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Und sie drehen sich doch

28.09.2006 | Redakteur:

Konzentrationsprozesse in der Wälzlagerindustrie formen vor allem in Europa neue Allianzen. Von den einen wurde sie als ,,fränkische Provinzposse" abgekanzelt, von den anderen als Niedergang der mit...

Konzentrationsprozesse in der Wälzlagerindustrie formen vor allem in Europa neue Allianzen Von den einen wurde sie als ,,fränkische Provinzposse" abgekanzelt, von den anderen als Niedergang der mit der Industriestadt Schweinfurt eng verbundenen Unternehmerfamilie Schäfer bedauert: die Übernahme der FAG Kugelfischer Georg Schäfer AG durch die INA-Gruppe, Herzogenaurach. Noch bis Anfang der neunziger Jahre war FAG das deutlich größere Unternehmen, ebenfalls im Besitz einer Familie Dr.-Ing. Jürgen M. Geißinger, in Personalunion FAG-Vorstandsvorsitzender und Vorsitzender der Geschäftsführung der INA Holding Schaeffler KG, begründete auf der FAG-Hauptversammlung am 6. Juni den Abschluss eines Beherrschungsvertrages mit der ,,Sandwichposition der Wälzlagerhersteller". Auf der einen Seite nähme eine immer konzentrierter auftretende Abnehmermacht wie die Automobilindustrie und auf der Lieferantenseite eine immer größer und stärker werdende Stahlindustrie die Wälzlagerproduzenten in die Klemme. Um in dieser Wettbewerbssituation zu bestehen, sollten die Kräfte von FAG und INA, so Geißinger, gebündelt werden. Dies böte sich insbesondere im Vertrieb an, bei der Produktentwicklung und bei der Schaffung neuer Geschäftsfelder, wobei Geißinger betonte: ,,FAG bleibt eine eigene Marke und ein eigener Teilkonzern innerhalb der INA-Gruppe."So gesehen stärkt die Übernahme von FAG durch INA die Wettbewerbsposition von INA und ist gleich-zeitig das Ergebnis eines zunehmenden Konzentrationsprozesses in der Wälzlagerindustrie. Eine Commerzbankstudie aus dem Jahr 1998 wies damals schon darauf hin, dass nach dem ökonomischen Boom von 1988 bis 1989 der Nachfrageeinbruch von 1991 bis 1993 eine erneute Konzentrationswelle nach sich zog. Welche Ausmaße der Konzentrationsprozess angenommen hat, zeigen die Zahlen, die eine IG-Metall-Branchenanalyse 2001 der Wälzlagerindustrie in Schweinfurt ermittelte: Von 27 großen Wälzlagerherstellern in Jahr 1978 sind bis 1998 nur 12 übrig blieben. Bis auf drei Allianzen, so Branchenkenner, könne sich der Konzentrationsprozess fortsetzen, womit die ohnehin unverkennbaren oligopolistischen Züge noch stärker betont werden. Heute decken etwa sechs Produzenten - und zwar in der Reihenfolge SKF (an erster Stelle), gefolgt von INA/FAG, NSK, NTN, Koyo und Timken - knapp 75% des Marktes ab, dessen Volumen von Lars G. Malmer, Sprecher der SKF-Gruppe in Göteborg, auf etwa 20 Mrd. Dollar beziffert wird. Oligopolistische Züge prägen den Markt Innerhalb dieses Ranking unterscheidet eine Besonderheit INA von den anderen großen Herstellern: INA, das wohl größte in Familienbesitz befindliche deutsche Unternehmen betreibt eine ausgesprochen zurückhaltende Informationspolitik oder, anders ausgedrückt, das Unternehmen ist außerordentlich verschwiegen und veröffentlicht keine Unternehmensergebnisse.,,Wir müssen nicht in die Öffentlichkeit, unsere Kunden kennen uns - das reicht", sagte INA-Gesellschafterin Maria-Elisabeth Schaeffler am Rande der FAG-Hauptversammlung im Juni gegenüber dem Handelsblatt. Während der gleichen Veranstaltung bezeichnete der Lenker des operativen Geschäftes bei INA und FAG, Geißinger, den Wälzlagermarkt ,,als einen reifen Produktmarkt" mit einem langfristigen Marktwachstum von durchschnittlich etwa 2 bis 3% im Jahr. Geißinger: ,,In einem kapitalintensiven Geschäft wie dem unseren, mit hohen Größendegressionseffekten, führte diese Konstellation in der Vergangenheit oft zu Preiswettbewerb und Margenerosion der meisten Wettbewerber."Das Entwicklungspotenzial ist lange nicht ausgeschöpft In Schweden, bei SKF, dem größten Wälzlagerhersteller der Welt, ist man dagegen anderer Meinung. Solange bahnbrechende Entwicklungsfortschritte bei Wälzlagern zu erzielen seien, könne nicht von einem reifen Markt gesprochen werden, so SKF-Sprecher Lars G. Malmer. Er führt als Beispiel die vor einigen Jahren neu entwickelte Generation von Pendelrollenlagern an. Diese ,,Explorer" genannten Lager verfügen über eine dreimal höhere Haltbarkeit als vergleichbare Pendelrollenlager.,,Wir sind nicht der Ansicht, dass es zutrifft, von einem reifen Produkt zu sprechen, solange solche Fortschritte realisiert werden können", betont Malmer. Darüber hinaus eröffne die Integration von Elektronik und Sensoren in das Lager vielfältige Möglichkeiten. So habe SKF beispielsweise im Jahr 2001 42 Millionen Hub Bearing Units - in einer Einheit sind verschiedene Komponenten wie das eigentliche Lager, Dichtungen und Schmierstoffe integriert - an die Automobilindustrie verkauft. Das entspricht mehr als einem Viertel des Weltmarktvolumens. Wachstum sei durchaus auch im Service-Bereich möglich. Hier hat sich SKF bereits eine führende Position erarbeitet.Ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Wälzlagerindustrie erleichtert das Verständnis für die aktuelle Entwicklung. Im Jahr 1907 wurde der SKF Konzern von Sven Wingqvist in Göteborg/Schweden gegründet. Etwa 80% des Konzernumsatzes machen Wälzlager aus, Dichtungen 13% und Spezialstähle 8%. SKF produziert 22 000 Wälzlagervarianten für die Automobilindustrie, den Maschinenbau, die Elektrotechnik und spezielle Anwendungen. Nahezu 55% des Konzernumsatzes werden in Europa erzielt, 25% in Nordamerika und 20% im Rest der Welt. Die Wurzeln der im unterfränkischen Schweinfurt ansässigen deutschen SKF GmbH gehen auf die 1929 gegründeten Vereinigten Kugellagerfabriken (VKF) zurück. Dieser Zusammenschluss von SKF Norma (Berlin), Fries und Höpflinger (Schweinfurt), Wälzlagerbereich der Fichtel und Sachs AG (Schweinfurt), Riebe-Werk (Berlin), Maschinenfabrik Rheinland (Düsseldorf) und Wälzlagerabteilung der Berlin-Karlsruher Industriewerke AG (Berlin) wurde 1953 umbenannt in SKF Kugellagerfabriken GmbH. Nach vor kurzem veröffentlichten Zahlen für das zweite Quartal 2002 erhöhte SKF leicht den Gewinn bei gleich bleibendem Umsatz. Die Gruppe erwartet eine wirtschaftliche Erholung und damit eine höhere Nachfrage in mehreren Regionen und Segmenten und wird daher ihre Produktion erhöhen. Gewachsen ist der Umsatz vor allem in Asien und in Nordamerika - deutlich bei der Autozulieferung, zaghaft in der übrigen Industrie -, während die Verkäufe in Europa schwach blieben. Der Betriebsgewinn im zweiten Quartal 2002 stieg auf 111 (104) Mio. Euro bei einem Umsatz von 1,18 Mrd. Euro. Ebenfalls um die Jahrhundertwende kaufte der Schweinfurter Kugellagerfabrikant Georg Schäfer das älteste, aber nicht mehr vom Erfolg begünstigte Unternehmen der Branche, die ,,Erste Automatische Gußstahlkugelfabrik, vormals Friedrich Fischer". Zusammen mit den beiden Gründerfamilien bilden die drei Buchstaben seit 1979 den Namen des Unternehmens: FAG Kugelfischer Georg Schäfer. 1978 wird die FAG Kugelfischer Georg Schäfer & Co. in eine Kommanditgesellschaft, 1983 in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien umgewandelt. 1985 erfolgt dann der Gang an die Börse. Am 1. Juli 1993 wandelt sich die KGaA in eine Aktiengesellschaft. Im gleichen Jahr beginnt unter dem Stichwort ,,Fokussierung auf das Kerngeschäft" ein umfangreiches Restrukturierungsprogramm mit der Konzentration auf die Kerngeschäfte Wälzlager sowie die Näh- und Fördertechnik. Das ist dringend notwendig. Denn FAG hatte sich nach der Grenzöffnung in den neuen Bundesländern engagiert und die acht Wälzlagerwerke der Deutschen Kugellagerfabriken (DKF) übernommen. Das Unternehmen stand am Rand des Zusammenbruchs. Die ,,Notbremse" im Krisenjahr 1993 greift, die neue kundenorientierte Konzernstruktur spiegelt sich in den Geschäftseinheiten wider: Automobiltechnik, Industrielager, Komponenten sowie Luft- und Raumfahrt samt Präzisionslager. Der Umsatz lag im Jahr 2001 bei 2,2 Mrd. Euro, die Mitarbeiterzahl bei 18 000. Am 17. September 2001 hat die INA Holding Schaeffler KG ein öffentliches Kaufangebot an die FAG-Aktionäre abgegeben. Fünf Wochen lang dauerte die Auseinandersetzung, dann empfahl der FAG-Vorstand die Annahme des erhöhten Angebots von 12 Euro pro Aktie. Die INA-Gruppe verfügt heute über rund 90% des Grundkapitals der FAG Kugelfischer Georg Schäfer AG. Hielte INA 95%, dann wäre ein Squeeze out, das heißt ein Hinausdrängen der restlichen Kleinaktionäre per Barabfindung möglich.Nadellager dominierten anfangs die INA-Produktion Während bei SKF und FAG das gesamte Wälzlagerprogramm im Vordergrund steht, wurde anfangs die Produktion bei INA - historisch bedingt - sehr stark von Nadellagern dominiert. Wälzlager ist der Oberbegriff für Lager, die aufgrund der Wälzkörper als Kugel-, Rollen- oder Nadellager bezeichnet werden. Nadellager haben im Vergleich zu Rollenlagern geringeren Querschnitt und größere Länge und können so Platz sparend eingebaut werden. INA wurde 1946 von den Brüdern Dr. Wilhelm und Georg Schaeffler in Herzogenaurach gegründet und ist bis heute in Familienbesitz. Maria-Elisabeth Schaeffler und ihrem Sohn Georg F. W. Schaeffler gehören ein Konzern (ohne FAG), dessen 34 000 Mitarbeiter einen Umsatz von geschätzten 4 Mrd. Euro erwirtschaften. Mit FAG wird der Umsatz auf 6,4 Mrd. Euro geschätzt und die Mitarbeiterzahl auf 52 000 addiert. Die Konzentration auf die Produktnische Nadellager wurde mit der Zeit nach und nach aufgeweicht, so dass heute auch andere Wälzlagerarten und Motorenelemente für die Hälfte des Unternehmensumsatzes sorgen. 30% des Geschäfts stammen aus der Erstausrüstung für den klassischen Maschinenbau. Die restlichen 20% verteilen sich auf unterschiedliche Abnehmergruppen. Der Auslandsumsatz macht rund 60% aus, so die Branchenanalyse der IG Metall. NSK ist Japans größter Wälzlagerhersteller und nimmt den dritten Platz unter den weltweit größten Herstellern ein. Der Konzern produziert seit 81 Jahren Wälzlager. Sie machen nahezu 64% des Konzernumsatzes aus, Automobilkomponenten 22% und Präzisionsmaschinenteile 8%. NTN folgt NSK auf dem zweiten Platz des japanischen Wälzlagermarktes. Wälzlager machen ungefähr 71% des Konzernumsatzes aus und Maschinenteile und andere Aktivitäten 29%. Koyo Seiko ist die Nummer drei in Japan. Die Wälzlagerproduktion umfasst 62% des Konzernumsatzes, Maschinenteile und andere Aktivitäten 29%. Sich seiner Qualitäten bewusst sein Der nordamerikanische Wälzlagerhersteller Timken, der als Kegelrollenlagerproduzent bekannt ist, nimmt Platz 6 der Rangfolge ein. Henry Timken gründete mit seinen Söhnen das Unternehmen im Jahr 1899. 66% des Umsatzes entfallen auf Wälzlager, 34% auf Stahl. Es tut sich nach wie vor einiges im Wälzlagermarkt, obwohl die Branchenanalyse der IG Metall zu dem Schluss kommt, dass besonders die USA und Europa von dem starken Konzentrationsprozess der Branche betroffen waren. Um im Markt zu bestehen, empfehlen Experten einerseits die Spezialisierung auf Marktsegmente, in denen man Kostenführerschaft erringen kann und andererseits das Vorantreiben von Produktinnovationen. Vor allem aber sei man sich seiner Stärken bewusst, lassen die Skandinavier verlauten: und diese Stärken liegen in der Produktqualität, der Zuverlässigkeit des Service und der weltweiten Präsenz.

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