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Porträt

Waldrich Siegen: In 175 Jahren zum Mythos

| Redakteur: Rüdiger Kroh

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Für seine Großwerkzeugmaschinen, wie hier eine Hobelmaschine aus den 1950ern, ist Waldrich Siegen weltweit bekannt.
Für seine Großwerkzeugmaschinen, wie hier eine Hobelmaschine aus den 1950ern, ist Waldrich Siegen weltweit bekannt.
(Bild: Waldrich Siegen)

Ein Gewicht von 800 t, 48 m lang, 12,5 m breit und 11,5 m hoch: Das waren die beeindruckenden Dimensionen der seinerzeit größten Portalfräsmaschine der Welt. Sie wurde im Jahr 1974 von Waldrich Siegen an den dänischen Antriebsherstellers Burmeister & Wain nach Kopenhagen geliefert für die Bearbeitung von Langhub-Zweitaktmotoren mit 48.000 PS für Supertanker und Containerschiffe. Giganten der Zerspanung haben den Weg des Siegerländer Unternehmens über 175 Jahre hinweg begleitet. Allein seit 1928 – ältere Aufzeichnungen gibt es nicht mehr – wurden 3332 Großwerkzeugmaschinen ausgeliefert. Das sind knapp 40 Maschinen pro Jahr. Und so fand auch die Jubiläumsfeier im vergangenen September vor dem Hintergrund einer beleuchteten Profi-Mill-Portalfräsmaschine statt.

1840 als Schmiede gegründet

Dabei hatte alles viel kleiner angefangen. Im Jahre 1840 gründete Heinrich Adolf Waldrich im Siegener Stadtteil Sieghütte eine kleine Schmiede. Reparaturarbeiten für die Nachbarunternehmen bestimmten in der Anfangszeit den Arbeitsalltag. 23 Jahre nach der Gründung wurde im Unternehmen die erste Dampfmaschine gebaut – der Start von Waldrich Siegen als erfolgreiches Maschinenbauunternehmen. In den Jahren 1897/98 folgte dann die erste Walzendrehbank, die an die Engelhardt Achenbach seel. Söhne in Kreuztal geliefert wurde. Dieses Produkt ist noch heute Teil des Produktportfolios.

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1906 trat Oskar Waldrich in das Unternehmen mit seinen mittlerweile 20 Mitarbeitern ein. Unter seiner Leitung spezialisierte sich Waldrich Siegen auf den Bau von Großwerkzeugmaschinen. Bald belieferte man die großen Walzwerke an Ruhr und Saar. Oskar Waldrich stand fast ein halbes Jahrhundert an der Spitze des Unternehmens. Mit seiner außerordentlichen technischen und strategischen Begabung machte er aus dem Unternehmen einen weltweit führenden Produzenten von Großwerkzeugmaschinen. Die Mitarbeiterzahl stieg von 125 im Jahr 1925 auf über 1100 Beschäftigte 1936.

Oskar Waldrich prägt das Unternehmen

Luftangriffe zerstörten 1944/1945 die inzwischen drei Waldrich-Siegen-Werke. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden alle noch funktionsfähigen Maschinen von den englischen Besatzungsmächten demontiert und nach England transportiert. Erst 1949, nach seiner Internierung und Entnazifizierung, begann Oskar Waldrich mit dem Wiederaufbau des Unternehmens, dessen Belegschaft nur noch 75 Köpfe zählte. Bereits 1951 wurden erste kleine Fräsmaschinen gebaut und 1953 waren bereits 1250 Menschen bei Waldrich Siegen beschäftigt.

Ende der 1950er-Jahre holten die Siegerländer die leistungsstarke Fräsmaschinentechnologie in Portalbauweise aus den USA nach Deutschland, um damit die unterlegenen deutschen Fräs- und Hobelmaschinen zu ersetzen. Es kommt zum Joint Venture mit der Ingersoll Milling Machine Co. in Rockford/Illinois.

1967 starb Oskar Waldrich im Alter von 87 Jahren. In einer von ihm vorbestimmten, in staatsmännischem Format inszenierten Trauerfeier nehmen 1000 Gäste Abschied von dem Patriarch. Auf dem 5 m breiten Tisch einer Hobelmaschine unter einem stählernen Portal steht der Sarg. Das Siegerland-Orchester spielt Mozart, Dvorak und Bach.

Ingersoll übernimmt Waldrich Siegen

Vier Jahre später wurde das Unternehmen an die Ingersoll Milling Machine Company verkauft, die den Firmensitz von Siegen nach Burbach verlegte. Dort entstanden auf der grünen Wiese moderne Produktions- und Montagehallen und ein neues Verwaltungsgebäude. Doch der anfängliche Erfolg war nicht von Dauer und so mussten aus Liquiditätsgründen gewinnbringende Produktionsbereiche aus der Ingersoll-Gruppe in Deutschland verkauft werden. Nur kurze Zeit später meldete Ingersoll in den USA Insolvenz an. Auf Druck der amerikanischen Gläubigerbanken mussten die zur deutschen Ingersoll-Gruppe gehörenden Firmen Waldrich Siegen und Waldrich Coburg verkauft werden.

„In der 33 Jahre währenden Ingersoll-Ära hatten Manager und keine Familien-Unternehmer das Sagen. Sie haben eher auf Bilanzzahlen geachtet statt Gewinne für schlechte Zeiten und für Investitionen anzusammeln”, beschreibt der heutige Waldrich-Siegen-Geschäftsführer Christoph Thoma die damalige Situation. „Unter dem Strich wurde zu wenig investiert und zu wenige Produktinnovationen betrieben.”

Integration in die Herkules Group

Thoma war es auch, der am 26. Januar 2004 in seiner Funktion als geschäftsführender Gesellschafter der Herkules Group im Rahmen des Insolvenzverfahrens die beiden Waldrich-Firmen im vorgeschriebenen Paket ersteigerte. Während Waldrich Coburg wieder verkauft wurde, gelang bei Waldrich Siegen die erfolgreiche Integration in die Herkules Group. „Nach zwei Jahren erreichte das Traditionsunternehmen mit dem Verkauf von Walzenbearbeitungsmaschinen und Großdrehmaschinen gute Umsatzrenditen“, erklärt Christoph Thoma.

Es wurde wieder in das eigene Produktportfolio investiert und 2009 kam mit der der Profi-Mill-Reihe ein komplett überarbeiteter Portalfräsmaschinentyp auf den Markt. Die modular aufgebauten Maschinen überzeugen mit hoher Leistung und Drehmoment sowie den hydrostatischen Führungen. 2013 wurde das Produktportfolio dann durch die Vertikaldrehmaschine Profi-Turn V erweitert.

Heute ist Waldrich Siegen ein unabhängig geführtes Unternehmen innerhalb der Herkules Group, das eigenständig am Markt auftritt. Seine Bedeutung für das Siegerland machte Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der IHK in Siegen, auf der Feier zum 175-jährigen Bestehen deutlich: „Es gibt viele Firmen, die eine so lange Geschichte haben wie Waldrich Siegen, aber wenige Firmen stehen für eine ganze Region, werden synonym gesetzt mit ihrer Wirtschaft. Waldrich Siegen ist für diese Region ein Mythos.“

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