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Interview „Nachhaltigkeit ist ein Geschäft, keine Marketing-Maßnahme!“

| Autor: Sebastian Hofmann

Als Europachefin von Schneider Electric ist Barbara Frei dafür verantwortlich, den Konzern klimaneutral aufzustellen und ein Business aus nachhaltigen Angeboten zu generieren. Wie sie Investoren und Mitarbeiter ins Boot holt, wie sie mit Kritik umgeht und wie sie ihr Engagement beim Employer Branding nutzt, hat sie uns exklusiv erzählt.

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Schneider-Europachefin Barbara Frei.
Schneider-Europachefin Barbara Frei.
(Bild: Schneider Electric )

Frau Frei, bei der Vorbereitung auf dieses Gespräch habe ich herausgefunden, dass Sie regelmäßig Halbmarathons laufen.

Ja genau, das stimmt!

Hilft Ihnen die Ausdauer, die Sie dabei lernen, bei Ihrer Arbeit im Bereich Nachhaltigkeit weiter?

Absolut! Energieeffizienz fand ich schon als Schülerin spannend, es war sogar einer der Gründe, warum ich Maschinenbau studiert habe. Mit 20 wollte ich dann Energieberaterin werden – plötzlich fiel allerdings der Ölpreis und niemand wollte mehr investieren. Da brauchte es bis heute schon einen langen Atem. Ich habe aber immer daran geglaubt, dass das mal ein wirkliches Business sein wird.

Und ist das heute so?

Allerdings, ich sehe uns Europäer grade sogar als Frontrunner. Das Thema hat stark an Relevanz gewonnen und wenn wir uns klug anstellen, werden wir China und die USA hinter uns lassen. In anderen Feldern haben diese Länder uns die Ränge schon abgelaufen, aber genau da können wir eine führende Rolle wahrnehmen.

Was würden Sie einem Investor antworten, der da eine gegenteilige Meinung vertritt und fragt: „Warum gebt Ihr so viel Geld aus für den Klimaschutz anstatt für den Ausbau des Geschäfts oder neue Geschäftsmodelle?“

Moment mal, wir glauben, das ist ein Geschäft!

Sie schmunzeln?

Ja, weil das für mich wirklich auf der Hand liegt! Davon sind wir absolut überzeugt! Schauen Sie: Wenn wir mit digitalen Lösungen 70 % der Energie in einem Gebäude einsparen können, dann ist das doch ein echter Business Case, nicht einfach nur irgendeine Marketing-Maßnahme, die wir tun, um besser dazustehen. Es ist ganz einfach ein Geschäft.

Ist es überhaupt schon vorgekommen, dass ein Investor Ihnen das so vorgehalten hat?

Ich erlebe als Aufsichtsrätin in mehreren großen Firmen eher das andere. Die Investoren geben uns oft sogar einen Push in Richtung Klimaschutz. Dann heißt es: „Bringt die Kosten runter, baut nachhaltiger, betrachtet den CO2-Footprint langfristig.“

Trotzdem wird mancher kritisch fragen: Auf der einen Seite haben wir riesige Emittenten, zum Beispiel Metallproduzenten. Auf der anderen Seite steht ein Konzern wie Schneider, bei dem die Ausstöße doch relativ gering sind. Wie sehr ist dem Klima da geholfen, wenn Sie jetzt auf CO2-Neutralität umstellen?

Die Menge macht's! Es gibt ja nicht nur Thyssenkrupps in Deutschland, sondern ganz viele kleine und mittelständische Unternehmen. Und wir können als Beispiel vorangehen und zeigen: „Schaut mal, welches Business wir damit geschaffen haben! Und by the way: Wir bieten Euch Lösungen an, das auch zu tun.“ Dann hat das, glaube ich, einen ganz großen Effekt.

Wer kümmert sich eigentlich bei Schneider intern um die Nachhaltigkeit?

Grundsätzlich verlange ich von jedem in meinem Team, dass er die Angelegenheit ernst nimmt. Zusätzlich habe ich natürlich einen Sustainability Manager. Das Bewusstsein bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schaffen kann ich aus meiner Position aber sogar noch ein Stück besser als er.

Wie nehmen Sie Ihre Belegschaft ganz konkret mit ins Boot?

Wir gehen proaktiv auf sie zu. Zum Beispiel haben wir zuletzt eine Umfrage gestartet, um Feedback und Vorbehalte der Mitarbeitenden zum Thema Nachhaltigkeit einzuholen.

Und wie lief das?

Fast 90 % haben mitgemacht! Wir waren überrascht, wie positiv die Leute das aufgenommen und in den Betrieb getragen haben. Wichtig ist auch, klarzumachen, dass das Engagement für Nachhaltigkeit einhergeht mit einer höheren Lebensqualität. Also mein Tipp: die guten Geschichten erzählen, zum Beispiel, wenn man ein erfolgreiches Projekt mit einem Kunden abgeschlossen hat. Dann zieht da jeder mit.

Nutzt Ihnen das Engagement im Bereich Nachhaltigkeit eigentlich auch beim Employer Branding?

Wir stellen auf jeden Fall fest, dass für junge Leute dieses Thema sehr wichtig ist. Meine Kinder besitzen zum Beispiel gar kein Auto mehr und nutzen nur noch die öffentlichen Verkehrsmittel. Es ist wirklich im Mindset dieser Generation verankert. Und wenn wir uns als Firma schon seit Jahren glaubwürdig in diesem Bereich positionieren, ist das sicher ein verstärkender Faktor.

Weil die jungen Leute auf diesem Feld tätig sein und sozusagen „Arbeit mit positivem Effekt“ tun können?

Ganz genau. Es kann sein, dass sie an einem Event teilnehmen oder an einem Kundenauftrag mitarbeiten, wo es um Energieeffizienz geht oder wo der Kunde sein Gebäude CO2-neutral machen möchte. Das sind Projekte, wo sie ganz konkret mit dabei sein können – sei es als Projektleitung, im Engineering oder im Vertrieb.

Frau Frei, lassen Sie uns auch noch mal auf einen kritischen Aspekt schauen. Wenn man wie Schneider sein komplettes Geschäft langfristig emissionsfrei aufstellt, geht sicher nicht alles glatt. Auf welche Hürden sind Sie bislang gestoßen?

Es waren nicht direkt Hürden, eher verlangsamende Faktoren: Es gibt noch nicht genug Anreizsysteme und gesetzliche Rahmenbedingungen von der Politik. Außerdem ist die Geschwindigkeit, in der Gesetze umgesetzt werden, wirklich eine Herausforderung. Der Weg von Brüssel in die Länder ist recht lang.

Wie äußert sich dieses Problem für Sie im Alltag?

Es kommt immer wieder vor, dass Investoren kurzsichtig handeln, nur Capex im Kopf haben und bloß das Minimum machen. In dem Moment, wo gesetzlich klar ist: „Du musst Dein Gebäude auf dieses oder jenes Energieniveau bringen“, hat man eine ganz andere Verbindlichkeit. Bis es so weit ist, investieren manche eben gar nicht in die Nachhaltigkeit – auch wenn es langfristig gesehen die wirtschaftlich richtige Entscheidung wäre.

Heißt das, Vorhaben wie die CO2-Neutralität von Schneider sind am Ende also doch nur Leuchtturmprojekte?

Nein, das Bewusstsein kommt tatsächlich immer mehr. Vor drei Jahren war das mit den Leuchtturmprojekten vielleicht wirklich noch so. Aber grade in den letzten 18 Monaten habe ich einen ganz starken Wandel beobachtet. Immer mehr Investoren fordern nachhaltige Lösungen von uns.

Was ist Ihr Appell an diejenigen, bei denen dieses Mindset noch nicht so verankert ist?

Ganz klar: Denkt an Eure Kinder und Eure Enkel. Was ist das Vermächtnis, das ihr den nächsten Generationen hinterlassen wollt? Wir können zurzeit noch viel beeinflussen und es ist unsere Verantwortung, das auch zu tun!

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Über den Autor

 Sebastian Hofmann

Sebastian Hofmann

Journalist, Vogel Communications Group