Igus Türkei: Ein derzeit kleiner Markt weckt große Erwartungen

Autor: Stéphane Itasse

Ob Gleitlager oder Energieketten – wenn Kunststoff in Bewegung ist, ist oft auch die Kölner Igus GmbH dabei. Das vor gut 50 Jahren gegründete Unternehmen ist heute Weltmarktführer in diesen Bereichen und daher mit 2400 Mitarbeitern in 80 Ländern auf dem Globus vertreten, meistens über Händler. Auf 36 dieser Märkte setzt Igus jedoch auf eigene Filialen, neuerdings auch in der Türkei.

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Energieketten von Igus sind in der Türkei immer mehr gefragt, weshalb das Kölner Unternehmen eine eigene Filiale in Istanbul eröffnet hat.
Energieketten von Igus sind in der Türkei immer mehr gefragt, weshalb das Kölner Unternehmen eine eigene Filiale in Istanbul eröffnet hat.
(Bild: Igus)

Die Türkei ist bei uns schon sehr lange im Fokus, seit acht oder neun Jahren haben wir überlegt, dort eine eigene Filiale aufzumachen“, sagt Artur Peplinski, Prokurist International Group Development bei Igus. Gründe dafür seien die dynamische Wirtschaftsentwicklung in der Türkei, aber auch die Beobachtung, dass viele Igus-Kunden aus Deutschland in dem Land am Bosporus eine Fertigung eröffnen. Ausschlaggebend sei schließlich gewesen, dass die Produktvielfalt für den lokalen Händler Hidrel, mit dem Igus seit 20 Jahren in der Türkei zusammenarbeitet, zu groß wurde. Dabei setzt der Kölner Kunststoffspezialist weiter auf die lange erfolgreiche Kooperation: Eine Aufgabe der Filiale ist es, den Händler vor Ort zu unterstützen, wie Peplinski erläutert. Daneben betreut die Igus-Filiale eigene Schlüsselkunden und neue Industriefelder. Ziel ist es, gemeinsam mit dem Händler auf diesem wichtigen Markt zu wachsen.

Mit viel Schwung ist Igus in den türkischen Markt eingetreten, obwohl der dortige Markt für das Unternehmen noch vergleichsweise klein ist. „Aktuell macht die Türkei unter 1 % des internationalen Igus-Umsatzes aus“, sagt Peplinski.

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Entscheidend ist die Zukunft

Viel wichtiger sei jedoch die Frage: „Was passiert in Zukunft?“ Und hier siedelt er die Türkei für Igus hoch an: Nicht nur wegen der vergleichsweise jungen, immer noch wachsenden Bevölkerung, sondern auch wegen der gut ausgebildeten Ingenieure. „Da passiert viel und ich erwarte, dass wir in den kommenden Jahren noch mehr Wertschöpfung in der Türkei sehen werden.“ In Istanbul hat sich Igus auf der asiatischen Seite in der Nähe wichtiger Kundenbranchen angesiedelt. „Dort finden sich Cluster für Automotive, Verpackung, Werkzeugmaschinen und etwas weiter die Textilindustrie – alles große Branchen, in denen Igus generell sehr aktiv ist“, sagt Peplinski. „Allerdings finden wir jede Industrie, die Igus intensiv bearbeitet, in der Türkei wieder.“

Für die weitere Erschließung des türkischen Marktes hat sich Igus bewusst keine festen Zeitpläne gegeben. „Wir schauen Schritt für Schritt, was wir für den Kunden machen.“ Das gelte auch für weitere Aufgaben neben dem Vertrieb wie Konfektionierung oder Engineering. „Wir nehmen uns die Zeit und wollen den lokalen Markt kennenlernen“, sagt der Igus-Prokurist.

Für den Geschäftsführer in der Türkei setzt Igus bewusst auf einen Einheimischen. „Es ist in Deutschland sicherlich möglich, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, die auch die türkische Kultur sehr gut kennen“, sagt Peplinski. „Ich wollte jedoch unbedingt jemanden einstellen, der in der Türkei groß geworden ist, weil ich meine, dass kulturelle Feinheiten langfristig sehr wichtig sind.“ Das Verständnis für lokale Gegebenheiten und die Kunden habe für ihn einen so hohen Stellenwert, dass Peplinski auch akzeptiert, dass es mehr Arbeit bedeutet, wenn man sich selbst mit einer anderen Kultur auseinandersetzen muss.

Umso mehr freut es ihn, wenn er Ideen aus den fremden Märkten aufgreifen kann: „Viele Innovationen entstehen bei uns durch direkte Anregungen der Kunden. Solche Informationen bekommen wir vielleicht nicht, wenn wir nicht so tief im Markt drin sind.“ Daraus ergibt sich für ihn auch der größte Vorteil einer eigenen Filiale im Vergleich zur Markterschließung über Händler: „Ein Händler hat seine eigenen Interessen, das ist normal, und gibt vielleicht nicht alle Informationen an uns weiter. Mit der Filiale haben wir eigene Augen und Ohren im Markt.“

Lokale Expertise ist wichtig

Auch für die Vorbereitungen setzt Peplinski auf lokale Expertise: „Ich würde empfehlen, mit einer lokalen Beratungsgesellschaft anzufangen, sowohl für die Personalsuche als auch für die Firmengründung.“ Insbesondere die bürokratischen Gegebenheiten seien in der Türkei nicht so einfach, wie der Igus-Prokurist anhand eines Beispiels erläutert: „In der Türkei macht die Finanzbehörde, anders als bei uns, ein bis zwei Wochen nach der Firmengründung eine Begehung und kontrolliert, ob das Büro wirklich wie ein Büro ausgestattet ist. Wir hatten die Gründung online gemeldet – und da war das Finanzamt schon nach zwei Stunden da.“ Da niemand bei Igus mit einer so schnellen Reaktion gerechnet hatte, war das Büro auch noch nicht ausgestattet, weshalb die Genehmigung zunächst verweigert wurde und erst nach einer zweiten Begehung kam. Umgekehrt können manche bürokratischen Prozesse nach Auskunft von Peplinski auch länger als erwartet dauern.

Man müsse in der Türkei sehr viel Geduld und sehr viel Zeit mitbringen, bilanziert er. „Von den sechs Niederlassungen, die wir in den vergangenen zwölf Monaten gegründet haben, war das die komplizierteste. Wenn die behördlichen Aufgaben allerdings erledigt sind, dann funktioniert alles zu 100 %.“ MM

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