Industrie 4.0 bei Miele Sailer: Der Begriff Internet der Dinge (IoT) ist mir lieber
Wenn Dinge anfangen, sich die Intelligenz woanders auszuleihen, dann löst das im Markt jede Menge Neues aus, ist Dr. Eduard Sailer überzeugt. Der Geschäftsführer Technik bei Miele in Gütersloh erklärt der Fachzeitschrift Elektrotechnik, warum die Konkurrenz künftig womöglich aus allen Richtungen kommt.
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Sie werden damit zitiert, dass Industrie 4.0 kein Thema von morgen ist, sondern wir schon mitten drin stecken. Was bringt Sie zu dieser Wahrnehmung?
Da finden sich viele Beispiele direkt um uns herum. Coca-Cola-Flaschen beispielsweise, die es mit einem persönlichen Namen drauf zu kaufen gibt — kundenindividuelle Massenfertigung also. Davon Millionen Flaschen in der Produktion zu verfolgen, ist nicht einfach. Man braucht ein Echtzeit-Abbild. Ein echtes Echtzeit-Abbild, keins mit Minuten oder Viertelstunden Verzögerung. Sonst können wir die kundenindividuelle Produktion nicht abbilden. Und das wiederum erfordert Industrie 4.0 — wobei mir der Begriff Internet der Dinge, IoT, lieber ist.
Warum Internet der Dinge ?
Industrie 4.0 klingt so, als wäre das für Spezialisten in der Produktion. IoT findet zwischen drei Stellen statt: Mensch, Anlage und Produkt. Und man muss schauen, wie viel Intelligenz können wir dem Produkt mitgeben, um dadurch eine kundenindividuelle Massenfertigung zu realisieren. Um im Beispiel zu bleiben: Im 10-Cent-Bereich sicherlich nicht so viel, die Cola-Flasche identifiziere ich vielleicht durch Fotografie, nicht mit einem Chip. Höherwertige Produkte wie etwa Hausgeräte von Miele haben eine elektronische Steuerung. Da lässt sich die Intelligenz des Produktes nutzen. Die Basis ist also oft schon gelegt.
Ein Pilotprojekt aus der Produktion sind die GPS-gesteuerten Montagewagen unserer Dampfgarer-Fertigung in Bünde. Bei Einbaugeräten gibt es schon kundenindividuelle Ausstattung, etwa nach Farbwünschen oder mit Griffvarianten wie Retrogriffen mit Holzeinlagen aus alten Waschbottichen.
Backofen mit Losgröße 1?
Das geht Richtung Losgröße 1 wie in der Automobilindustrie mit den konfigurierten Autos. Da sind die unzähligen Varianten eine Fingerübung. Die Möglichkeiten in der Produktion sind aber nur eine Perspektive.
Es geht um die Sicht auf die Dinge?
Ja, und das ist enorm wichtig für jedes Unternehmen. Man muss sich die Frage stellen: Wem nützt Industrie 4.0? Was bringt es den Kunden? Diese Sicht auf die Produkte wird von den Unternehmen noch unterschätzt. Beispiel Armbanduhr: Das war lange ein Stand-alone-Produkt, die neue iWatch hingegen vernetzt sich sofort, synchronisiert sich etwa mit dem Kalender auf dem iPhone und meldet Termine. IoT bedeutet eine ganze Menge von Möglichkeiten, wie sich Produkte verhalten und nützlich werden. Sie können sich Intelligenz woanders ausleihen, bei einem anderen Gerät und Schwarmintelligenz entwickeln. Nützlichkeitsfaktor und Bequemlichkeitsfaktor also – beides Kernattribute auch in unserem Geschäft. Ein Fleck auf dem Shirt — und via App kommt Support für die Waschbehandlung, auch das ist eine Möglichkeit. Und so kann man sich jede Menge neuen Mehrwert durch das IoT für Kunden ausdenken.

Fehlt manchen die Fantasie?
Der Grad an Fantasie ist da sicher unterschiedlich ausgeprägt. So scheint nicht allen klar zu sein, dass durch das IoT Kommunikationsgeräte oft überflüssig werden. Wenn aber Produkte, die heute nur für sich alleine funktionieren, demnächst direkt miteinander kommunizieren, hat das mehr Auswirkungen, als sich viele klar machen. Da werden etliche Konkurrenz zu spüren bekommen aus Richtungen, mit denen sie überhaupt nicht rechnen.
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