PLM-System PLM – wie erfolgreiche Prozesskoordination gelingt

Von Gerhard Knoch *

Product Lifecycle Management (PLM) ist eine ganzheitliche Disziplin, die sich über den Produktlebenszyklus erstreckt. Wir zeigen Ihnen die 7 Kriterien, die ein erfolgreiches PLM ausmachen.

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Ein PLM kann die Prozesssteuerung von Produktdaten und Informationsflüssen übernehmen – über die Systemgrenzen der Unternehmen hinaus.
Ein PLM kann die Prozesssteuerung von Produktdaten und Informationsflüssen übernehmen – über die Systemgrenzen der Unternehmen hinaus.
(Bild: ©Murrstock - stock.adobe.com)

Vor 20 Jahren, als die Dokumentenverwaltung im Umfeld von Konstruktion und Fertigung ihren Anfang nahm, beschränkten sich die Lösungen auf das reine Speichern und Auffinden von CAD-Daten. Der nächste Entwicklungsschritt waren Systeme, die Zeichnungen, Dokumente und ERP-Systeme zusammenführten: die Geburtsstunde des Produktdatenmanagements (PDM). Heute verwendet die Fertigungsindustrie Lösungen, die weit über das PDM-Leistungsspektrum hinausgehen: Das Product Lifecycle Management (PLM) ermöglicht die Prozesssteuerung von Produktdaten und Informationsflüssen. Es kann dabei über die Systemgrenzen der Unternehmen hinausgehen und Partner, Kunden und Lieferanten gesteuert in die eigenen Geschäftsprozesse einbinden.

Ziel von PLM-Lösungen ist, vom Auftragseingang über Konstruktion und Fertigung bis Vertrieb – also entlang der gesamten Prozesskette – Durchgängigkeit zu schaffen. Alle Beteiligten sollen einen Zugriff auf einen einheitlichen Product Data Backbone haben. Insbesondere für Unternehmen, die komplexe Produkte fertigen, ist der Zugriff auf eine gemeinsame Produktdatenbasis notwendig, die sowohl kaufmännische als auch technische Dokumente bereithält.

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Doch welche Faktoren zeichnen ein erfolgreiches Product Lifestyle Management aus? Eine Übersicht:

1. PLM-System schrittweise ausbauen

Der gewünschte Leistungsumfang eines PLM-Systems kann sich im Laufe der Zeit verändern. Benötigt ein Unternehmen zu Beginn vielleicht nur eine CAD-Datenverwaltung, kann später der Bedarf nach durchgehenden PLM-Prozessen über die Unternehmensgrenzen hinaus entstehen.

Daher startet man mit der Implementierung zunächst in einem klar abgegrenzten Anwendungsbereich. Iterativ werden einzelne IT-Prozesse konfiguriert; so sind Ergebnisse der einzelnen Etappen sofort erkennbar. Nachdem sich zeitnah erste Erfolge einstellen, kann das PLM weiter ausgebaut werden. Ein solcher „Konfigurieren statt Programmieren“-Ansatz wird als „No Code/Low Code“ bezeichnet. Er ermöglicht den Anwendern selbst, bei Bedarf die PLM-Landschaft zu erweitern und vermeidet aufwendige, teure Softwareanpassungen.

2. Best-Practice-Prozesse nutzen

Darüber hinaus ist die Dauer der Implementierung ein wichtiges Kriterium. Moderne PLM-Lösungen erlauben Kunden, schnell und einfach die für sie passenden Szenarien aufzusetzen, indem sie vorkonfigurierte Best-Practice-Anwendungspakete mitliefern. Unternehmen können diese über Konfiguration an die eigenen Anforderungen anpassen. Sie bestehen aus Vorlagen, fertigen Arbeitsabläufen, Cockpits, Reports und Menüs zur Bedienung der jeweiligen Prozesse und Projekte. Procad beispielsweise liefert Anwendungspakete aus, die sich an immer wiederkehrenden Projektszenarien im Änderungsmanagement oder bei der Steuerung von Engineering-Projekten und -Dokumenten orientieren.

So lässt sich beispielsweise der Änderungsprozess für mechatronische Produkte konfigurieren. Er umfasst sowohl Schritte der Elektroentwicklung als auch der Mechanikkonstruktion. Kontroll- und Compliance-Anforderungen, die für die Freigabe relevant sind, sind in beiden dieser Stränge integriert. Erst wenn die Anforderungen an das gesamte System erfüllt sind, erfolgt eine finale Freigabe. Weitere Praxisszenarien lassen sich für die Vertragsverwaltung, für Abnahme- und Risiko-, Innovations- oder Anforderungsmanagement konfigurieren.

3. Passende PLM-Lösungen durch die Cloud

Der schrittweise Ausbau des PLM gelingt am besten, wenn man es als Industriestandard begreift, der sich in einer Cloud-Umgebung an die spezifischen Anforderungen des Unternehmens anpassen lässt. Mit einer Cloud-basierten Plattformarchitektur, bei der sich die Funktionen modulartig zuschalten lassen, vermeiden Unternehmen, ein System zu implementieren, das entweder zu klein für ihre Anforderungen oder zu teuer und komplex ist. Sie ermöglicht es, Funktionen ergebniswirksam einzusetzen und aus ihnen signifikante Wettbewerbsvorteile zu ziehen. Unternehmen steht über die Plattform ein skalierbares Set an Funktionen und Best-Practice-Prozessen zur Verfügung, mit dem sie sich die jeweils passende PLM-Lösung konfigurieren können. Technische Unternehmen verfügen damit über eine Cloud-fähige „No-Code“-Plattform für die Digitalisierung der Produktentstehung und des Informationsmanagements ihrer Produkte und Anlagen.

4. Benutzerfreundlichkeit: Jeder bekommt seine Oberfläche

PLM-Systeme ermöglichen einer Vielzahl von Mitarbeitern den Zugriff auf relevante Daten. Benutzerfreundlichkeit ist damit ein wesentlicher Faktor. Diese lässt sich durch einfach anpassbare User Interfaces und die Bereitstellung von PLM-Funktionalitäten über Apps verwirklichen. Anwendungsspezifische Designs sorgen dafür, dass die Nutzer nur die für sie relevanten Elemente sehen: Dem Anwender in der Qualitätssicherung wird eine andere PLM-Oberfläche dargestellt als dem Entwicklungsingenieur, der viel mit CAD-Programmen arbeitet.

5. Mit mobilen Anwendungen einfacher digitalisieren

Der mobile Zugriff auf PLM-Funktionalitäten über Apps stellt besonders hohe Ansprüche an die Benutzerfreundlichkeit und hat einen neuen Standard an intuitiv benutzbarer Software geschaffen. Anwender erwarten im Beruflichen die gleiche oder zumindest eine ähnlich mühelose und intuitive Handhabung wie bei privat genutzten Apps.

Die Becker Marine Systems GmbH aus Hamburg beispielsweise hat ihr Qualitätsmanagement mit einer App des PLM-Systems PRO.File digitalisiert. Der weltweit führender Anbieter von Hochleistungsrudern im maritimen Bereich lässt seine Produkte an unterschiedlichen Standorten weltweit fertigen, bevor sie an den Endkunden geliefert werden. Die strengen internationalen Qualitätsstandards der Branche müssen permanent überprüft werden. Dies geschah früher mithilfe von Checklisten in Papierform, die eingescannt, in die Unternehmenszentrale verschickt und dort in das PLM-System eingepflegt wurden. Erst dann konnte der nächste Produktionsschritt beginnen.

Durch die Einführung der mobilen Lösung lassen sich Checklisten nun direkt auf dem Bildschirm des Tablets bearbeiten. Die App verfügt über verschiedene Checklisten-Dokumenttypen. Sie dienen als Vorlage und Suchkriterium zugleich und können innerhalb des PLM-Systems ergänzt oder um vorhandene Felder reduziert werden. Die ausgefüllten Checkdaten lassen sich mit einfachen Klicks mitsamt der vor Ort erstellten Fotos zurück in die PLM-Plattform übertragen, die Produktionszeiten verkürzen sich so signifikant.

6. Multicad-Fähigkeit und ERP-Integration

Heutzutage arbeiten viele Konstruktionsabteilungen mit Softwareprodukten unterschiedlicher Hersteller. Schon deshalb ist es nicht anzuraten, auf die reinen Datenverwaltungstools der CAD-Software zu vertrauen. Ein PLM-System sollte daher Referenzierung, Verknüpfung und durchgängiges Artikelmanagement ermöglichen. Es muss sowohl im mechanischen Bereich als auch im Bereich von Software und Elektrotechnik multi-CAD-fähig sein, mit echten Integrationen in die CAD- und ERP-Systeme.

Das bedeutet, dass Artikelstammdaten, Produktstrukturen (Baugruppen), Stücklisten sowie Dokumente aus Mechanik-, Elektro- und Elektronikentwicklung automatisiert vom CAD- an das ERP-System gegeben werden können. Dort fügen sich die Stücklisten aus der Mechanik und Elektrotechnik in einer gemeinsamen mechatronischen Stückliste zusammen.

7. PLM mit integriertem Produktkonfigurator

Die Evolution der PLM-Lösungen schreitet weiter voran. Der “PRO.File Produktkonfigurator powered by Acatec” führt PLM und Produktkonfiguration zusammen. Er ermöglicht, Produkte direkt im PLM-System zu konfigurieren, erstellt automatisiert Produktstrukturen inklusive der 3D-Modelle und stellt alle Daten und Dokumente bis zur Fertigungsstückliste in einem gemeinsamen System zur Verfügung: aus CPQ (Configure Price Quote) wird, ergänzt um Engineering, somit CPQE.

* Gerhard Knoch ist Geschäftsführer der Procad-Gruppe in 76131 Karlsruhe

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