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Interview

„Wir raten dazu, die Reise der digitalen Transformation jetzt anzutreten“

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Smart Factory OWL soll also Unternehmern die Vorteile der Digitalisierung aufzeigen. Wie weit ist hier der Mittelstand in Deutschland? Was raten Sie den mittelständischen Unternehmen?

Jasperneite: Wir wollen nicht nur Vorteile aufzeigen, sondern wir wollen die mittelständischen Unternehmen auf ihrem individuellen Weg begleiten. Da ist es klar, dass ein reines Demonstrieren von spannenden Technologien oder Projekten alleine nicht nachhaltig ist. Daher bieten wir Quick-Checks an, um das einzelne Unternehmen mit seinen Prozessen zunächst zu analysieren und dann einen Fahrplan aufzustellen, an welchen Stellen arbeitsorganisatorische oder technologische Hebel angesetzt werden können. Wir raten dem Management der Unternehmen die Reise der digitalen Transformation anzutreten und nicht abzuwarten. Das hat zuvorderst mit einer positiven Grundeinstellung zu dem Thema und einer Veränderungsbereitschaft zu tun.

Das Querschnittsprojekt ‚Intelligente Vernetzung‘ spielt eine zentrale Rolle innerhalb der Innovationsprojekte, die dann bei kleinen und mittelständischen OEM zum Einsatz kommen. Können Sie ein Beispiel für einen erfolgreichen Ergebnistransfer nennen?

Jasperneite: In der Vernetzung geht es fast immer um interoperable Standards. Mit herstellerspezifischen Lösungen kommen sie hier nicht weiter, weil damit kein Absatzmarkt für die Unternehmen entsteht. Daher fokussieren wir in diesem Feld stark auf die Mitgestaltung relevanter Standards und dem Wissens- sowie Technologietransfer. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Thema OPC-UA. Hier haben wir bereits 2013 den kleinsten OPC-UA Server entwickelt und somit die Skalierungsfähigkeit dieses Standards nachgewiesen. Wir bringen uns in verschiedene OPC-Aktivitäten ein und können heute KMUs bei der Implementierung dieses wichtigen Industrie 4.0-Bausteins unterstützen.

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Lohweg: Im Bereich der Informationsfusion konnten wir Ergebnisse erfolgreich in Industrieprojekte mit regionalen und überregionalen Partnern einbringen. Insbesondere wurde das entstandene Know-how dazu genutzt, weitere Projekte zu akquirieren und in weitere Branchen wie Lebensmittelindustrie oder auch Health Sciences auszurollen.

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Auf der letzten SPS IPC Drives verkündete die OPC Foundation, dass sie unter ihrem Dach OPC UA/TSN bis in die Feldgeräte-Ebene vorantreiben wollen. Zahlreiche große Automatisierer haben sich der Initiative bereits angeschlossen. Wie bewerten Sie das?

Jasperneite: Das ist eine ernstzunehmende Initiative, insbesondere vor dem Hintergrund, dass OPC-UA als ein Kernstandard der Industrie 4.0 angesehen wird. Aus meiner Sicht wird OPC-UA/TSN zunächst als Integrationsplattform für die bestehenden Feldbus- und Echtzeit-Ethernet Installationen Sinn machen.

In den sogenannten Living Labs gehen Sie auch der Frage nach, wie man den Nutzer noch stärker in den Innovationsprozess involvieren kann, um nützliche und benutzbare Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Wie funktioniert das und wie erfolgreich läuft das Projekt?

Jasperneite: Das ist ein spannender Themenbereich. Es stellt sich die Frage, ob der derzeitige Prozess bei der Gestaltung von technischen Produkten und Dienstleistungen nicht durch eine viel stärkere partizipative Technologiegestaltung profitieren kann. Dabei geht es um viel mehr Dialog der relevanten Stakeholder in allen Phasen der Produktentwicklung, Produktion und Nutzung. Das ist allerdings zunächst ein erheblicher Mehraufwand für die Unternehmen, kann aber zu passfähigeren Produkten und Marktakzeptanz führen. Reallabore, wie die Smart Factory OWL, sind dafür mögliche Plattformen. Bei der digitalen Transformation von Städten haben wir mit dem Reallabor LemGO Digital schon einige Erfahrungen in diesem Bereich gemacht.

2019 soll es mit der Frequenzversteigerung für das 5G-Netz losgehen. Es gilt als Türöffner für Smart Factory und Industrie 4.0. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie dabei?

Jasperneite: 5G ist eine spannende Weiterentwicklung in der Mobilfunkkommunikation. Wir müssen jetzt aber aufpassen, dass dies nicht als Allheilmittel für alles Mögliche angesehen wird. Im Bereich des Handlungsfeldes der Smart Factory sehe ich einige Anwendungsfälle, in denen die in Aussicht gestellten Merkmale interessant sein können. Hierzu gehören insbesondere mobile, temporäre oder weiträumige Anwendungen sowie VR-Anwendungen, die den Servicebereich deutlich verbessern können. Wir sind in einigen Projekten involviert, bei denen die Nutzung von 5G in der Industrie untersucht wird.

Lohweg: 5G ist die Voraussetzung für praktisch alle schnellen, verteilten Echtzeitprozesse in diesem Kontext. Autonomes Verhalten von Maschinen und Anlagen, die geographisch verteilt sind, ist zukünftig ohne 5G kaum möglich. Herausforderungen sind neben technischen Fragestellungen aus meiner Sicht politischer Natur. Wir müssen einen klaren Blick auf die Notwendigkeiten der Anwendung und der IT-Security haben. Wir sollten uns auch nicht aus der Hand nehmen lassen.

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