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Stellt sich dabei der häufig angeführte Nachteil der Feuchteaufnahme von Polyamid nicht als hinderlich heraus?
Wutke: Jede Medaille hat zwei Seiten, so auch die Feuchteaufnahme von Polyamid. Grundsätzlich muss an dieser Stelle klar differenziert werden. Polyamid ist nicht gleich Polyamid. Ein Polyamid 12 gehört zu den aliphatischen Polyamiden, das aufgrund seiner polymeren Struktur – wenige Amidgruppen im Verhältnis zu den Kohlenwasserstoffgruppen – einen polyolefinen Charakter hat und entsprechend wenig Feuchtigkeit aufnimmt. Umgekehrtes gilt bei Polyamid 4.6. Teilaromatische Polyamide wiederum warten mit einem weiteren Effekt auf: Die deutlich niedrigere Diffusionsgeschwindigkeit der Wassermoleküle führt zu einer stark verlangsamten Anpassung an die Umgebungsfeuchte.
Tatsache ist doch, dass Polyamid-Werkstoffe aufgrund der Neigung zur Feuchteaufnahme zum Beispiel Strahlungsprozessen ausgesetzt werden.
Wutke: Die Feuchteaufnahme von Polyamid führt einerseits zu einer teilweise deutlichen Erhöhung der Zähigkeit, was sich in der Bruchdehnung und dem Schlagverhalten bemerkbar macht. Als logische Konsequenz der größeren Beweglichkeit der Molekülketten nach Feuchtigkeitsaufnahme sinken die mechanische Steifigkeit und Festigkeit. Die Antwort, ob dies von Vorteil oder Nachteil ist, liegt einerseits in der Anforderung aus dem Lastenheft und andererseits sehr häufig im Auge des Betrachters.
Nach Ihrer Ansicht ist die Neigung von Polyamid zur Feuchteaufnahme und damit zur Quellung in Abhängigkeit von der jeweiligen Anwendung zu sehen.
Wutke: Dieser Effekt ist temperaturabhängig. Anwendungen bei Temperaturen dauerhaft über 90 °C führen dazu, dass aus einem Bauteil die Feuchtigkeit herausdiffundiert – sich also der spritzfrische Zustand wieder einstellt. Damit einhergehend wird das Argument der schlechten Maßhaltigkeit spritzgegossener Polyamidteile angeführt. Auch hier liegen Glaube und Wahrheit weit auseinander. Nur in Anwendungen mit sehr engen maßlichen Toleranzen und bei sehr groß dimensionierten Bauteilen, die jeweils einer wechselnden Klimalagerung unterzogen werden, sind wirklich nennenswerte Effekte erkennbar – zumal es sich um einen Volumeneffekt handelt.
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