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Windkraftanlagen

Raus aus dem Windschatten

07.11.2006 | Autor / Redakteur: Lothar Lochmaier / Ulrike Gloger

Herbert Werner, Geschäftsführer der Meuselwitz Guss Eisengiesserei: „Der Markt der Windenergie lebt stark von dem Vertrauen in die Qualität sowie von der Lieferbereitschaft und Termintreue der Lieferanten.“ Bild: Meuselwitz Eisengiesserei
Herbert Werner, Geschäftsführer der Meuselwitz Guss Eisengiesserei: „Der Markt der Windenergie lebt stark von dem Vertrauen in die Qualität sowie von der Lieferbereitschaft und Termintreue der Lieferanten.“ Bild: Meuselwitz Eisengiesserei

Längst hat die Windenergie zu anderen Branchen im Maschinen- und Anlagenbau aufgeschlossen. Die Zulieferer haben viel zu tun. Außer hoher Qualität ist auch großes unternehmerisches Geschick gefragt, um vom prognostizierten Marktwachstum in der Energiebranche nachhaltig zu profitieren.

Das Liebherr-Werk im oberschwäbischen Biberach beliefert seit fast zehn Jahren nahezu alle bedeutenden Hersteller von Windkraftanlagen auf der ganzen Welt mit kompletten Schwenkeinheiten. Rund 35% der in Biberach gefertigten Großwälzlager und Verstellgetriebe gehen in die Windkraftbranche, ein Drittel dieser Aufträge kommt aus dem Ausland.

Das Unternehmen ist beileibe kein Einzelfall. Die deutsche Windindustrie hat sich nach Angaben des Bundesverbands Windenergie (BWE) auch im Jahr 2005 einen Platz an der Sonne gesichert. Die einheimische Wertschöpfung an allen weltweit produzierten Anlagen und Komponenten wuchs im Jahr 2005 auf rund 4 Mrd. Euro im Vergleich zu 3,1 Mrd. Euro im Jahr 2004. Die Exportquote lag damit erstmals auf gleicher Augenhöhe mit der des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus.

Ein Drittel des Umsatzes für Maschinenbauer

Mit rund 80% steuern die Zulieferer den Löwenanteil an der Wertschöpfungskette bei. Etwa ein Drittel des Umsatzes entfällt alleine auf das Maschinenhaus. Ob Rotorblätter, Nabe, Turmbau oder die Montage von Einzelkomponenten: Die Zulieferer sind längst kein schmückendes Beiwerk mehr. In der Regel produzieren die Hersteller nur noch die Blätter in kompletter Eigenregie.

Denkbar sind unterschiedliche Varianten der Kooperation. Manche Hersteller wie Enercon unterhalten eigene Entwicklungsabteilungen und behalten die Produktion relevanter Schlüsselkomponenten lieber in der Hand und setzen auf feste Partnerschaften mit ausgewählten Betrieben. Andere folgen dem Trend in der Automobilindustrie und kaufen das Know-how bedarfsgerecht und flexibel von außen hinzu. Doch für jeden Hersteller ist die Kooperation mit leistungsfähigen Dritten unverzichtbar.

Auf dem Papier sind die Perspektiven glänzend. Die zunehmende Bedeutung des Exports für die Branche zeigt sich besonders im Zuwachs der deutschen Wertschöpfung um fast 1 Mrd. Euro, die allein durch das Auslandsgeschäft erwirtschaftet worden ist. Dies zeigen die neuesten vom VDMA herausgegebenen Zahlen. Nach der Windenergy-Studie 2006 dürfte der positive Trend in den kommenden Jahren auf einem stabilen Wachstumspfad verlaufen. Bis zum Jahr 2014 gehen Experten weltweit von einer Verdreifachung der derzeit installierten Leistung aus.

Zulieferer geraten unter Druck

Doch es gibt auch eine Kehrseite des Booms. Dem zunehmenden Kostendruck sind analog zu anderen Marktzweigen auch hierzulande bereits Unternehmen zum Opfer gefallen. Zudem herrscht nicht überall eitel Sonnenschein, weil die Zulieferer die stetig wachsenden Anforderungen an die Produktqualität oftmals mit sinkenden Margen gleich doppelt „bezahlen“ müssen.

Auch die Meuselwitz Guss Eisengiesserei GmbH, einer der führenden Zulieferer von Gussteilen, sieht sich einem scharfen Gegenwind ausgesetzt, obwohl das Unternehmen kontinuierlich größere Millionenbeträge in eine optimierte Produktionsumgebung investiert hat. „Der Markt der Windenergie lebt sehr stark von dem Vertrauen in die Qualität, der Liefersicherheit und Termintreue der Lieferanten“, bestätigt Geschäftsführer Herbert Werner. Das aus einem früheren Industriekombinat hervorgegangene ostdeutsche Unternehmen hat schon frühzeitig in den neunziger Jahren die Zeichen der Zeit erkannt und befindet sich heute an der Spitze der technologischen Entwicklung.

Die Kapazitätsgrenzen der einzelnen Gussteile sind bereits auf Anlagengrößen jenseits einer Leistung von 5 MW ausgerichtet. Die ständigen Qualitätsaudits der Kunden zwingen die Gießereien aber dazu, sich je nach Kapazität auf einen bis maximal drei Hersteller zu konzen-wtrieren. „Im Gegenzug ermöglicht eine solche Konzentration eine gewisse Grundauslastung der Produktion mit den entsprechenden Rationalisierungsmöglichkeiten“, beschreibt Werner, dessen Unternehmen A-Lieferant von Enercon ist, ergänzt durch die amerikanische General Electric.

Der Anteil an Gussteilen für die Windenergie macht derzeit schon fast die Hälfte aus „und ist damit ein nicht mehr wegzudenkendes Geschäftsfeld bei Meuselwitz Guss“, betont Werner. Dominierten bis vor drei Jahren die Szenerie noch Produkte für die deutschen Anlagenbauer, angeführt durch Enercon, so hat sich in der Folgezeit der Exportanteil nach Dänemark, Spanien und zuletzt den USA bereits auf rund 10% erhöht. Inzwischen ist ein Erfahrungsschatz herangewachsen, von der Konstruktion über die Arbeitsvorbereitung bis hin zu den Prüfverfahren. Wären da nicht die hohen Energie- und Rohstoffpreise, welche die Guss-erzeugnisse für die Windenergie seit gut zwei Jahren verteuern.

Qualitätssicherheit ist oberstes Gebot

Auch lässt die Qualitätssicherheit durch die in den EU-Normen festgeschriebenen Werkstoffeigenschaften und Ultraschallbewertungen nur geringfügig Spielraum für den Einsatz scheinbar günstigerer Materialien. „Die Symbiose zwischen Einsatzmaterial und Gussqualität wird auch von den Windenergiekunden erkannt, so dass hier kein Druck auf günstigere Materialien aufgemacht wird“, bilanziert Werner. Das Gegenteil sei sogar der Fall: So bestehe etwa das Haus Enercon auf dem weiteren Einsatz der bewährten Materialien.

Das 1884 gegründete Familienunternehmen August Friedberg befindet sich bereits in Hand der vierten Generation. Seit 1990 liefern die Gelsenkirchener Verbindungstechnik in die Windenergieanlagenbranche und sind heute weltweit führend in der komplexen Versorgung dieser Branche mit hochwertigen Verbindungsmitteln.

In Deutschland existieren zwei Produktionsstandorte in Gelsenkirchen und Finsterwalde, ein Werk befindet sich im brasilianischen Monte Mor. Mit 550 Beschäftigten erzielt das Unternehmen rund 75 Mio. Euro Jahresumsatz, bei einer Fertigungskapazität von zirka 2700 t pro Monat. „Rund 30% des Gesamtumsatzes erwirtschaften wir mit der Windbranche, davon wiederum machen rund 70% Auslandsaufträge aus“, sagt Martin Jäger, Vertriebsleiter des Geschäftsbereichs Windenergieanlagen und Industrie bei der August Friedberg GmbH. Als lukrativste Auslandsmärkte gelten Dänemark, die USA und Indien.

Die Schraubenverbindungen in den Anlagen unterliegen in fast allen Fällen hohen und komplexen dynamischen Beanspruchungen. Deshalb liegt das besondere Augenmerk auf der technischen Definition der Verbindung und der Festlegung der entsprechenden Montageverfahren. Der mittelständische Global Player offeriert das komplette Sortiment an Verbindungsmitteln von Turmflanschverschraubungen, Rotorblattverschraubungen bis hin zu Anlagenschrauben. Darüber hinaus forscht und entwickelt das Unternehmen auch selbst für seine Hauptkunden Vestas, Enercon, General Electric, Suzlon und eine Vielzahl weiterer Turmhersteller.

Zulieferer sollen den Anlagenbauern folgen

Wie im Maschinenbau verschiedentlich schon Praxis, werden zukünftig auch die Windanlagenbauer versuchen, ihre bewährten Zulieferer im Interesse der gesicherten Qualität und Abläufe an die Standorte ihrer Niederlassungen zu bewegen. Neue Zielmärkte in Spanien, China, Brasilien und Kanada hat auch August Friedberg fest im Visier. Bisher war eine weltweite Aufstellung nicht erforderlich, da die Hauptkomponenten und A-Teile aus Europa und Amerika stammten und an den neuen Standorten nur montiert wurden. Dies könnte sich in den neuen Märkten bald schon durch den Zwang zu einem hohen „Local Sourcing-Anteil“ ändern. „Wir wären dann auch bedingt, bereit den Herstellern zu folgen“, sagt Martin Jäger. MM

Lothar Lochmaier ist freier Journalist in Berlin.

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