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Porträt Die tierischen Erntemaschinen

| Autor / Redakteur: Barbara Stumpp / Simone Käfer

Der Bastler und Erfinder Hermann Paintner war bei den Schrotthändlern seines Heimatorts gern gesehen und gab allen seinen Erfindungen Tiernamen.

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Das ist die erste Landmaschine, die der junge Paintner 1972 konstruierte. Der Rübenvollernter bestand hauptsächlich aus Komponenten vom Schrottplatz.
Das ist die erste Landmaschine, die der junge Paintner 1972 konstruierte. Der Rübenvollernter bestand hauptsächlich aus Komponenten vom Schrottplatz.
(Bild: Paintner)

Mit 25 Jahren konstruierte Landwirt und Bastler Hermann Paintner seinen ersten Zuckerrüben-Vollernter aus Fahrzeugkomponenten, die größtenteils von den umliegenden Schrottplätzen stammten. Das war 1972. Bereits im Jahr darauf fanden sich erste Interessenten für einen Vollernter und Alfons Holmer, Eigentümer der Landtechnikfirma Holmer Maschinenbau, beauftragte Paintner einen selbstfahrenden Köpfrodebunker zu bauen. Auch elf Landwirte aus der Umgebung, Verbandsvertreter der fränkischen und bayrischen Zuckerrübenanbauer und der Südzucker AG interessierten sich dafür. So wurde 1974 die erste Landmaschine ausgeliefert, nach ihrem Erbauer als „System Paintner” bezeichnet.

Eine technische Ausbildung oder gar ein Ingenieurstudium hatte Paintner nicht absolviert. Zehn Jahre lang arbeitete er als Entwickler und Konstrukteur mit dem Eggmühler Rübenroderhersteller Holmer zusammen, ehe sich ihre Wege trennten. 1986 gründete Paintner seine eigene Firma, zusammen mit dem örtlichen Schmied und Landmaschinenmeister Rockermeier. Aus beider Namen leitet sich „Ropa“ ab, auch wenn Rockermeier später wieder ausstieg.

Mit Südzucker kommt der Erfolg

Die ersten kleineren, günstigeren Rübenvollernter konnten sich auf dem Markt jedoch nicht durchsetzen. Der Erfolg kam 1987, als die Südzucker AG ein Rübenladegerät in Auftrag gab. Ergebnis war die Lade-­Maus, welche die Zuckerrüben reinigte und den Lkw gleich am Feldrand belud. 1988 folgte dann ein Rüben­vollernter, der durch eine neue Konstruktion den Boden weniger belastete und besser reinigte. Im Jahr 1992 stellte Paintner dann einen dreiachsigen Bunker­köpf-­Rübenroder vor, der insgesamt 35 m3 Rüben bunkern konnte. 1998 war das Entstehungsjahr des Roders Euro-Tiger und des Reinigungsladers Euro-­Maus, die im Laufe der Jahre stets modernisiert wurden. 2005 lief die Serienproduktion für den Euro-­Tiger V8 an, 2010 wurde die Euro-Maus 4 vorgestellt.

Was 1972 mit einem gebastelten, selbstfahrenden Zuckerrüben-Vollernter begann, hat sich bis heute zu einem der führenden Hersteller von Zuckerrüben­maschinen gewandelt. Durch die Übernahme von WM Kartoffeltechnik im Jahr 2012 hat Ropa auch in der Kartoffelernte seinen Platz. Besonders stolz ist man auf einen der weltweit leistungsstärksten Zucker­rüben­roder, den Tiger 6. Dieser wurde 2016 auf der russischen Messe Agrosalon mit der Neuheiten-Goldmedaille für sein Gesamtkonzept ausgezeichnet. Er besticht durch ein extrem bodenschonendes hydraulisches Fahrwerksystem mit automatischem Hangausgleich.

Hermann Paintner hat weder eine technische Ausbildung noch ein Ingenieurstudium absolviert. Trotzdem ist aus dem ehemaligen Landwirt ein erfolgreicher Maschinenbauer geworden.
Hermann Paintner hat weder eine technische Ausbildung noch ein Ingenieurstudium absolviert. Trotzdem ist aus dem ehemaligen Landwirt ein erfolgreicher Maschinenbauer geworden.
(Bild: Paintner)

Familienbetrieb mit Zweit-Unternehmen

Nach wie vor ist das Unternehmen ein Familien­betrieb mit Paintner als alleinigem Geschäftsführer, während seine Frau Marianne für Buchhaltung und Finanzen zuständig ist. Tochter Christiane und Schwiegersohn Bernhard Paintner sind mit einer „Firma in der Firma“ mit im Geschäft: der auf den Metallbau spezialisierten PMB-Paintner Maschinenbau GmbH. 266 Maschinen verließen 2017 bis zum Beginn der Rübenerntekampagne im September das Werksgelände. Dazu 157 Rübenroder und 109 Verlade-Mäuse. An dieser Produktion sind rund 350 Mitarbeiter beschäftigt. Die Größe des Unternehmens wird auch durch sein Montage- und Ersatzteillager mit 45.000 Artikelnummern deutlich. Ebenso sprechen Größe und Preis der über 700 PS starken Roder Bände: Die 15 m langen, 4 m hohen und 3 m breiten Maschinen kosten im Schnitt eine halbe Million Euro; eine Verlade-­Maus ist für 50.000 Euro weniger zu haben.

Dass man ein Premiumhersteller ist, räumt man bei Ropa unumwunden ein, verweist aber auf die hochwertigsten Komponenten wie Mercedes-Motor, Bosch-Hydraulik und Michelin-Reifen. Denn es wäre ja ein Drama, ginge ein solcher Ernter während der wenigen Wochen der Erntekampagne kaputt.

In der Nische spart man sich Patente

Etwa vier Wochen braucht es, bis ein Roder fertig montiert ist. In der Montage arbeitet man nur in einer Schicht, denn wegen der komplexen Produkte will man tägliche Schichtübergaben vermeiden. Andere Bereiche, etwa die Schweißer und Dreher, arbeiten in bis zu drei Schichten; denn nur so rentiert sich der teure Produktionsstandort Bayern. Die Prototypen gehen selbstverständlich erst an Landwirte, die sie auf Herz und Nieren prüfen, um so vor der Serienfertigung möglichst alle „Kinderkrankheiten“ zu kurieren.

Gebrauchsmusterschutz oder Patente meldet Ropa selten an – zu viel Bürokratie. Diese Gelassenheit kann man sich leisten, denn Rübenroder und Verlade-­Mäuse sind ein Nischenprodukt. Die hohe Komplexität und die geringen Stückzahlen machen den Markt uninteressant für die Großen. Kehrseite der Medaille: Das Unternehmen ist völlig von dem Produkt „Zuckerrübe“ abhängig, indirekt also vom Zuckerweltmarkt.

* Barbara Stumpp ist freie Journalistin aus 79117 Freiburg

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