facturing heißt Johann Hofmann. Gemeinsam mit seinem Team aus NC-Programmierern begann er Anfang der 1990er, die Daten- und Informationsflüsse papierlos zu systematisieren. Anfang der 2000er-Jahre war die digitale Transformation geschafft und Value-Facturing geboren. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht geplant, das Produkt an den Markt zu bringen. Erst als Stufenschalterkunden die Produktion besuchten, von dem System begeistert waren und dieses bei sich selbst integrieren wollten, entwickelte sich daraus ein Geschäftsmodell. Zu verstehen ist Value-Facturing eher als Assistenzsystem: Wie eine Spinne sitzt es in der Mitte des Produktionsnetzwerks; hier laufen die Informationen aller am Fertigungsprozess beteiligten Anlagen und Akteure in Echtzeit zusammen und werden verteilt. Dabei verfügt das System im Gegensatz zu anderen MES über keine zusätzliche Hardware, sondern läuft als Webserver auf allen browserfähigen Maschinen. Hinzu kommt, dass das System keine eigene Datenbank verwaltet, sondern auf die Daten der jeweiligen Anlagen und Akteure zugreift, diese interpretiert und an das jeweilige Ziel weitergibt. Durch diesen Zentralismus muss nicht jeder Netzwerkteilnehmer mit jedem kommunizieren können und die Zahl der Schnittstellen reduziert sich auf ein Minimum. In der Praxis bedeutet das: Ein Einstellgerät muss nicht das gleiche Kommunikationsprotokoll oder die gleiche Schnittstelle wie eine Werkzeugmaschine bedienen, da jeglicher Datenaustausch über den „Übersetzer“ Value-Facturing läuft. Gibt es ein Softwareupdate für einen Systemteilnehmer, werden die Daten über das Assistenzsystem an die neue Softwareversion angepasst, alle anderen Produktionsteilnehmer bleiben davon unangetastet. Über standardisierte Benutzeroberflächen können Produktionsabläufe sowie zugehörige Informationen wie Werkzeugdaten an jedem Netzwerkteilnehmer eingesehen werden. Mithilfe des Statistikportals lassen sich Daten beispielsweise zur Maschinennutzung analysieren sowie Werkzeugvielfalt, -umlauf, -komplexität und Weiteres optimieren.

Value-Facturing in der Produktion

Wie oben schon genannt, ist Value Value-Facturing als Assistenzsystem z u verstehen, das als zentrale Daten- und Informationsdrehscheibe mit allen am Fertigungsprozess beteiligten Systeme und Mitarbeiter über eine Webclient kommuniziert. Diesen Akteuren – seien es nun Programmierer, Werkzeugeinsteller, Maschinenbediener, Instandhalter, Maschinenbediener, Lageristen oder Administratoren – stellt das System aufgabenbezogene Informationen zur Verfügung.

Wie der Workflow aussieht, wenn ein neuer Auftrag gestartet wird, sehen Sie in folgendem Video:

Erst kommt die Digitalisierung, dann die digitale Transformation

Seine Stärken spielt das System in der spanenden Fertigung mit hoher Produktvarianz sowie häufigem Rüsten aus. Analysen haben gezeigt, dass sich bei zwei Mal Rüsten pro Tag ein Einsparpotenzial von durchschnittlich 35.000 Euro pro Maschine pro Jahr ergeben kann. Bevor sich Unternehmen jedoch für Value-Facturing entscheiden, müssen sie an einem Praxisseminar teilnehmen, in dem sie das System live in der Produktion von MR erleben. Bei wirklichem Interesse wird ein Vorprojekt gestartet. Hofmann erläutert: „In diesen Vorprojekten prüfen wir die Voraussetzung beim Kunden vor Ort. Die größten Herausforderungen dabei sind das Stammdatenmanagement, die Vernetzung der Werkzeugmaschinen sowie die Bereitschaft der Firma und vor allem der Beschäftigten, analoge Trampelpfade hinter sich zu lassen.“ Denn erst wenn alle produktionsrelevanten Informationen digitalisiert wurden, kann mit der digitalen Transformation begonnen werden.

Ergänzendes zum Thema
Buchtipp
Buchtipp: Der Weg zur digitalen Produktion

Das eine digitale Produktion kein Hexenwerk ist, zeigt das Buch „Industrie 4.0 – Auf dem Weg zur digitalen Produktion“ von Johann Hofmann. Das Fachbuch liefert nicht nur Hintergrundwissen rund um die vierte industrielle Revolution, es nimmt den Leser an die Hand und zeigt ihm, wie Industrie 4.0 in der eigenen Produktion gelingen kann: Schritt für Schritt und angepasst auf die jeweiligen Anforderungen. Glaubwürdigkeit gewinnt das Buch durch Hofmanns Kompetenz und Erfahrung: Bei seinem Arbeitgeber, der Maschinenfabrik Reinhausen, führte er die papierlose Fertigung ein und realisierte Schritt für Schritt die digitale Fabrik.

Die „analogen Trampelpfade“ bezieht Hofmann unter anderem auf eingefahren Abläufe. Die Mitarbeiter müssen die Bereitschaft mitbringen, Verfahren und Prozesse zu überdenken und an den digitalen Wandel anzupassen. Er beruft sich auch auf die sogenannten e-Skills: „e-Skills stehen für elektronische Kompetenzen und umfasst Persönlichkeitsmerkmale, die einen Mensch in die Lage versetzen, die digitale Transformation zu bewältigen. Der ‚Augmented Operator‘, also der Mitarbeiter in der digitalen Fabrik, braucht digitale Kompetenz, um Assistenzsysteme situativ und kontextabhängig einzusetzen. Damit die vielfältigen Möglichkeiten der Assistenzsystem voll ausgeschöpft werden können, müssen die Mitarbeiter in der Lage sein, digitale Informationen zu beobachten, zu verstehen, zu bewerten, zu entscheiden und zu verantworten. Diese ‚e-Skills‘ entwickeln sich nur im Tun! Eine Beschleunigung gelingt deshalb nur mit dem verstärkten Einsatz solcher Assistenzsysteme.“

Einführung von Value-Facturing

Wurde das Vorprojekt erfolgreich abgeschlossen, folgt die Installation und Inbetriebnahme von Value-Facturing. Dieser Prozess läuft parallel zum Betrieb und nimmt mehrere Monate in Anspruch. Gleichzeitig werden die Mitarbeiter geschult, damit sie das System optimal nutzen und neue Akteure in das Programm einbinden können.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45187237)