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Exklusivinterview

„Die Variantenvielfalt bei den Bürsten ist enorm“

| Redakteur: Stéphane Itasse

„Die Bürste mag ein unscheinbares Produkt sein, doch wir sind so tief in den Branchen drin, dass wir sehen, wohin sich diese entwickeln“, berichtet Henning Teutsch, Leiter technischer Innendienst bei der August Mink GmbH & Co. KG.
„Die Bürste mag ein unscheinbares Produkt sein, doch wir sind so tief in den Branchen drin, dass wir sehen, wohin sich diese entwickeln“, berichtet Henning Teutsch, Leiter technischer Innendienst bei der August Mink GmbH & Co. KG. (Bild: Mink)

Nur wenige Produkte haben so vielfältige Einsatzbereiche und Aufgaben wie technische Bürsten. Wie man diese Vielfalt in den Griff bekommt und was alles an Entwicklungsarbeit dahintersteht, erläutert Henning Teutsch, Leiter technischer Innendienst bei der August Mink GmbH & Co. KG, im Exklusivinterview.

Von der Oberflächenbearbeitung über das Entstauben, Ableiten, Auftragen, Abdichten und Transportieren bis zum Führen, Anpressen oder Dosieren – technische Bürsten finden sich in unzähligen Branchen und Funktionen wieder. Oft unscheinbar, leisten Sie jedoch unverzichtbare Dienste und müssen deshalb genau für die Anwendung ausgelegt werden.

Wie genau wissen Ihre Kunden bereits, was für eine Bürste sie wollen?

Teutsch: Bei den Anfragen erleben wir die komplette Bandbreite von der konkreten Bürste mit Lochbild und Faser bis zur Handskizze mit einer Idee. Wobei der Anteil derjenigen, die schon genau wissen, wie es aussehen soll, nur einen geringen Prozentsatz ausmacht. Entscheidend in der Entwicklung ist ja die Frage: „Was soll diese Bürste machen?“

Und was macht sie?

Wir liefern in 60 unterschiedliche Branchen und haben daher vielfältige Anforderungen an die Bürsten. Deshalb beraten wir in der Konstruktion anwendungsbezogen. Nur so haben wir in den einzelnen Teams die Sicht in eine Branche hinein. An einer Bürste gibt es extrem viele Stellschrauben, mit denen man die Eigenschaften maßgeblich beeinflussen kann. Dabei hat jede Branche ihre eigenen Themen, ihre eigenen Herausforderungen und ihre eigene Sprache: Ob Brandschutzanforderungen oder spezielle Anforderungen der Lebensmittelbranche – man muss mit einem Entwickler schnell auf Augenhöhe sprechen. Wir können nur dann eine gute Bürste auslegen, wenn wir die Bedürfnisse des Kunden verstehen.

Wie managen Sie diesen Wissensschatz bei Mink?

Unser Wissen zu den Anwendungen ist zentral abgelegt. Denn die Variantenvielfalt bei Faser-/Körpermaterial, Stanzdraht und Geometrie ist enorm. Bei der Auslegung ist sehr viel Erfahrung dabei – diese „Bürstologie“ müssen die neuen Mitarbeiter bei uns erst einmal lernen. Aus dieser Erfahrung heraus können wir bei einer Anfrage viele Ideen aussortieren und schnell zu einer Lösung kommen, welche wir dem Kunden in Form eines Prototypen zur Verfügung stellen können.

Wie hilft Ihnen das Wissen über die Kundenbranchen weiter?

Die Bürste mag ein unscheinbares Produkt sein, doch wir sind so tief in den Branchen drin, dass wir sehen, wohin sich diese entwickeln. Wir können Lösungen für Probleme kreieren, die die Branche noch gar nicht als solche wahrnimmt.

Welchen Wissensvorsprung hat Mink im Vergleich zu seinen Kunden?

Wir können besser als die Endanwender beurteilen, was geeignet ist und was nicht. Dort wo unsere Erfahrung noch nicht so groß ist, können wir kundenspezifische Versuche in unserem Technikum machen. Das setzt natürlich ein genaues Verständnis der Problematik voraus. Es gibt viele Parameter, welche die Eigenschaften einer Bürste beeinflussen. Da wir am Prüfstand sehr schnell einzelne Stellschrauben verändern können, haben wir eine sehr kurze Entwicklungszeit für den Kunden. Für einen großen Prüfaufwand sollte jedoch ein großes Projekt dahinterstehen, zum Beispiel eine große Anlage oder eine Anwendung mit hohem Verschleiß.

Die Entwicklung der Bürste ist das eine – welche Bürsten kann der Kunde denn von Ihnen zu Testzwecken bekommen?

Bei uns gibt es zwei Arten von Prototypen. Auf der einen Seite das klassische Handmuster, auf der anderen Seite Prototypenteile, die in Maschinen montiert und dort harten Belastungen ausgesetzt werden. Beide sind wichtig. Ein Kunde muss die Bürste „begreifen“. Mit einem Handmuster ist das möglich. Oft kann er dann schon relativ genau beurteilen, ob die Bürste in seiner Anwendung funktionieren könnte. Mithilfe des Prototypen, welcher in der tatsächlichen Anwendung eingesetzt wird, ist es dann möglich, die Funktion unter realen Bedingungen zu verifizieren.

Und wie sieht solch eine Prototypenbürste dann aus?

Je nach Aufbau der Bürste verwenden wir mechanische Fertigungsverfahren zum Erstellen des Körpers oder eben 3D-gedruckte Teile. Wir haben dafür einen eigenen 3D-Drucker, der im FDM-Verfahren arbeitet. Damit stellen wir vor allem Handmuster her. Sollen die Bürsten direkt in Maschinen eingesetzt werden, benutzen wir meist ein anderes 3D-Druckverfahren. Dies wird bei einem Partner in zwei bis drei Tagen hergestellt. Dank der Kreativität unserer Produktion kommen wir dort oft auch ohne langwierigen Vorrichtungsbau aus. Bis wir vom Prototypen dann zur Serienbürste kommen, müssen wir gegebenenfalls mehrere Schleifen drehen.

Was bedeutet diese Arbeitsweise für die interne Organisation bei Mink?

Der „agile Ansatz“ mag ein tolles, neues Schlagwort sein, ist bei Mink aber eine altbekannte Sache: Die Innovationen werden am häufigsten kundenspezifisch entwickelt und weniger bei den Standardsystemen. Die fertige Bürste kann dann in vielen Fällen mehr Aufgaben als nur die reine Bürstenanwendung übernehmen, zum Beispiel stellen wir auch montagefertige Baugruppen her. Die Erfahrungen, die wir mit kundenspezifischen Innovationen machen, können wir dann auf die Standardanwendung übertragen. Das sind dann beispielsweise neue Fasern, neue Körpermaterialien oder ein neuer Fertigungsprozess.

Welche Rolle spielen bei Ihnen diese kundenspezifischen Produkte?

Wir haben 250.000 Artikel im Sortiment, doch nur 20 % unserer Produkte werden als Standard verkauft, 80 % sind Sonderartikel und davon die meisten kundenspezifisch. Dabei starten viele Anfragen mit Standardbürsten, in der Anwendungsberatung bemerken wir dann, dass diese nicht optimal sind und wir eine Sonderbürste benötigen. Diese ist dann nicht notwendigerweise teurer als der Standard – unter dem Strich ist sie häufig sogar preiswerter.

Mit welchen Verfahren werden die Bürsten dann gefertigt?

Die Bürsten stellen wir ausschließlich im Bündelstanzverfahren her, da uns dies die maximale Flexibilität ermöglicht. Bei der Herstellung des Körpers hängt das maßgeblich von der Losgröße ab. In kleinen Stückzahlen sprechen wir meist von einer klassischen mechanischen Bearbeitung. Bei mittleren Stückzahlen oder kleinen Serien setzen wir hin und wieder auch 3D-gedruckte Teile ein. Ab einer Stückzahl von circa 1000 Bürsten kann man dann über Spritz- oder Extrusionskörper nachdenken.

Der Trend zu Industrie 4.0 und technische Bürsten – passt das zusammen?

Viele unserer Bürsten sind ein wichtiger Bestandteil in hochgradig vernetzten Systemen. Unsere Kunden sind aber beim Thema Industrie 4.0 noch nicht bei der Bürste angekommen. Doch wenn es so weit ist, haben wir schon Konzepte in der Schublade liegen.

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