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Präzisionswerkzeuge

Werkzeug-Lösungen statt Werkzeuge von der Stange

| Redakteur: Rüdiger Kroh

Einen minimalen Zuwachs von 2% erwartet Lothar Horn, Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge, 2010 für seine Branche. Im MM-Interview spricht er aber auch über die zukünftigen Perspektiven und Anforderungen an die Werkzeughersteller.

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„Als die momentan größte Herausforderung für uns alle betrachte ich es, unsere hochqualifizierten Mitarbeiter über diese Krise hinweg im jeweiligen Haus zu behalten“, sagt Lothar Horn, seit September 2009 Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge.
„Als die momentan größte Herausforderung für uns alle betrachte ich es, unsere hochqualifizierten Mitarbeiter über diese Krise hinweg im jeweiligen Haus zu behalten“, sagt Lothar Horn, seit September 2009 Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge.
( Archiv: Vogel Business Media )

Herr Horn, Sie sind seit September 2009 neuer Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge. Mit welchen Zielen haben Sie Ihr Amt angetreten und wo wollen Sie die Schwerpunkte Ihrer Arbeit setzen?

Horn: Es sind im Wesentlichen fünf Punkte, die ich mir vorgenommen habe, wobei die Reihenfolge keine Wertigkeit darstellt. Der erste Punkt ist, dass der Stellenwert der Präzisionswerkzeughersteller in der Produktionskette weiter erhöht und auch die allgemeine Anerkennung in Wirtschaft und Gesellschaft gesteigert werden muss. Diese 3% Kosten, die für das Werkzeug immer definiert werden, sind im gesamten Prozess relativ wichtig. Das begonnene Umdenken will ich weiter forcieren.

Ein leidiges Thema, das uns alle betrifft, ist die Produktpiraterie, die einen immensen wirtschaftlichen Schaden verursacht. Dagegen will ich entsprechend vorgehen. Der nächste Punkt ist, dass den meist mittelständisch geprägten Präzisionswerkzeugherstellern auf der Kundenseite oft Großabnehmer gegenüberstehen. Der Fachverband sollte hier versuchen, eine Vermittlerrolle einzunehmen. Viertens stelle ich mir vor, dass beim Thema neue Märkte der Verband die Mitgliedsfirmen verstärkt mit Informationen unterstützt.

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Der letzte Punkt zielt darauf ab, jungen Menschen den höchst interessanten Ausbildungs- und Berufsweg in den Unternehmen des Fachverbandes nahezubringen. Ich denke, da muss man auch in wirtschaftlich kritischen Zeiten klar Position beziehen, damit man für die Hochzeiten, die wieder kommen werden, gerüstet ist.

Wie wollen Sie denn konkret erreichen, dass ihre Kunden vermehrt die Bedeutung des Gesamtprozesses berücksichtigen?

Horn: Dafür ist die Zusammenarbeit über die gesamte Bandbreite, vom Maschinenhersteller bis zum Steuerungsanbieter, lebensnotwendig. Die Entwicklung geht weg vom Kauf der einzelnen Komponenten, die die Unternehmen selbst zusammenstellen. Unsere Kunden benötigen einen Prozess, und den muss ich umsetzen, beginnend bei der Maschine bis zum Werkzeug.

Sie haben den Vorsitz in einer für die Werkzeugbranche schwierigen Zeit übernommen. Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung für das laufende Jahr?

Horn: Zuerst ein kleiner Rückblick, wenn Sie gestatten. Wir haben seit April 2008 sehen können, dass eine wirtschaftliche Beruhigung stattfindet. Wir hatten schon Überkapazitäten im Fahrzeugbereich. Einer weltweiten Fertigungskapazität von 66 Mio. Fahrzeugen standen auf der Abnehmerseite nur ungefähr 46 Mio. benötigte Fahrzeuge gegenüber. Wir selber hatten uns darauf eingestellt, dass eine Beruhigung irgendwo zwischen 10 und 20% eintreten könnte.

Wir haben seit September 2008 gleichzeitig eine Wirtschaftskrise bekommen, die durch eine Finanzkrise ausgelöst wurde und die Probleme deutlich potenziert hat. Wir haben sicherlich im zweiten Quartal 2009 den Bodensatz erreicht und das Konjunkturklima beginnt sich momentan wieder nach oben zu bewegen. Für das vergangene Jahr ist überall ein deutlichen Minus zu verzeichnen. Bei den Präzisionswerkzeugen gehen wir davon aus, dass im Jahr 2010 insgesamt ein Zuwachs von 2% möglich ist. Das ist ein minimaler Zuwachs und ich persönlich hoffe, dass die Belebung wesentlich stärker sein wird.

Allerdings muss man sicherlich differenzieren. Im Bereich der Investitionsgüter wird es 2010 keinen Zuwachs geben, eher einen weiteren kleinen Rückgang. Vor 2011 ist dort nicht mit einer deutlichen Belebung zu rechnen.

Das heißt, Sie erwarten auch für die vier Teilbranchen Werkzeugbau, Zerspanwerkzeuge, Fertigungsmess- und Prüftechnik sowie Spannzeuge im Fachverband Präzisionswerkzeuge unterschiedliche Entwicklungen?

Horn: Ja. Der prognostizierte Gesamtzuwachs von ungefähr 2% wird getragen von einem Plus von 6% bei den Zerspanwerkzeugen. In den anderen Bereichen ist 2010 mit einem weiteren Rückgang zu rechnen. Wir gehen bei den Spannzeugen und im Werkzeugbau von minus 10% aus, bei den Messmitteln wahrscheinlich etwas mehr. Dabei muss man berücksichtigen, dass der Werkzeugbau 2009 auch nur einen relativ geringen Rückgang zwischen 10 und 15% hatte.

Jetzt ist die gesamte Werkzeugbranche mit einem Anteil von rund 50% sehr exportlastig. Wie hat sich das in der Krise ausgewirkt?

Horn: Das hat sich fast linear ausgewirkt. Von Januar bis September 2009 hatte unsere Branche im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Rückgang von gut 43%, wobei das Inland mit 41% etwas besser lag als der Export mit 46%. Speziell in unserem Haus ist, prozentual gesehen, der Rückgang im Inlandsgeschäft allerdings deutlich geringer als im Ausland.

Wie ist das zu erklären?

Horn: Die Lager sind leer, das ist sicherlich ein Grund. Auf der anderen Seite sind wir in Deutschland extrem stark positioniert. Ich persönlich stelle Tendenzen zum Aufschwung in Deutschland stärker fest als außerhalb.

Bleiben wir kurz bei den Auslandsmärkten. Für welche Regionen rechnen Sie zuerst mit einer Erholung?

Horn: Ich denke die Erholung hat bereits in China begonnen, wo wir nach wie vor Wachstum haben. Wichtig ist sicher auch, zu welchem Zeitpunkt das riesige Potenzial in Russland und Indien zum Tragen kommen wird. Besonders Russland bietet große Chancen, die momentan schneller aktivierbar sind als in Indien. Und die ganz große Frage ist die Entwicklung in den USA. Man liest heutzutage, GM ist wieder da, und auch ich kann feststellen, dass in den USA wieder wesentlich mehr Belebung drin ist, wie vor einem halben, dreiviertel Jahr.

Wo wird zukünftig der wichtigste Abnehmermarkt für die Präzisionswerkzeuge sein?

Horn: Ich denke, das bleibt sicherlich Europa, weil hier die höchsten Anforderungen an die Zerspanung, was Bearbeitungszeit oder Toleranzen anbelangt, gestellt werden. Wir haben keine Werkzeuge von der Stange, sondern wir liefern eine Lösung. In Deutschland und in Teilregionen Europas muss wirklich zu 100% alles passen. Das ist nicht überall auf dieser Welt so.

Blicken wir einmal auf die Branchen. Es wird derzeit viel über Medizintechnik und den Energiesektor gesprochen — sind das aus Ihrer Sicht die Zukunftsmärkte mit dem größten Potenzial für die Präzisionswerkzeuge?

Horn: Wenn ich Statistiken von den Werkzeugmaschinenherstellern sehe, dann gehen dort über 60% in den Bereich der Automobilindustrie und deren Zulieferer. Ein Großteil unserer Welt wird sicherlich weiter geprägt sein von Fahrzeugen. Was dann noch übrig bleibt, ist nicht unbedingt das Meiste. Wichtig ist, ohne Diskussion, die Medizintechnik, die eine unwahrscheinlich hohe Anforderung besitzt und in den vergangenen Jahren eine unwahrscheinliche Dynamik hatte. Ob Hüftimplantate, Wirbelsäule oder Kniegelenke, dort ist überall Zerspanung mit dabei.

Aber bei aller Euphorie über die Möglichkeiten bei menschlichen Ersatzteilen, alleine davon wird unsere gesamte Branche nicht leben können. Und alternative Energien — ein gewisser Anteil Windkraft ist vorhanden, und der wird sicherlich auch steigen. Am Gesamtvolumen, das Präzisionswerkzeuge abdecken, ist das im Vergleich zum Fahrzeugbereich aber nur ein Bruchteil.

Wie groß ist denn der Bedarf an Präzisionswerkzeugen in der Medizintechnik?

Horn: Das ist eine Frage, die ich fundiert nicht nachweisen kann. Aber ich denke schon, dass der Anteil 10 bis 15% beträgt.

Viele Unternehmen reden davon, gestärkt aus der Krise hervorgehen zu wollen. Was müssen sie denn aus Ihrer Sicht dafür tun?

Horn: Es gibt drei Lösungsansätze: Expansion, Neuentwicklungen und Kooperation. Ich kann expandieren bei meinen Kunden, bei meinen Lieferanten und ich kann expandieren mit meinen Produkten. Wie sich das wertmäßig auswirkt ist eine andere Frage. Ein Ansatz kann beispielsweise sein, zu schauen, wo ich meine Kundenstruktur öffnen kann. Neuentwicklungen, klar die sind immer gefordert. Aber genau in Zeiten wie diesen kann man mit neuen Produkten vielleicht links und rechts eine Nische dazugewinnen. Mit solchen Überlegungen muss man allerdings im Vorfeld einer Krise beginnen und nicht erst, wenn die Krise da ist. Und das Dritte sind Kooperationen, überall dort, wo sie Sinn machen.

In welche Richtung denken Sie konkret beim Thema Kooperationen?

Horn: Ich denke zum einen an Kooperationen der Präzisionswerkzeughersteller untereinander, aber auch an die Zusammenarbeit mit Maschinenherstellern. Wir arbeiten momentan mit drei Maschinenherstellern relativ eng zusammen mit dem Ziel, die Prozesskette gemeinsam zu bewerkstelligen. Bei Kooperationen muss man prüfen, wo das jeweilige Unternehmen seine Stärken hat. Wir müssen zum Beispiel nicht die ganze Welt von hier aus bearbeiten. Wieso können wir eine entsprechende Infrastruktur nicht miteinander aufbauen?

Jetzt sind Sie mit Ihrem Unternehmen im Bereich der Zerspanwerkzeuge ansässig. Welche Herausforderungen sehen Sie speziell auf dieses Segment zukommen?

Horn: Wir haben dort genauso den Service-Gedanken. Wir müssen schauen, wo können wir projektbezogene Entwicklungen durchführen und wo können wir additiv noch ein Geschäft mitmachen. Und als reiner Zer-spanwerkzeughersteller muss man auch immer die Möglichkeiten prüfen, Bearbeitungsschritte zusammenzuführen. Wo kann ich mit einem Werkzeug nicht eine Operation, sondern zwei, drei oder vier Operationen fast in der gleichen Taktzeit machen? Zudem spielt die energetische Frage eine immer wichtigere Rolle.

Und das Werkzeug gehört dazu, wenn es darum geht, die Taktzeit, das Zerspanvolumen oder die Zerspanzeit zu reduzieren. Natürlich gilt es auch entsprechende Geometrien zu entwickeln, die die Energieaufnahme reduzieren können. Als die momentan größte Herausforderung für uns alle betrachte ich es aber, unsere hochqualifizierten Mitarbeiter über diese Krise hinweg im jeweiligen Haus zu behalten.

Inwieweit glauben Sie, dass dies machbar ist, und was kann der Verband oder die Politik dazu beitragen, die Mitarbeiter zu halten?

Horn: Ich denke, es ist wichtig, dass wir die Verlängerung der Kurzarbeitszeiten haben. Das ist ein Instrumentarium, das man nutzen muss, weil die Alternative dazu betriebsbedingte Kündigungen wären. Das wichtigste eines Unternehmens ist nicht die Hülle, sondern sind die Mitarbeiter. Das ist meine Einstellung.

In den Boomjahren 2007 und 2008 haben viele Anbieter von Zerspanwerkzeugen ihre Kapazitäten erweitert und Technologiezentren errichtet. Werden die Fertigungen nach der Krise wieder auszulasten sein oder sind Kooperationen oder Übernahmen zu erwarten?

Horn: Wo es Sinn macht, können Kooperationen helfen. Ich bin der Meinung, dass dort einiges an Potenzial dahintersteckt. Von den ganz großen Werkzeugherstellern wird sicherlich keiner den anderen übernehmen. Die Wahrscheinlichkeit halte ich doch für relativ gering, auch wenn manche große amerikanische Finanziers im Hintergrund haben. Es wird sicherlich im Mittelfeld das ein oder andere Unternehmen in einem größeren aufgehen. Ich rechne nicht vor 2012 oder 2013 damit, dass die Kapazitäten wieder ausgelastet sein werden. Denn es wird nicht so sprunghaft nach oben gehen, wie es runtergegangen ist.

Zum Schluss noch ein Blick auf 2010. Welche Erwartungen knüpfen Sie und die Werkzeugbranche an die Messen Metav und AMB?

Horn: Die Metav hat natürlich am Anfang des Jahres eine absolute Pole-Position – und das nach einem Jahr, in dem in Deutschland keine Metallmesse stattgefunden hat. Mit ihrem Einzugsgebiet im Westen und im norddeutschen Raum ist auch ein gewisses Besucherpotenzial vorhanden. Das einzige, was das Ganze vielleicht etwas trüben wird, ist die Tatsache, dass im Februar die wirtschaftliche Kraft in Deutschland noch nicht so stark sein wird.

Der Zeitpunkt der AMB ist vermutlich deutlich günstiger. Es muss bis dahin eine wirtschaftliche Belebung erfolgen. Die AMB vor zwei Jahren war eine fantastische Messe und hatte eine sehr positive Besucherresonanz. Und das erwarte ich eigentlich für dieses Mal auch.

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