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Porträt Paul Horn

Vom „Käpsele“ zum Innovator

| Autor/ Redakteur: Christian Thiele / Mag. Victoria Sonnenberg

Mit fast 1000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mehr als 197 Mio. Euro 2018 ist die Paul Horn GmbH heute einer der größten industriellen Arbeitgeber in Tübingen. Und wie so oft sollte auch diese Erfolgsgeschichte in einer Garage beginnen.

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Paul Horn und Mitarbeiterinnen in seinem Büro.
Paul Horn und Mitarbeiterinnen in seinem Büro.
(Bild: Horn)

Als Paul Horn, Jahrgang 1920, eine Garage in Metzingen anmietete, war er noch als Vertreter bei der Hartmetall-Werkzeugfabrik Hertel tätig. Schon damals hatte der Gründer in spe eine klare Vorstellung davon, worauf der Erfolg des künftigen Unternehmens aufbauen sollte. Lothar Horn erinnert sich: „Mein Vater wusste, dass ein Massenhersteller wie Hertel sozusagen in Tonnagen dachte und den Bedarf nach hoch spezialisierten Werkzeugen in kleinen Stückzahlen nicht wirtschaftlich decken konnte.“

Einstechwerkzeuge für die Nutenbearbeitung

Diese Lücke am Markt sollte die Firma Horn schließen, und zwar spezialisiert auf die Fertigung von Einstechwerkzeugen für die Nutenbearbeitung. Zu den wenigen Zeitzeugen, die aus erster Hand berichten können, zählt Rudolf Nagel, der im April 1971 bei Horn einstieg: „Wir betrieben anfangs ausschließlich Lohnfertigung; unsere Werkzeugdesigns kamen von den jeweiligen Kunden. Mit der Wendeschneidplatte Typ 312 kam dann 1972 die erste Eigenentwicklung auf den Markt.“

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Wendeschneidplatten existierten bereits, aber für die Präzisionsbearbeitung war es bisher keinem Werkzeugbauer gelungen, sie im Klemmhalter exakt genug zu montieren. Als erster Hersteller überhaupt setzte Horn aufgeschraubte Wendeschneidplatten mit vorstehenden Schneidkanten ein, die sicher justiert und schnell gewechselt werden konnten. Der Erfolg stellte sich schnell ein und das wirtschaftliche Wachstum verlangte nach anderen Strukturen. Deshalb vergrößerte man sich 1981. Kaum acht Jahre nach dem Umzug musste das erste Mal angebaut werden. Am 29. März 1982 trägt man dem Wachstum Rechnung und wird vom Einzelunternehmen zur GmbH.

Technologisch hatte sich Horn als Hersteller präziser Einstechwerkzeuge mittlerweile etabliert. Ein zunehmend breites Portfolio, das je nach Kundenanforderung immer wieder um Sonderwerkzeuge erweitert wurde, deckte nahezu alle Formen der Nutenbearbeitung ab. Allein in einem Bereich war Horn bislang nicht mit entsprechenden Lösungen präsent: Werkzeuge zur Innenbearbeitung von Bohrungen mit weniger als 20 mm Durchmesser. Diese Lücke im Portfolio begann Horn 1986 mit der Markteinführung des sogenannten Mini-Systems zu schließen, das eine Innenbearbeitung von Bohrungen ab 20 mm Durchmesser ermöglichte. Das System hatte den erwarteten kommerziellen Erfolg und wurde beständig weiterentwickelt. Noch einen Schritt weiter ging das 1989 auf der EMO in Hannover vorgestellte Supermini-System.

Eigenentwicklungen und Modifikationen von Maschinen wurden zum Markenzeichen

Supermini war vergleichsweise teurer und auch die Vorteile der Wendeschneidplatte kamen nicht mehr zum Tragen, aber durch die Bauweise aus einem Guss konnte es auch die kleinsten Bohrungen innenbearbeiten. Um das Supermini-System fertigen zu können, entwickelte Horn mit Investitionskosten von 1,1 Mio. D-Mark eigens eine spezielle Schleifmaschine. Die Eigenentwicklung und weitgehende Modifikation von Fertigungsmaschinen wurde später ein Markenzeichen von Horn.

Frischer Wind mit Lothar Horn

Zum Glücksfall wurde der Einstieg des Sohns Lothar 1991 in die väterliche Firma. Der frische Wind ist auch noch im Rückblick spürbar: Im Juni 1991 wurde die Horn Hartstoffe GmbH gegründet. Das Tochterunternehmen stellte von nun an Hartmetallrohlinge in Eigenregie her. Und noch eine weitere Richtungsentscheidung traf die Geschäftsleitung auf Anregung von Lothar Horn in den frühen 1990er-Jahren: Horn beendete die bisherige Zusammenarbeit mit freien Handelsvertretern und baute stattdessen eine eigene Vertriebsorganisation und Anwendungstechnik auf.

Dieser Prozess, der 1992 begann und nach etwa fünf Jahren abgeschlossen war, verbesserte die Marktdurchdringung und die Qualität der Kundenberatung erheblich, weil der Vertrieb sich nun exklusiv auf die Marke Horn konzentrierte. Nicht zuletzt dadurch sollte Horn in den Folgejahren mehrere Wachstumsschübe verzeichnen. Insgesamt stiegen die Jahresumsätze zwischen 1992 und 2002 von 35,7 Mio. D-Mark auf 58,6 Mio. Euro – ein Plus von 221 %. Dazu dürfte auch die Internationalisierung beigetragen haben, welche Lothar Horn ebenfalls vorantrieb. 1993 wurde das Unternehmen Horn France ins Leben gerufen und legte damit den Grundstein für die internationale Aufstellung der Horn-Gruppe. Zwei Jahre darauf entstand Horn UK. 1998 expandierte die Horn-Gruppe in die USA und im Jahr 2001 ging es nach Ungarn.

Eröffnung der Horn Akademie

Mit der Eröffnung der Horn Akademie fiel 2012 der Startschuss für ein breit angelegtes Aus- und Weiterbildungsprogramm im Bereich Metallbearbeitung. Da bislang in der Region kein Ausbildungsgang existierte, der das für die Produktion von Hartmetallwerkzeugen relevante Know-how voll und ganz vermittelte, entwickelte die Horn Akademie mit der Zusatzqualifikation „Industriefachkraft für Schneidwerkzeugtechnik (IHK)“ kurzerhand ein eigenes Berufsprofil. Und auch an der Spitze bewies Horn die Fähigkeit zur Erneuerung: Zum Jahresanfang 2017 trat der 34-jährige Markus Horn, Enkel des Firmengründers, als Leiter IT und Mitglied der Geschäftsführung ins Unternehmen ein. Neben Lothar Horn sollte er ab dem folgenden Jahr gleichberechtigt die Geschäfte des Familienunternehmens führen – mit gleichen Grundwerten, aber auch neuen Ansätzen.

* Christian Thiele ist Pressesprecher der Hartmetall-Werkzeugfabrik Paul Horn GmbH in 72072 Tübingen, Tel. (0 70 71) 70 04 18 20, christian.thiele@phorn.de

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