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Ergonomie von Werkzeugen sicher beurteilen

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Neben diesen handfesten wirtschaftlichen Argumenten und dem Schutz der Beschäftigten nennt die Studie zahlreiche weiche Vorteile, darunter die Reduzierung der Betriebsstörungen und der Ausschussmengen, weniger Fluktuation, weniger Arbeitsunfälle und Ausfallzeiten. Termintreue und Kundenzufriedenheit würden sich ebenso positiv entwickeln wie die Betriebskultur und das Image in der Öffentlichkeit. Wem das nicht genügt, der sei auf die Gesetzeslage als einem weiteren gewichtigen Argument dafür verwiesen, in ergonomische Werkzeuge und Arbeitsplätze zu investieren: So definiert die deutsche Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (VibrationsArbSchV) zum Beispiel für Vibrationen Grenz- und Auslösewerte, die sich auf die Zeit beziehen, die ein Mitarbeiter die jeweilige Maschine einsetzt. Denn Werker, deren Hände zu lange hohen Vibrationen ausgesetzt sind, erkranken sehr viel wahrscheinlicher an der Weißfingerkrankheit, die durch Durchblutungsstörungen ausgelöst wird. Hiervon besonders betroffen sind Arbeiter der Branchen Bergbau, Bau, Metall oder der Forstwirtschaft. Im Metallbereich sind es speziell die Schleifer und Gussputzer, Karosseriebauer und Gießereiarbeiter. Die Vibrationsbelastungen von Aufbrechhämmern, Meißel- und Bohrhämmern sowie vielen Schleifmaschinen sind besonders hoch. Daher muss der Arbeitgeber hier ein besonderes Augenmerk auf die Ergonomie der verwendeten Werkzeuge legen. Welches eignet sich nicht nur am besten für die entsprechende Anwendung und ist besonders produktiv, sondern stellt kein Gesundheitsrisiko dar?

Kriterien zur Beurteilung der Ergonomie

Eine Methode, nach der sich alle Handwerkzeuge bewerten lassen, seien es Schleifmaschinen, Bohrhämmer oder Montagewerkzeuge, beschreiben Fachleute von Atlas Copco in dem Handbuch „Ergonomie bei Handwerkzeugen“, das vor wenigen Monaten neu aufgelegt wurde. Bei der von den Experten entwickelten, unabhängigen Beurteilungsmethode werden die Werkzeuge nach insgesamt acht Kriterien mit Punkten bewertet. Die Punktzahl beschreibt auf der Basis einfacher Berechnungen und Erfahrungswerte die Güte des Werkzeugs. Je niedriger die Punktzahl, desto ergonomischer ist die Maschine. Zu den Kriterien gehören beispielsweise die Griffkonstruktion, das Werkzeuggewicht, Reaktionsmoment, Vibrationen und der Lärm, den das Werkzeug selbst erzeugt. Für jede Werkzeugart stehen dabei andere Beurteilungskriterien im Vordergrund. Denn während bei Meißelhämmern die Faktoren Lärm und Vibrationen dominieren, sind bei Schleifgeräten daneben besonders äußere Kräfte sowie die Staub- und Ölbelastung zu betrachten.

1. Griffkonstruktion

Generell gilt: Der Griff eines Werkzeugs sollte immer eine natürliche Handhaltung ermöglichen. Denn sich ständig wiederholende Tätigkeiten in schlechter Arbeitshaltung können gesundheitliche Beschwerden verursachen – von Taubheitsgefühlen durch verminderte Blutzirkulation bis zu Tennisarm und Karpaltunnel-Syndrom. In der Regel vereint ein Werkzeuggriff mehrere Funktionen in sich – wie etwa Lufteinlass, Starter und Schalldämpfer. Er muss gegen Elektrizität und Wärme isolieren. Die Oberfläche sollte so gestaltet sein, dass das Werkzeug nicht aus der Hand rutscht – darf aber nicht so rau sein, dass die Haut gereizt würde. Der Griff sollte das sichere Halten des Werkzeugs gewährleisten. Zum Beispiel Schleifer und Meißelhämmer: Weil Finger und die Mitte der Handfläche gegen hohen Druck empfindlich sind, muss der Griff so groß sein, dass sich die einwirkenden Kräfte gut auf Handfläche und Finger verteilen. Der Umfang bemisst sich beispielsweise danach, wieviel Kraft der Werker auf das Werkstück ausüben muss und wie groß die Hände des Werkers sind: Für Frauen werden kleinere Durchmesser empfohlen als für Männer; wenn mit Handschuhen gearbeitet wird, sollten 10 mm Länge hierfür hinzukommen.

2. Äußere Belastung

Zu den typischen äußeren Belastungen gehören Vorschubkraft und Reaktionsmoment. Das Andrücken, sprich der Vorschub, ist eine der häufigsten Bewegungen bei handgeführten Werkzeugen. Entsteht während der Arbeit ein Drehmoment, das den Widerstand des Werkzeugs überwindet, muss die Hand des Werkers dieser Reaktionskraft entgegenwirken. Wie sich diese Kräfte für den Werker auswirken, richtet sich nach Werkzeug, Griff, auszuführender Arbeit und nicht zuletzt der Arbeitshaltung: Bei der Arbeit an einem vertikal aufgestellten Werkstück mit einem Werkzeug mit Pistolengriff wirken andere Kräfte, als wenn ein horizontales Werkstück mit einem Werkzeug mit Stabgriff bearbeitet wird. Die Belastung des Handgelenks fällt außerdem je nach Arbeitsposition des Werkers unterschiedlich aus.

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