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Welche Zukunft sehen Sie für den Werkplatz Schweiz?
E. Jaisli: Wir stehen vor ganz grossen Herausforderungen: Die grosse Mehrheit der Swissmem-Mitgliedfirmen kämpft mit negativen Folgewirkungen. Dazu kommt, dass sich nicht alle Unternehmen von der Finanzkrise erholen konnten und demzufolge bessere oder schlechtere Chancen haben, sich bei den aktuell gegebenen schwierigen Bedingungen am Markt zu behaupten. Als Unternehmerin und Mitglied des Swissmem-Vorstandausschusses setze ich mich dafür ein, politischen Entscheidträgern/
-innen die Bedeutung wirtschaftsfreundlicher Rahmenbedingungen für den Werkplatz Schweiz verständlich zu machen.
Apropos Investitionsgüter, sind Sie aktuell zurückhaltender bei Ihren Investitionen?
E. Jaisli: Ganz im Gegenteil, wir haben in neue Anlagen investiert, die wir für 2015 nicht im Plan hatten. Unsere Liquidität erlaubt Investitionen in bescheidenen Rahmen. Die Volatilität der Finanzmärkte spielt dabei eine nicht unbedeutende Rolle. Wenn wir verdientes Geld in Produktionsmittel investieren, haben wir einen sicheren Ertrag.
Sie setzen seit wenigen Jahren auch auf die Medizintechnik?
E. Jaisli: Richtig, eines unserer Standbeine sind medizinische Schraubinstrumente für Orthopäden, Traumatologen, die mit unseren Instrumenten anspruchsvollste Operationen erfolgreich durchführen.
Wie kam es dazu?
E. Jaisli: Vor der Finanzkrise im Jahr 2008 haben wir uns entschieden, eine Marktanalyse im Bereich der Medizintechnik zu machen. 2010 haben wir ISO 13485 eingeführt und die regulatorischen Anforderungen in unsere Prozesse integriert. 2012 haben wir die neue Produktlinie OPERACE für das Lösen und Anziehen von Implantat-Schrauben im Schweizer Markt eingeführt.
Das heisst, Sie haben einen komplett neuen Kundenstamm aufbauen müssen.
E. Jaisli: Ja, den neuen Vertriebskanal bauen wir mit unserem Partner DePuy Synthes Johnson & Johnson auf. Seine Kompetenz im Abverkauf unserer Markenprodukte ist für die Erweiterung der EMEA-Märkte entscheidend.
Was wird mit Ihren medizinischen Instrumenten konkret «operiert»?
E. Jaisli: Wir verfügen über Schraubinstrumente, die für verschiedene operative Eingriffe konzipiert sind. Im schlimmsten Fall muss eine Operation unterbrochen werden, weil eine Schraube nicht gelöst werden kann. Hier haben unsere Instrumente in vielen Fällen Abhilfe schaffen können. Wenn beispielsweise die Schrauben stark verwachsen sind, garantieren wir dafür, dass mit unserem Set von Instrumenten die gängigsten Implantat-Schrauben schnell und sicher entfernt werden können.
Hatten Sie nicht Bedenken, in diesen Markt einzusteigen?
E. Jaisli: Wir haben grossen Respekt vor den Kunden- und Markterwartungen. Das muss ich zugeben. Aber wir haben uns strategisch und operativ auf diesen Markt vorbereitet. Die neu entwickelten Instrumente werden nach den umfassenden internationalen Anforderungen hergestellt und sie basieren auf unseren über viele Jahrzehnte aufgebauten Kernkompetenzen.
Können Sie die Merkmale der medizinischen Instrumente kurz umschreiben?
E. Jaisli: Wir haben neues Prozess-Know-how aufgebaut und neue Verfahren entwickelt. Die ergonomischen Griffe ermöglichen sicheres und ermüdungsfreies Operieren. Die nach Grösse farblich unterschiedlich gekennzeichneten Schraub- und Bohreinsätze garantieren schonende und erfolgreiche operative Eingriffe.
Statt Handwerker arbeiten Ärzte mit den Werkzeugen. Wie kam die Neulancierung Ihrer Produkte in den Spitälern an?
E. Jaisli: Ich würde es so umschreiben: Unsere Schweizer Orthopäden sind ausgezeichnete Handwerker und Schlosser, viele kannten unsere Werkzeuge bereits durch ihre Hobbys. Wir haben offene Türen eingerannt, weil bei vielen die Qualität der Marke PB Swiss Tools bekannt ist. Bei den Traumatologen ist das anders, sie sind weniger handwerklich ausgerichtet. In jedem Fall haben wir die Herausforderung, mit der Qualität unserer Instrumente zu überzeugen. Als Markenhersteller sind wir der Inverkehrbringer. Mit unserm Vertriebspartner DePuy Synthes haben wir ein Doppelbranding vereinbart. Wer uns nicht kennt, kennt auf jeden Fall DePuy Synthes.
Apropos Doppelbranding, wie sieht es dann bei der Produkthaftung aus?
E. Jaisli: Die Produkthaftung liegt bei uns. Seit Jahrzenten wenden wir für das Hochhalten unseres Qualitätsstandards bei allen Produkten eine individuelle Seriennummer an. Wenn es ein Problem mit einem unserer Produkte gibt, dann können wir Rückschlüsse aufgrund der Seriennummer machen und sofort reagieren.
Handelt es sich um Einwegwerkzeuge?
E. Jaisli: Die Einsätze sind «Single-use-Systeme». Wenn sie einmal eingesetzt wurden, müssen sie ersetzt werden, da es auf höchste Prozesssicherheit während der Operation ankommt. Die Instrumente-Spitzen sind hochpräzis und zum Teil sehr scharf geschliffen, damit das Instrumentarium in der Titan-Schraube greifen kann. Dabei tritt Verschleiss auf. Man darf sie nicht für einen zweiten Einsatz gebrauchen.
Was erwarten Sie vom medizintechnischen Markt?
E. Jaisli: Seit dem Launch der medizinischen Instrumente entwickeln sich die Umsätze kontinuierlich. Bis 2020 wollen wir 20 Prozent vom Gesamtumsatz mit den medizinischen Instrumenten realisieren. Das wäre ein ausgezeichnetes Ergebnis.
Wie sieht es mit der Zukunft aus?
E. Jaisli: Wir müssen immer nach Innovationen und Diversifizierungen Ausschau halten, ohne dabei die bestehende Qualität zu vernachlässigen. Aktuell sind wir an Neuentwicklungen. Ich sehe die Zukunft positiv, nicht nur für uns als PB Swiss Tools, sondern auch für den gesamten Werkplatz Schweiz. Unsere Firmen verfügen über ein aussergewöhnlich hohes Prozess-Know-how, hervorragende Infrastruktur, ausgezeichnete Bildungsinstitutionen, die in der Summe auf diesem engen Raum in ihrer Vielschichtigkeit und Qualität weltweit sicher einzigartig sind.
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