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Interview

Treiber und Getriebener der Digitalisierung

| Autor/ Redakteur: Maria Sonneck / Robert Horn

Unser Leben ist digital; nicht nur im Alltag. Wo wir aktuell stehen und worauf es ankommt, um die Chancen zu nutzen, skizziert Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der VBW – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. und der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände Bayme VBM, im Interview.

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(Bild: Bayme VBM/VBW)

Herr Brossardt, wo steht die M+E-Industrie bei der Digitalisierung?

Die M+E-Industrie ist einerseits Treiber der Entwicklung, anderseits aber auch Getriebener. Das Thema ist in der bayerischen M+E-Branche angekommen. Wie weit das einzelne Unternehmen ist, ist branchenabhängig, aber vor allem von der individuellen Situation geprägt, sprich von den jeweiligen Prozessen, Produkten oder Geschäftsmodellen. Die Geschwindigkeiten sind unterschiedlich. Sicher ist, dass wir im globalen Wettbewerb ständig Produktivität, Geschwindigkeit und Flexibilität erhöhen müssen. Hinzu kommt die starke Kundenorientierung mit einer zunehmenden Individualisierung der Produkte. Dabei spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle.

Wie sieht es mit der internationalen Vernetzung aus?

Unsere Unternehmen in der M+E-Industrie sind traditionell in internationalen Wertschöpfungsketten aufgestellt und global tätig. Insofern führt hier das Thema Digitalisierung zu einer Beschleunigung und besseren Verknüpfung der Wertschöpfungsketten. Es findet derzeit eine starke Optimierung statt.

Wirkt sich das auch auf die Investitionen aus?

Unsere bayme vbm Konjunkturumfrage im Winter hat ergeben, dass die Investitionspläne der bayerischen M+E Unternehmen im Ausland deutlich expansiver sind als im Inland. Fast 57 Prozent der bayerischen M+E Unternehmen wollen ihre Investitionen an den Auslandsstandorten in den nächsten Monaten erhöhen, für das Inland planen nur zwölf Prozent mehr Investitionen. Es gibt für die deutsche M+E Industrie keine exakten Zahlen zum Verhältnis von Inlands- zu Auslandsinvestitionen. Wenn man sich die Veränderungen des Kapitalstocks im In- und Ausland ansieht, also Investitionen und Abschreibungen berücksichtigt, dann kommt man grob geschätzt auf ein Verhältnis von 7:3 zugunsten der Netto-Investitionen im Ausland.

… und in Richtung USA?

Hier macht uns vor allem der politische Kurs Sorge. Wir vertrauen auf die Klugheit der USA, dass der offene Welthandel, den die USA ja sehr stark nutzen, bestehen bleibt. Dabei gilt es hervorzuheben, welch starken Impact die bayerische und deutsche Wirtschaft auf die amerikanische Wirtschaft hat. Genauer gesagt, was deutsche Unternehmen durch ihre Beteiligungen und Produktionsstätten in Amerika für den amerikanischen Markt und den Weltmarkt produzieren. Ich denke, dass der deutsche Maschinenbau einen wichtigen Beitrag zum Wiedererstarken der amerikanischen Industrie leisten kann.

Bertram Brossardt: „Wir vertrauen auf die Klugheit der USA, dass der offene Welthandel, den die USA ja sehr stark nutzen, bestehen bleibt.“
Bertram Brossardt: „Wir vertrauen auf die Klugheit der USA, dass der offene Welthandel, den die USA ja sehr stark nutzen, bestehen bleibt.“
(Bild: Bayme VBM/VBW)

Wo stehen wir im internationalen Vergleich in Sachen Digitalisierung?

Wo wir international genau stehen, lässt sich schwer sagen. Aber lassen Sie es mich einmal exemplarisch an einem Aspekt festmachen: Dort, wo viel Robotik eingesetzt wird, beobachten wir eine starke Auswirkung auf die Wirtschaftsentwicklung. Da ist Südkorea ein Stück voraus, auch Japan, aber auch Deutschland steht gut da. Dort, wo es eine starke industrielle Basis gibt, lässt sich Industrie 4.0 gut entwickeln. Andere Länder werden daher in dieses Thema gar nicht so schnell hineinwachsen können. Wir dagegen sind bereits mittendrin. Das ist unser Startvorteil. Die Umsetzungsgeschwindigkeit hängt zunächst von den Unternehmen selbst ab. Aber es geht auch um die Rahmenbedingungen, die der Staat vorgeben muss. Von der IT-Infrastruktur über die steuerliche Forschungsförderung bis hin zur Aufgabe, genügend junge Menschen für diese Felder auszubilden. Wir müssen unsere Ausbildungsberufe daraufhin anpassen und unsere Mitarbeiter entsprechend weiterbilden. Aus Sicht der VBW muss alles noch deutlich schneller gehen.

Was brauchen wir darüber hinaus?

Digitalisierung, Globalisierung und Individualisierung bestimmen zunehmend die Arbeitswelt. Mobiles Arbeiten bietet etwa die Möglichkeit, die Work-Life-Balance zu verbessern. Mehr Eigenverantwortung und flachere Hierarchien sind für viele Menschen attraktiv – das erfordert manchmal aber auch Änderungen in der Unternehmenskultur. Zudem werden technische Assistenzsysteme die Arbeit erleichtern. Gerade für ältere Arbeitnehmer oder Menschen mit Handicap ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten. Der Einzelne sollte nicht durch kollektive Regelungen davon abgehalten werden, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Wo sehen Sie weiteren Veränderungsbedarf?

Die digitale Arbeitswelt verlangt nach einem flexibleren Rechtsrahmen was die Arbeitszeit betrifft. Wenn wir international mit Partnern über Zeitzonen hinweg zusammenarbeiten wollen, brauchen wir entsprechende Rahmenänderungen.

Konkret bedeutet das?

Die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden passt nicht mehr zur globalisierten und digitalen Arbeitswelt. Stattdessen müssen wir zu einer wochenbezogenen Betrachtung kommen, die in der entsprechenden Europäischen Richtlinie bereits vorgesehen ist. Das bedeutet nicht mehr Arbeit, sondern dass Betriebe und Beschäftigte dadurch Flexibilität bei der wöchentlichen Verteilung der Arbeitszeit gewinnen. Außerdem muss es möglich sein, auch nach Dienstschluss noch eine kurze Nachricht an einen Kollegen zu schicken, ohne dass die elfstündige Ruhezeit wieder von vorne zu laufen beginnt. Deswegen brauchen wir eine Klarstellung, dass gelegentliche, kurzfristige Tätigkeiten mit geringer Beanspruchung keine Unterbrechung der elfstündigen Ruhezeit bedeuten. Ein zwangsweiser Ausschluss der Erreichbarkeit greift in die persönliche Entscheidungsfreiheit ein und schafft ein Klima der Bevormundung.

… und wo soll diese Entwicklung hingehen?

Die Möglichkeiten der Digitalisierung werden die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben erleichtern. Die Herausforderung, schnell neue Dinge zu entwickeln und projektorientiert zu arbeiten, werden wir mit den derzeitigen Arbeitszeitrahmenbedingungen – gerade im internationalen Kontext – nicht abbilden können. Neue Wege müssen wir auch beim Thema Arbeitsschutz gehen. Je mehr Freiheiten die Mitarbeiter durch orts- und zeitunabhängiges Arbeiten erlangen – zum Beispiel durch Home-Office – desto mehr Eigenverantwortung muss es auch beim Arbeitsschutz geben. Deshalb brauchen wir ein flexibles Arbeitsschutzrecht, das lediglich Schutzziele vorgibt.

Der Bedarf an digitaler Kompetenz steigt an. Woher nehmen wir diese?

Die Grundlagen, gerade in Informatik, müssen beispielsweise an Hochschulen noch stärker vermittelt werden und nicht nur in den technischen Disziplinen. Generell gilt es, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, dass sie Kompetenzen im digitalen Bereich entwickeln können. Wir brauchen darüber hinaus eine Neuausrichtung der Aus- und Weiterbildung. Unser Vorschlag bezogen auf die M+E Industrie liegt in Berlin. Also, die Berufsbilder bleiben, müssen aber inhaltlich um Themen wie IT-Security, Big Data oder Vernetzung angepasst werden, um so die digitalen Herausforderungen meistern zu können. Was die bestehenden Mitarbeiter angeht, so ist es zunächst einmal die Aufgabe der Unternehmen, die betriebsnahe Weiterqualifizierung vorzunehmen – dem stellen sich unsere Firmen gern.

Was wird aus den älteren Mitarbeitern, Stichwort 50 plus?

Wenn wir, was wir auch tun, heute von der Rente mit 67 Jahren ausgehen, so hat ein 50-Jähriger noch 17 Berufsjahre vor sich. Verbandsseitig gehen wir von einer grundsätzlichen Weiterbildungsbereitschaft auch bei älteren Mitarbeitern aus und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass die Weiterbildungsfähigkeit in diesem Alter vorhanden ist.

Wie verhält es sich mit den Problembereichen Rechtsrahmen und Datensicherheit?

Wem gehören die Daten und was kann wer mit den Daten anfangen, lauten die Grundfragen. Hier wird mit der EU-Datenschutzgrundverordnung, die 2018 in Kraft tritt, ein neues Kapitel anbrechen. Sie wird für ein gutes Maß an Rechtssicherheit gerade im europäischen Kontext sorgen. Aus unserer Sicht braucht man keine Eigentumsrechte an Daten zu definieren, Lösungen sind über vertragliche Gestaltungen zwischen den Beteiligten anzustreben. Auto-Käufer und -Hersteller vereinbaren also beispielsweise miteinander, was mit den Daten geschieht. Beim internationalen Austausch geht es vor allem darum, wie man mit den amerikanischen Partnern umgeht. Das US-Privacy Shield bringt uns hier weiter. Datensicherheit und Datenschutz sind am Ende aber auch gesellschaftliche Fragen, die eine entsprechende Debatte brauchen. Bei der Datensicherheit werden die bayerischen Unternehmen vom Cyber-Sicherheitszentrum gut unterstützt. Generell sind zudem die Unternehmen gefordert, gemeinschaftlich Standards zu erarbeiten, gerade auch im Hinblick auf Europa.

Sind wir zu langsam für die vierte Revolution, um es zu schaffen?

Selbstverständlich könnte vieles schneller gehen. Aber wir haben in der Vergangenheit ja schon große Herausforderungen meistern müssen. Denken Sie an die Einführung des PCs, oder die Umwälzungen in der Automobilindustrie, ausgelöst durch Japan. Das waren zur jeweiligen Zeit sehr stark diskutierte Themen. Die Unternehmen, die Mitarbeiter und die Gesellschaft waren in der Lage, sich gut darauf einzustellen. Ich glaube schon, dass es eine deutsche Fähigkeit ist, Herausforderungen anzunehmen und diese zu lösen. Unsere Facharbeiter sind Menschen mit hoher Befähigung. Selbstverständlich wird es Veränderungen geben. Doch die Fähigkeit zu Problemlösung ist vorhanden. Es braucht eine individuelle Bereitschaft zur Veränderung und eine kollektive Bereitschaft für Mut zur Zukunft – die ist bei den bayerischen Unternehmen und ihren Mitarbeitern vorhanden.

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