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Tschechien gehen im Boom die Fachkräfte aus

| Autor: Stéphane Itasse

Der Kampf um die besten Köpfe und Hände in Tschechien verschärft sich. Einerseits sind angesichts der guten Konjunktur Fachkräfte überall gesucht, auf der anderen Seite liegt die Berufsausbildung unter den Anforderungen der Unternehmen.

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Bei Škoda geht's rund: 12 % Lohnerhöhung plus eine Einmalzahlung konnten die Beschäftigten für sich herausholen.
Bei Škoda geht's rund: 12 % Lohnerhöhung plus eine Einmalzahlung konnten die Beschäftigten für sich herausholen.
(Bild: andreas pohlmann)

Am Ende hatte die tschechische Volkswagen-Tochter Škoda keine andere Wahl mehr, als zu zahlen: 12 % Lohnplus rückwirkend ab dem 1. April 2018 vereinbarte das Unternehmen mit der Gewerkschaft Kovo, bei einer Laufzeit des Tarifvertrags von einem Jahr. Hinzu kommt noch eine Einmalzahlung von 7000 Tschechischen Kronen (knapp 270 Euro) für jeden Angestellten. „Diese unglaublich hohe Zahlung spiegelt sowohl die makroökonomische Situation in der Tschechischen Republik als auch das wettbewerbsintensive Umfeld wider, in dem sie sich befindet“, kommentierte Bernhard Maier, CEO von Škoda Auto.

In der Tat ist der Wettbewerb, den Maier beklagt, hart geworden: Fachkräfte sind mittlerweile rar in Tschechien. In der jüngsten Konjunkturumfrage der Deutsch-Tschechischen Handelskammer (AHK Tschechien) verweisen bereits zum dritten Mal in Folge die Investoren den Standortfaktor „Verfügbarkeit von Fachkräften“ im Ranking auf den letzten von insgesamt 21 Plätzen.

Tschechiens Unternehmen suchen Fachkräfte und finden keine

Gleichzeitig wollen die Unternehmen aufgrund der ausgezeichneten Auftragslage im Vergleich zum Vorjahr auch wieder mehr Mitarbeiter einstellen. Denn in der gleichen Umfrage bewerteten fast drei Viertel (73 %) der Investoren die aktuelle Wirtschaftslage in Tschechien als gut und nur 2 % als schlecht – nach Angaben der Kammer so wenige wie noch nie. „Die Vollbeschäftigung im Land wird zunehmend zu einem Problem!“, kommentiert auch der Commerzbank-Chef für Tschechien und die Slowakei, Michael Krüger.

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Nicht nur bei Škoda, sondern in vielen Branchen sind bereits im vergangenen Jahr die Lohnkosten rasant gestiegen und dieser Trend soll sich nach der Konjunkturumfrage fortsetzen. Zwei von fünf Unternehmen rechnen demnach mit einer heftigen Steigerung der Lohnkosten von mehr als 8 %, über die Hälfte stellt sich auf bis zu 8 % ein. Infolgedessen stürzt der Standortfaktor „Arbeitskosten“ auf Platz 11 ab. Laut Kammer zeigt sich damit, dass Tschechien diesen Wettbewerbsvorteil langsam einbüßt. Vor drei Jahren war der Faktor noch unter den Top Fünf.

Immer unzufriedener sind die Manager auch mit der „Qualifikation der Arbeitnehmer“ und dem „Berufsbildungssystem“, das für Dauerkritik sorgt. Die Mängel im zweiten Punkt untermauerte auch im vergangenen Jahr eine Untersuchung der OECD: Nur 6 % der tschechischen Schüler in Berufsausbildung absolvieren eine kombinierte schulische und betriebliche Ausbildung mit einem starken Praxisbezug. In Deutschland sind es 40 und in der Schweiz sogar 59 %, wie die Kammer mitteilt. „Für die Unternehmen zählt vor allem die Formel mindestens ‚halb und halb‘ für das Verhältnis von Ausbildung in Schule und Betrieb. Das ist entscheidend für die ‚Praxistauglichkeit‘ der Absolventen. Wir begrüßen, dass der Schulminister Stanislav Štěch das duale System als eine Zielvorstellung nennt“, sagte Bernard Bauer, Geschäftsführer der AHK Tschechien.

Arbeitskräfte aus dem Ausland sollen Tschechien helfen

Als „größtes wirtschaftliches Problem und eine Wachstumsbremse“ bezeichnete auch Rudolf Jindák, außenpolitischer Chef der Kanzlei des tschechischen Präsidenten, den Fachkräftemangel. Die tschechische Wirtschaft und Gesellschaft müssten geöffnet werden – nicht nur für Kapitalfluss, sondern auch für Arbeitskräfte aus dem Ausland. Jindák distanzierte sich bei einem Gastvortrag vor der Kammer von der Haltung der Regierung, nur vorübergehend ausländische Leiharbeiter ins Land zu holen. „Wir sollten uns bemühen, Menschen nach Tschechien zu holen, die dauerhaft hier bleiben und arbeiten möchten“, sagte er, vor allem aus Mitgliedstaaten der EU.

Jindrák bat die Vertreter der deutsch-tschechischen Wirtschaft, trotz des Fachkräftemangels im Land zu bleiben und weiterhin zu den guten Beziehungen beider Länder beizutragen. „Ausländische Investoren hier zu halten, ist eine der großen Aufgaben der tschechischen Regierung“, berichtete er. Auch Präsident Miloš Zeman sei sich dessen bewusst, wie groß das Problem des Fachkräftemangels für die Wirtschaft sei, und man arbeite an weiteren Maßnahmen.

Auf der anderen Seite erweist sich der Fachkräftemangel als Treiber für Investitionen. So ausgabenfreudig wie 2018 zeigten sich die Unternehmen in der Kammerumfrage noch nie. 55 % der Betriebe rechnen mit steigenden Investitionsausgaben, ein Zuwachs von 14 % zum Vorjahr. „Ein Gutteil dieser Gelder dürften Investitionen in Digitalisierung und Automatisierung sein. Viele Betriebe erhoffen sich damit auch mehr Unabhängigkeit vom Arbeitsmarkt“, analysiert Krüger.

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 Stéphane Itasse

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, MM MaschinenMarkt