Dr. Tom Schneider verrät im Interview, warum deutsche Unternehmen mutiger sein sollten und weshalb ein Bürokratieabbau die Wettbewerbsfähigkeit stärkt.
Dr. Tom Schneider ist CTO bei Trumpf Werkzeugmaschinen und verantwortet den Bereich Forschung & Entwicklung. Er studierte Maschinenbau am Karlsruher Institut für Technologie und ist seit mehr als zehn Jahren für das Unternehmen tätig.
(Bild: Trumpf)
MM Maschinenmarkt: Herr Dr. Schneider, ab einer gewissen Größe und medialen Präsenz stellt sich die Frage: Wie viel „Hidden Champion“ steckt eigentlich noch in Trumpf, und was macht diesen Status für Sie im Kern aus?
Dr. Tom Schneider: Ein Hidden Champion überrascht seinen Markt immer wieder durch Innovation und ist meistens in einer Region beheimatet, die man nicht direkt damit verbindet. Er sitzt eben nicht in den Hauptmetropolen dieser Erde. Das trifft auf Trumpf zu: Wir sind in Ditzingen verwurzelt, in der Nähe von Stuttgart, mit einem Einzugsbereich von Karlsruhe bis Pforzheim – aber wir sind eben nicht in München oder Berlin.
Gleichzeitig spielen wir mit unseren Technologien in einer Nische, nämlich Werkzeugmaschinen für die Gestaltung von Blech. Das klingt erst einmal speziell, aber wenn man einmal anfängt, sich mit dieser Technologie zu beschäftigen, merkt man: Die Welt ist voller Blech. Ob Medizintechnik, Baumaschinen, Wärmepumpen oder Schaltschränke für Rechenzentren – das ist alles Blech. In diesem Bereich sind wir einer der Weltmarktführer.
Global gesehen sind wir also ein Hidden Champion. In Baden-Württemberg würde man dem wahrscheinlich nicht zustimmen – dafür sind wir hier zu präsent und über unsere Zuarbeit für ASML, wo wir die Laser für die Fertigung von KI-Chips liefern, mittlerweile auch medial zu bekannt.
Insbesondere chinesische Player arbeiten derzeit hart daran, Ihnen diese Marktführerschaft weltweit abspenstig zu machen. Mit welcher strategischen Aufstellung begegnet ein deutsches Familienunternehmen dieser massiven Dynamik?
Schneider: Wir haben neben unserem Trumpf-Standort in Taicang auch eine chinesische Tochterfirma, die dort als eigenständiges Unternehmen agiert. Dabei haben wir vor circa zwei Jahren einen fundamentalen Strategiewechsel vollzogen: Wir haben uns von dem Versuch verabschiedet, unserer eigenen Tochter „Leitplanken“ vorzugeben, damit sie uns im globalen Segment keine Konkurrenz macht. Heute lassen wir sie aktiv unabhängig agieren.
Hinzu kommt: Die chinesische Regierung verfolgt mit ihrem Fünfjahresplan ein klares Ziel. Sie kopieren im Grunde das Erfolgsmodell von „Made in Germany“ – exzellente Technologie in den Export zu bringen. Aber sie tun es mit einem Binnenmarkt, der um den Faktor 3 größer ist als der europäische. Ein so starker Markt ermöglicht Exportinnovationen, denen sich deutsche Maschinenbauer in völliger Konsequenz stellen müssen.
Wir haben hier in Deutschland hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte und besitzen im Bereich Maschinenbau tiefes Domänenwissen. Das hilft uns beispielsweise, Innovationen im Bereich Robotik besonders schnell zu implementieren. Jetzt gilt es, unsere Stärken noch schneller in Innovationen, Produkte und Markterfolge umzusetzen.
Wir haben lange Zeit von unserer jahrzehntelangen Erfahrung im Maschinenbau profitiert. Hand aufs Herz: Wird das zukünftig noch reichen, um die Pole-Position zu verteidigen?
Schneider: Als Industrienation müssen wir ehrlich zu uns sein: Wir haben keinen historischen Vorsprung mehr. Das ist aber nicht schlimm, wenn es uns anspornt, wieder schneller, agiler und mutiger zu werden. Wir kommen eben nicht mehr aus einer verteidigenden Pole-Position. Deutsche Maschinenbauer müssen aufwachen.
Das klingt nach einer Warnung an die Branche. Wo liegt der Fehler der deutschen Industrie?
Schneider: Die letzten 30 Jahre waren den Unternehmen vielleicht geschenkt; unsere Vorgänger haben die Basis gelegt und die Firmen konnten abschöpfen. Diese Zeit ist vorbei.
Die Unternehmen müssen ihre innere Überzeugung, exzellente Produkte zu entwickeln, neu aufrütteln. Bei meiner Arbeit bei Trumpf erlebe ich jeden Tag: Die Substanz ist da, die Mitarbeiter sind da. Aber wir müssen jetzt buchstäblich an den Schreibtisch, innovative Lösungen entwickeln und sie noch schneller in industrielle Wertschöpfung überführen. KI hilft uns hier beispielsweise massiv, unsere Entwicklungszyklen zu verkürzen. Solche Hebel gilt es zu nutzen.
Technologische Aufholjagden brauchen Freiheit und Schnelligkeit. In Deutschland klagen viele Unternehmer jedoch über ein Korsett aus Bürokratie und strengen Auflagen. Verbauen wir uns den Weg zum Erfolg durch zu viel Vorsicht?
Schneider: Die Politik in Europa tendiert dazu, aus ihrem Grundgerüst heraus in die Überregulation zu gehen. Das bedeutet für deutsche Unternehmen, dass sie ihre Leistungsfähigkeit einschränken, noch bevor wir überhaupt ausprobiert haben, wo eine Technologie einen Mehrwert bringen könnte. Wir appellieren daher an die Politik, mehr Vertrauen in die Innovationskraft von Unternehmen zu haben. Regulierung darf nicht zum Selbstzweck werden.
Das klingt nach einer notwendigen Neukalibrierung. Aber betrifft das nur die Politik oder auch unsere gesamte Einstellung zu Wohlstand und Leistung?
Schneider: Die Herausforderungen sind vielfältig. Die europäischen Unternehmen müssen akzeptieren, dass sie verteidigen müssen, was sie sich erarbeitet haben – und zwar im offenen Wettbewerb. In den letzten Jahren haben wir Arbeit eher als ergänzendes Element gesehen, um das eigene Leben zu optimieren. Das war eine tolle Errungenschaft, aber aktuell ist es vermutlich die falsche Entscheidung, wenn wir als Industrienation den Wohlstand und diese Freiheit aufrechterhalten wollen.
Stand: 08.12.2025
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Wenn wir über Technologien sprechen: Worauf sollten deutsche Unternehmen setzen, um nicht abgehängt zu werden?
Schneider: Wer als Industrieunternehmen seinen Wettbewerbsvorsprung sichern will, kommt an Künstlicher Intelligenz, Robotik und Vernetzung nicht vorbei. KI wird entscheidend dafür sein, wie produktiv und flexibel Industrieunternehmen künftig arbeiten.
Deshalb haben wir bei Trumpf im Jahr 2024 einen AI-Hub gegründet. Die Organisation bündelt unsere Aktivitäten bei KI und bringt neue Anwendungen schneller in die Praxis. Das steigert unsere eigene Effizienz als Unternehmen und ermöglicht innovative Lösungen für unsere Kunden.
Unser Ziel ist es, zu einem führenden Anbieter von KI für die Industrie zu werden. Gleichzeitig führen wir KI und Robotik enger zusammen. So können wir unseren Kunden noch mehr Automatisierung, intelligentere Prozesse und eine besser vernetzte Fertigung ermöglichen.
Herr Dr. Schneider, wir haben viel über Technologie und Wettbewerb gesprochen. Aber am Ende sind es Menschen, die diese Maschinen entwickeln und bedienen. Warum scheint es heute so schwierig zu sein, junge Talente für den Maschinenbau zu begeistern?
Schneider: Die Medien tragen teilweise dazu bei, dass junge Menschen eine berufliche Laufbahn im Bereich Maschinenbau nicht immer sofort auf dem Schirm haben. Ich bin in den Achtzigern groß geworden. Da gab es Fernsehsendungen wie MacGyver, Menschen, die geschraubt haben und sich aus schwierigen Situationen mit einer lustigen Maschine gerettet haben. Das wollte ich auch – und es war ein Ansporn, ein MINT-Studium aufzunehmen
Wir bei Trumpf kooperieren deshalb auch mit zahlreichen renommierten Universitäten wie dem KIT in Karlsruhe, um Nachwuchskräfte zu gewinnen. Außerdem zeigen wir auf unseren eigenen Kanälen, wie viel Spaß es macht, bei einem Technologieunternehmen zu arbeiten. Ich kann jungen Menschen nur sagen: Wenn ihr etwas Spannendes machen wollt, studiert Maschinenbau! Ihr werdet auf der ganzen Welt gebraucht.
Was muss passieren, damit wir diesen „Abgesang“ auf die Industrie stoppen und wieder in eine Aufbruchstimmung kommen?
Schneider: Deutsche Unternehmen müssen sich klarmachen: Wir sind keine Dienstleistungsnation wie die Engländer oder Amerikaner. Wir sind eine Exportnation. Damit das so bleibt, müssen Unternehmen ausbilden, damit wir auch in zehn Jahren noch etwas zu exportieren haben.
Bei Trumpf ist die Ausbildung von Nachwuchskräften ein zentrales Thema. Wir bilden jährlich rund 100 Auszubildende und DHBW-Studierende aus. Vor zwei Jahren haben wir ein neues Ausbildungszentrum am Stammsitz gebaut – ein starkes Signal, wie wichtig uns das Thema ist. Hinzu kommen zahlreiche Kooperationen mit renommierten Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Was ist Ihre finale Botschaft an die Geschäftsführer und Entscheider, die im Oktober zum Industrial Benchmark Summit kommen?
Schneider: Die deutsche Industrie sollte die aktuelle Situation als Aufbruch verstehen. Als Industrienation haben wir alles, um erfolgreich zu sein. Die Unternehmen hierzulande müssen sich nur trauen, ihre Substanz wieder zu nutzen. Dazu braucht es zudem die Unterstützung der Politik und ein gemeinschaftliches Verständnis. Dann heben wir auch die geopolitische Gesamtlage wieder auf Augenhöhe.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Schneider.
Tiefer einsteigen: Dr. Tom Schneider beim Industrial Benchmark Summit
Laut Dr. Tom Schneider ist die Fertigung der Zukunft intelligent, vernetzt und wettbewerbsfähig. Wie wir den Standort Europa durch Technologie, KI und Automatisierung sichern können, verrät er in seiner Keynote beim Industrial Benchmark Summit am 29. Oktober in Würzburg. Noch bis zum 31. Juli gibt es die Tickets zum Frühbucherpreis. Jetzt anmelden unter: www.industrial-benchmark-summit.de