Im Interview mit MM Maschinenmarkt erklärt Dr. Barbara Frei, Executive Vice President bei Schneider Electric, wie Unternehmen in schwierigen Zeiten erfolgreich sein können und warum man auch mit Geld nachhaltig umgehen sollte.
Dr. Barbara Frei ist seit Mai 2021 Executive Vice President des globalen Geschäftsbereichs Industrial Automation bei Schneider Electric.
(Bild: Schneider Electric)
Frau Frei, es gab schon einmal weniger aufregende Zeiten für Unternehmenslenker als aktuell. Und mit der Industrial Automation sind Sie in Ihrem Unternehmen auch noch für eine Schlüsseltechnologie zuständig, die nahezu bei allen aktuell wichtigen Themen eine Rolle spielt. Deswegen zum Einstieg mal eine ganz grundsätzliche Frage: Wie ist Ihre berufliche Stimmung denn aktuell?
Dr. Barbara Frei: Natürlich wirken sich Ereignisse wie der Krieg in der Ukraine auf uns alle aus, und das sowohl persönlich als auch beruflich. Gleichzeitig bieten schwierige Zeiten rein professionell gesehen auch immer die Chance, Dinge neu zu denken und Veränderungen einzuleiten. Ein Beispiel dafür sind die steigenden Energiekosten, die natürlich ein großes Thema sind. Gleichzeitig wird durch diese Preissteigerung ein echter Business Case aus der Frage, wie man durch Energiesparmaßnahmen Kosten senken kann. Und wir haben, beispielsweise in der industriellen Automatisierung mit unseren Antrieben, Lösungen, die eine konkrete Ersparnis beim Stromverbrauch bieten. Dadurch sind wir in einer exzellenten Position. Der Blick auf die Zahlen zeigt uns schon jetzt ein starkes Wachstum und für die nächsten fünf bis sieben Jahre haben wir hervorragende Aussichten. Das ist nur ein Beispiel, wie diese Herausforderungen auch für Bewegung im Markt sorgen und auch neue Märkte öffnen.
Wir verdanken den letzten Jahren aber zeitgleich eine große Unsicherheit, die viele Menschen erfasst hat. Das betrifft sicher auch Ihre Belegschaft. Wie wirken Sie dem entgegen?
Ich bin überzeugt, dass wir bei Schneider Electric mit unserer Arbeit Sicherheit vermitteln. Ich denke da unter anderem an die Nachhaltigkeit. Der Begriff ist für unsere Belegschaft nichts Neues. Im Gegenteil, wir sind ein Unternehmen, das sich seit mehr als 20 Jahren Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat. Angefangen mit unserem Nachhaltigkeitsreport, den wir schon vor vielen Jahren erstmals veröffentlicht haben. Ich denke dabei immer an den Spruch „doing well to do good“, genau so tickt unser Unternehmen. Und wir versuchen immer, uns durch verschiedene Szenarien auf alle möglichen Situationen vorzubereiten und dabei sehr offen mit den Mitarbeitenden zu kommunizieren. So sind wir immer bereit zu reagieren, egal welches Szenario eintrifft. Auch so kann man Vertrauen schaffen dieses Gefühl, dass die Unternehmensführung vorbereitet ist, ist in diesen Zeiten sehr wichtig.
Dr. Barbara Frei
Dr. Barbara Frei ist seit Mai 2021 Executive Vice President des globalen Geschäftsbereichs Industrial Automation bei Schneider Electric. Die Ingenieurin kam 2016 als Country President Deutschland zu Schneider Electric und erweiterte im Folgejahr ihren Aufgabenbereich als Zone President DACH. Frei startete ihre Karriere als Entwicklungsprojektmanagerin für Motoren und Antriebe bei ABB Schweiz. Die Managerin hat einen Doktortitel als Maschinenbauingenieurin von der ETH Zürich und einen MBA vom IMD Lausanne.
Gilt das auch in der internationalen Dimension? Ihr Unternehmen ist ja immerhin weltweit aktiv.
Natürlich! Tatsächlich ist die Art unserer internationalen Aufstellung ein wichtiger Grund für die Stärke von Schneider Electric. Wir verfügen über sehr starke Hubs in Europa, Asien und Nordamerika. Tatsächlich ist es sogar so, dass sich unser Umsatz zu fast genau je einem Drittel auf diese Regionen verteilt. Das hilft enorm, um Schwankungen in den einzelnen Märkten ausgleichen zu können. Gleichzeitig sind wir vor Ort so gut aufgestellt, dass wir uns insbesondere in der Pandemie dafür entschieden haben, sehr viel Entscheidungsfreiheit in die Regionen zu geben. So waren die verschiedenen Unternehmensbereiche in der Lage, schnell auf sich ändernde Umstände zu reagieren. Da in jedem Land, teilweise sogar jeder Region, unterschiedliche Bestimmungen galten, wäre eine zentrale Steuerung sinnlos gewesen. So konnten wir viel flexibler reagieren.
Da ist aber schon auch eine gehörige Portion Vertrauen in die Entscheider vor Ort nötig …
Ja, natürlich, das setzt sehr viel Vertrauen voraus. Vertrauen, das sich die handelnden Personen in der Vergangenheit verdient hatten und das auf einer Ausbildung basiert, die das Ganze erst möglich macht. Wir bringen unsere Mitarbeiter auf ein Niveau, auf welchem sie im Sinne des Unternehmens gute Entscheidungen treffen können. Sie wissen einfach, was „Balance Sheet“ bedeutet und wie sie ihren Cash oder auch ihre Kosten managen. Die Mitarbeiter sind der Schlüssel für unseren Erfolg und deshalb ist es uns ungemein wichtig, sie gut auszubilden. Besonders natürlich, wenn sie verantwortungsvolle Posten übernehmen.
Wo wir gerade über internationale Märkte sprechen: Auch die globalen Lieferketten standen in den letzten Jahren stark unter Druck. War oder ist Ihr Unternehmen davon betroffen und welche Lehren ziehen Sie aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre?
Sie sprechen hier natürlich einen auch für uns sehr aktuellen Punkt an. Wir beschäftigen uns schon seit ein paar Jahren mit der Lieferkette. Warum? Weil die Lieferkette auch bei den CO2-Betrachtungen ein ganz entscheidender Faktor ist. Der sogenannte Upstream Scope 3 bezieht sich eben auch auf unsere Lieferanten. Deshalb haben wir ein Programm mit dem Ziel gestartet, unseren Top-1000-Lieferanten dabei zu helfen, in den nächsten drei Jahren 50 Prozent ihrer CO2-Emissionen einzusparen. Die Lieferkette stand also bereits auf unserer Agenda. Dennoch waren wir von den bekannten Problemen auch betroffen. Und wir haben in dieser Zeit tatsächlich viel gelernt. Beispielsweise, dass wir eben nicht nur Tier 1 und Tier 2 Supplier haben, sondern auch Tier 4 und 5 Supplier unsere Aufmerksamkeit verdient haben. Das zeigte sich bei einem Unwetter in Texas vor einigen Jahren. Ein regionales Ereignis, das aber Auswirkungen auf die weltweite Plastikproduktion hatte, unter anderem durch Produktionsausfälle bei einem unserer Lieferanten, einem Tier 4 Supplier. Das Unternehmen stellt aber einen Stoff her, der nirgends anders zu bekommen ist und dessen Fehlen sich auch auf Tier 3 und Tier 2 Lieferanten auswirkt. Wir haben also tatsächlich besonders viel über die Komplexität von Lieferketten gelernt. Aber auch darüber, wie man strategisch und langfristig mit Lieferanten umgehen muss.
Stand: 08.12.2025
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Die Mitarbeiter sind der Schlüssel für unseren Erfolg und deshalb ist es uns ungemein wichtig, sie gut auszubilden.
Dr. Barbara Frei, Schneider Electric
An vielen Stellen hat sich auch das lange verbreitete Credo möglichst geringer Lagerhaltung negativ ausgewirkt und der Trend geht deshalb wieder zu größeren Lagerbeständen. Wie ist das bei Ihnen?
Wir hatten tatsächlich schon immer unsere Safety Stocks. Deshalb kamen wir nur an den Punkt, an dem wir unsere Reserven nicht mehr aufstocken konnten. Der Grund war dann meistens, dass die Lieferanten ein Commitment in eine andere Richtung abgegeben haben. Kritische Industrien, beispielsweise die Labortechnik, kamen dann zuerst. Wir sind aber glücklicherweise nie leergelaufen. Jetzt müssen wir sehen, dass wir unsere Vorräte wieder auffüllen. Aber es ist wichtig, zu betonen, dass wir tatsächlich immer sehr verantwortlich mit diesem Thema umgegangen sind.
Haben all diese Erfahrungen Ihre Sichtweise und die Weise, wie Sie unternehmerisch agieren, verändert?
Im Grunde hat es mich vor allem darin bestätigt, dass wir uns richtig aufgestellt haben. Nehmen Sie unsere internationale Verteilung, die ich bereits angesprochen habe. Diese Balance verschafft uns eine unglaubliche Stabilität gerade im Angesicht unvorhergesehener Ereignisse. Diese Strategie verfolgen wir auch weiter und wachsen beispielsweise in Indien ganz besonders. Natürlich legen wir heute aber auch einen vermehrten Wert auf die Resilienz unserer Produktionsstätten. Dazu gehört auch, dass wir einen Teil unserer Produktion von Asien nach Europa verlagern. An Standorte, an denen wir kompetitiv agieren können. Wir verfolgen damit den Ansatz, dort zu produzieren, wohin wir liefern. Natürlich wird es immer Rohstoffe geben, für des es nur sehr wenige Quellen gibt und die uns bestimmte Grenzen setzen. Aber dann müssen wir eben die nachfolgenden Prozesse diversifizieren und so die benötigte Resilienz erreichen.
Gerade in den ersten Monaten der Pandemie sahen wir etwas Ungewöhnliches: Unternehmen fingen im Angesicht dieser völlig neuen Situation an, sich viel offener auszutauschen. Ist das auch eine Lehre, die wir aus dieser Zeit mitnehmen können, dass es Offenheit braucht, um große Herausforderungen zu meistern? Ich denke da natürlich unter anderem an die Digitalisierung.
Wir sind absolut dieser Meinung. In Zukunft werden OT und IT immer mehr zusammenrücken. Bei der IT haben wir bereits eine gewisse Offenheit und gelebte Standards. Das müssen wir auch in der Automatisierung erreichen. Daher setzen wir beispielsweise auf einen herstellerunabhängigen Automatisierungsansatz, dem die Norm IEC61499 zugrunde liegt. Als Early Adopter auf diesem Gebiet haben wir bereits vor zwei Jahren mit Ecostruxure Automation Expert ein industrietaugliches Engineering-Tool auf den Markt gebracht, mit dem sich von diesem bahnbrechenden Ansatz profitieren lässt. Seither treiben wir das Thema Universal Automation mit aller Macht voran.Die Entkopplung von Hard- und Software ermöglicht es dem Endkunden unter anderem, Daten aus der Automatisierung zu generieren und zu analysieren. Diese Daten und Analysen können dann die Grundlage für bessere Business-Entscheidungen legen. Ebenso wird die Integration – gerade was heterogene Welten anbelangt – maßgeblich erleichtert, der individuelle Entwicklungsaufwand ist signifikant geringer und dadurch wächst die Effizienz natürlich deutlich. Ich bin auch ganz persönlich davon überzeugt, dass diese offene Herangehensweise längerfristig der richtige Weg für die Automatisierung ist. Das zeigt sich auch bei der Security, wo die Herausforderungen viel zu groß für Insellösungen sind. Das Thema müssen wir sogar in einer europäischen Perspektive betrachten. Dieser Prozess wird aber noch einige Jahre dauern.
Um das zu verstehen, muss man aber natürlich auch auf die über 50 Jahre Geschichte dieses Marktes schauen. In dieser Zeit waren viele Player mit proprietären Systemen sehr erfolgreich. Und da ist Veränderung nicht immer einfach. Aber das ändert nichts daran, dass Offenheit der nächste Schritt in der Automatisierung sein muss. Diese Philosophie verfolgen wir in unserem Unternehmen aber auch an anderen Stellen. Wir haben ein ganz starkes Partnernetzwerk, sowohl aufseiten der Systemintegratoren als auch bei den Maschinenbauern. Oder nehmen Sie die Art und Weise, wie wir gemeinsam mit Partnern an Lösungen für das Internet der Dinge arbeiten. Wir wissen sehr genau, dass wir nicht für jede Aufgabenstellung die perfekte Lösung haben können. Und deshalb stehen wir einer Zusammenarbeit mit Partnern sehr offen gegenüber. Das schließt übrigens auch Start-ups und kleine Firmen mit ein, wenn diese unser Angebot sinnvoll ergänzen können.
Muss man in diesem Zusammenhang auch die Schneider Electric Community verstehen?
Ganz genau. Bei Exchange handelt es sich um einen digitalen Marktplatz für Know-how, auf dem unsere Kunden zusammenkommen und sich untereinander austauschen können. Hier kommen Unternehmen aus unterschiedlichsten Bereichen in den Austausch und finden Lösungen für aktuelle Herausforderungen. Diesen Service bieten wir bereits seit sechs Jahren an und waren damit wirklich früh dran.
Ich kann mir vorstellen, dass viele Unternehmen mit einer solchen Lösung etwas zurückhaltender sind, da ein Austausch von Kunden untereinander gar nicht immer gewünscht ist.
Es wird in der Fläche vielleicht noch ein bisschen dauern, aber hier ist ein Umdenken dringend nötig und viele haben das auch schon gemacht. Wir sehen das auch daran, wie schnell und offen gerade neue Industrien auf diese Art des Austausches anspringen und sich beteiligen. Diese Herangehensweise wird für viele schon bald eine Grundvoraussetzung sein.
Gerade der Mittelstand wird beispielsweise von Universal Automation profitieren.
Dr. Barbara Frei, Schneider Electric
Die Nachhaltigkeit haben Sie vorhin bereits angesprochen, allerdings im Sinne einer nachhaltigen Unternehmenssteuerung. Natürlich müssen wir aber auch über Nachhaltigkeit mit Blick auf Ressourcen und Klima sprechen. Wie positioniert sich Ihr Unternehmen in diesem Zusammenhang?
Ich habe schon zu Beginn kurz angesprochen, dass Nachhaltigkeit kein Thema ist, das wir in den letzten vier oder fünf Jahren für uns entdeckt haben. Wir haben bereits Mitte der Nullerjahre unseren ersten Sustainability Report publiziert. Das war damals sehr ungewöhnlich und hat in der Branche auch zu dem einen oder anderen Fragezeichen geführt. Aber es war genau der richtige Schritt und wir sind diesen Weg dann auch konsequent weitergegangen. Zuletzt haben wir uns 2019 darauf verpflichtet, Ziele, die wir uns ursprünglich für 2030 gesetzt haben, schon 2025 zu erreichen. Da haben wir ein sehr anspruchsvolles Programm vor uns. Der ebenfalls bereits angesprochene Scope 3 ist ja nicht einfach nur ein Begriff. Um das zu verdeutlichen: In unserem gesamten Schneider Ecosystem, also Partner, Kunden und Lieferanten, macht Schneider selbst gerade einmal 1 Prozent des CO2-Ausstoßes aus. Insofern ist der Scope 3 eine ganz andere Größenordnung, als nur sein eigenes Unternehmen hinsichtlich der aktuellen Bedürfnisse anzupassen. Um dem zu entsprechen, müssen wir schon im Entwicklungsprozess unserer Produkte aktiv werden und wir müssen die Art anpassen, wie wir unsere Lieferanten qualifizieren und ihnen dabei helfen, ihren CO2-Footprint zu reduzieren. Gleichzeitig sind wir natürlich auch Teil der Kette unserer Kunden, die auch ihre Anforderungen an uns haben. Sie sehen, das ist eine große Aufgabe, die aber bis ins Detail geht.
Einer unserer Ansätze, das zu erreichen, ist die Prämisse „eat your own food“. Auf dieser Basis setzten wir unsere Produkte in rund 300 Produktions- und Distributionsstätten ein. Dazu gehören auch genau die Lösungen, die unsere Kunden nachhaltiger machen sollen. Ein Beispiel wäre der Resource Advisor, der dabei hilft, die Energie des Standorts zu managen und die Daten in einen übergreifenden Nachhaltigkeitsreport einfließen zu lassen. Wie das geht, zeigen unsere Kunden in unserer Smart Factory.
Wir müssen aber auch zugeben, dass die Industrie mit Blick auf Umweltverschmutzung und Klima lange doch eher Teil des Problems als Teil der Lösung war. Wenn wir heute über Nachhaltigkeit sprechen, wird die Automatisierung dennoch als einer der großen Hebel für eine nachhaltigere Gesellschaft genannt. Wie kann das gehen?
Über die letzten 50 Jahre wurde Automatisierungstechnik immer da genutzt, wo Anwender produktiver und effizienter werden wollten. Ob sie zum Einsatz kam, war auch immer eine Frage des Business Case und der Rentabilität. Hier haben sich die Voraussetzungen geändert und Fragen der Nachhaltigkeit sind ebenso ein Faktor. Durch diese Veränderungen werden plötzlich Lösungen interessant, die schnell einen großen Unterschied machen können. Beispielsweise verfügen aktuell geschätzt nur etwa 23 Prozent aller Motoren über einen Frequenzumrichter. Durch den Frequenzumrichter können wir den Stromverbrauch aber um bis zu 30 Prozent senken. Wollen wir mit der Ressource Strom sparsamer umgehen, müssten wir diese Rate in den nächsten 10 bis 15 Jahren eigentlich verdoppeln. Das wäre dann wirklich ein konkreter Schritt in Richtung einer nachhaltigeren Industrie. Ich möchte hier auch betonen, dass das nicht neu ist. Jeder, der elektrische Antriebe verkauft, weiß um diese Value Proposition. Nichtsdestotrotz werden auch in der EU immer noch Millionen Motoren verkauft, die eben nicht über einen Frequenzumrichter verfügen.
Aber auch mehr Frequenzumrichter werden wenig verändern, wenn nicht grüner Strom produziert wird und verfügbar ist, wenn er gebraucht wird …
Ganz genau. Gerade wenn wir Strom aus erneuerbaren Energien produzieren, spielt die Verfügbarkeit eine entscheidende Rolle. Es ist unabdingbar, dass die Systeme zusammenspielen und miteinander kommunizieren. Gleichzeitig müssen wir Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus betrachten und planen. An der Stelle landen wir dann beim viel zitierten digitalen Zwilling. Dieser liefert uns die Basis, um den Betrieb zu optimieren, sei es eine Verbesserung der Qualität, weniger Downtime oder eine allgemeine Verbesserung der Prozesse und bessere Pflege der Assets. Bei allen Herausforderungen, die wir noch vor uns haben, möchte ich aber auch klarstellen, dass die Industrie schon einiges getan hat, um ihren negativen Einfluss zu verringern. Mit anderen Bereichen, beispielsweise Gebäuden, haben wir da noch einen deutlich weiteren Weg zu gehen.
Dennoch sind wir natürlich noch lange nicht da, wo wir hin müssen. Auf welche Schlüsseltechnologien wird es in der Automatisierung denn in der nahen Zukunft ankommen?
Ich muss die Frequenzumrichter noch mal ansprechen, da hier wirklich noch ein riesengroßes Potenzial schlummert. Und es geht eben auch darum, dass wir das Thema Universal Automation und die Offenheit der Systeme vorantreiben. In dieser Richtung befinden wir uns beispielsweise in Gesprächen mit großen Unternehmen aus dem Öl- und Gasbereich. Wir machen uns Gedanken darüber, wie wir das Zusammenspiel dieser verschiedenen Systeme automatisieren können und wie wir flexibel auf die Nachfrage reagieren können. Durch die Artifical Intelligence kommt dann noch mal eine neue, weitere Ebene hinzu. Wir betreiben bereits Versuche dazu, wie wir durch künstliche Intelligenz schon beim Design einer Anlage besser und schneller werden können. So werden wir den Maschinen- und Anlagenbau viel wettbewerbsfähiger machen können. Das gilt dann natürlich auch im Betrieb. Auch hier wird die Kombination aus erfassten Daten und Analysen mithilfe von AI einen gewaltigen Fortschritt bedeuten.
Um ehrlich zu sein, klingt das nach tollen Perspektiven für Konzerne, aber wird der in Deutschland so wichtige Mittelstand da nicht abgehängt?
Ganz im Gegenteil! Gerade der Mittelstand wird beispielsweise von Universal Automation profitieren. Der Mittelstand benötigt Konzepte, die einen gewissen Investitionsschutz bieten und vor allem skalierbar sind. Es darf nicht gleich die Existenz eines ganzen Unternehmens bedroht sein, nur weil auf dem Weg zur Automatisierung mal eine falsche Entscheidung getroffen wird. Durch Universal Automation wird dieser Prozess effizienter, effektiver und einfacher. Das ist meiner Meinung nach ein enorm wichtiger Schritt.
Zum Abschluss traue ich mich noch eine etwas persönliche Frage. Wir haben heute viel über Nachhaltigkeit gesprochen, und ich denke, wir sind uns alle einig: Ohne Bewegungen wie Fridays for Future stünde Nachhaltigkeit nicht so hoch auf der Agenda. Wenn Sie heute noch mal Schülerin wären, wo wären Sie am Freitag, in der Schule oder auf der Straße?
Die Antwort fällt mir gar nicht so leicht, da die Bedingungen zu meiner Schulzeit noch ganz anders waren. Beispielsweise durfte man da in der Schweiz nur am Samstag demonstrieren. Außerdem möchte ich betonen, wie wichtig mir das Thema Bildung ist. Wir brauchen gut ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure, auch um die Fragen von Energie und Nachhaltigkeit zu beantworten. Also, wie komme ich zu möglichst grüner Energie und wie verteile ich sie effizient? Dennoch aber kann ich auch ganz deutlich sagen, dass ich natürlich auf der Straße gemeinsam mit meinen Mitschülerinnen und Mitschülern demonstrieren würde. (bh)