Grindtec Bereit für das Comeback

Autor: M. A. Benedikt Hofmann

Die Grindtec hat in den vergangenen Wochen durch die Gründung einer Konkurrenzmesse eine bisher kaum gekannte mediale Aufmerksamkeit erlebt. Doch auch ohne Einflüsse von außen haben die Messemacher einiges zu erzählen.

Firmen zum Thema

Henning (links) und Thilo Könicke, Geschäftsführer der AFAG.
Henning (links) und Thilo Könicke, Geschäftsführer der AFAG.
(Bild: AFAG)

MM-Maschinenmarkt-Chefredakteur Benedikt Hofmann hat sich mit den Afag-Geschäftsführern Henning und Thilo Könicke sowie Prof. Wilfried Saxler, Geschäftsführer des Fachverbands der Präzisionswerkzeugmechaniker (FDPW) zum Gespräch getroffen.

Selten entspinnt sich um eine Messe eine solche Kontroverse wie aktuell um Grindtec und Grindinghub. Wie haben Sie diese Geschichte erlebt?

Thilo Könicke: Unter normalen Umständen würden wir eine solche Situation sportlich nehmen. Exklusivität ist in einer freien Marktwirtschaft weder ein Recht noch ein statischer Zustand. Märkte sind dynamisch, das ist Fakt. In einem freien Marktgeschehen ohne die omnipräsente Pandemie und die damit einhergehende Krise wäre auch klar gewesen, dass sich die Kunden ganz einfach für das besser gemachte Produkt entscheiden. Aber wir haben momentan eben keinen unbeeinflussten Markt.

Henning Könicke: Wir als grund gesunder Familienbetrieb und auch der FDPW als mittelständischer Handwerksverband stehen durch diese Situation natürlich vor einer enormen unternehmerischen Herausforderung. Und auf dieser Basis ist es umso spannender, gleichzeitig mit einem neuen Marktbegleiter umgehen zu müssen. Jedoch muss man auch dazusagen: Marktbegleiter tauchen meist dann auf, wenn es vorher ein gutes Produkt gab, zu dem es aus dem Markt ein gutes Feedback gibt. Sonst wäre das Thema ja nicht interessant. Also natürlich ist die Situation sehr speziell, aber wir nehmen sie an und am Ende überzeugt das bessere Produkt. Wir vertrauen da auf die Vorarbeit, die wir in den vergangenen Jahren bereits geleistet haben.

Prof. Wilfried Saxler: Ich wurde von dieser neuen Situation wirklich ohne Vorwarnung überrascht. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich über das Auftreten der Verantwortlichen persönlich sehr verärgert bin. Aber Emotionen sollte man möglichst außen vor lassen. Allerdings erkenne ich im Messekonzept viel von der Grindtec wieder und auch der Termin macht ja klar, dass man die Messe aktiv angreift. Deshalb bin ich über die kontroverse Diskussion nicht überrascht. Durch das neue Angebot kommt viel Verunsicherung in den Markt, sowohl bei den Ausstellern als auch bei den Besuchern. Das hat in dieser herausfordernden Zeit schon einen unschönen Beigeschmack.

Prof. Wilfried Saxler (zweiter von links), Geschäftsführer des FDPW, im Gespräch mit Gästen der Grindtec
Prof. Wilfried Saxler (zweiter von links), Geschäftsführer des FDPW, im Gespräch mit Gästen der Grindtec
(Bild: AFAG)

Waren Sie im Vorfeld darüber informiert, dass es eine neue Messe geben wird?

Thilo Könicke: Es war schon so, dass der berühmte Buschfunk getrommelt hat. Es gab viele Gerüchte, aber wenig Konkretes.

Henning Könicke: Sie wissen ja auch, wie das in einer solchen Situation ist. Jeder weiß etwas, aber jeder weiß auch etwas anderes und man muss sich dann seinen eigenen Reim darauf machen. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass vieles an den Gerüchten nicht der Realität entsprochen hat. Es ist aber durchaus interessant, wie eine solche Gründungsgeschichte abläuft und wie unterschiedlich sie aufgenommen wird.

Thilo Könicke: Durchaus erstaunt waren wir aber über die Protagonisten und die Rollenverteilung. Diese ist für mich bis heute nicht ganz transparent.

Wilfried Saxler: Wir haben im Verband über 105 Fördermitglieder. Das sind alles Firmen, die für unsere Schleifbetriebe als Dienstleister oder Lieferant agieren. Über 70 davon sind potenzielle Aussteller der Grindtec. Natürlich haben wir auch bei diesen Unternehmen nachgefragt. Als Antwort haben wir bekommen, dass keines dieser Unternehmen als Initiator tätig wurde. Und obwohl wir recht gut vernetzt sind, waren wir im Vorfeld tatsächlich nicht informiert.

Vonseiten des VDW und der Messe Stuttgart wird der Bedarf der Unternehmen nach einer neuen Messe als hauptsächliche Begründung für ihr Vorgehen angeführt. Können Sie das nachvollziehen?

Wilfried Saxler: Wenn es sich um eine komplett neue Messe handeln würde, könnte ich diese Begründung nachvollziehen. Bei dieser Messe sehe ich aber beim Blick auf das Konzept, die Nomenklatur und das Produktportfolio eine ganz große Überdeckung mit dem, was wir bereits von der Grindtec kennen. Das ganze an einem anderen Standort und vielleicht auch in einem neuen Gewand. Aber ob das jetzt wirklich besser passt, das werden natürlich die Aussteller entscheiden müssen.

Henning Könicke: Diese Einschätzung teilen wir. Normal werden Rufe nach neuen Messeformaten aus zwei Gründen laut. Natürlich geschieht das immer dann, wenn es für einen Bereich noch keine Messe gibt. Das haben wir 1998 mit der Grindtec erlebt. Die zweite Möglichkeit ist, dass das bisherige Setting oder das Portfolio der Veranstaltung nicht mehr passt. Wenn das aber der Fall wäre, müsste man jetzt deutliche Veränderungen bei der Neukonzeption sehen. Diese zeigt sich zumindest uns aber noch nicht. Daher müssen wir die Frage stellen, wo genau der Bedarf gesehen wurde.

Thilo Könicke: Es wird ja auch angeführt, dass es nicht nur konkret um eine neue Messe ging, sondern dass es auch andere Gründe gab. Deshalb frage ich mich, ob es tatsächlich eine rein passive Rolle des Verbandes ist. Und ob es in dieser schwierigen Lage wirklich die einzig schlüssige Konsequenz für einen Verband war, eine neue Messe zu gründen. Man hätte ja auch als außenstehender Dritter eine Vermittlerrolle einnehmen können. Man hätte, wenn es diese Rufe wirklich gab, alle Seiten an einen neutralen Tisch holen können. Die Entscheidung fiel aber bewusst für einen anderen Weg.

In diesem Umfeld wird auch die Verschiebung und dann spätere Absage der Grindtec im letzten Jahr als Grund für Verstimmungen bei den Unternehmen angeführt. Können sie das nachvollziehen?

Henning Könicke: Natürlich verstehen wir, dass das aus späterer Sicht nicht ideal gelaufen ist. Aber man muss Entscheidungen vor dem Hintergrund der Zeit beurteilen, in der sie getroffen wurden. Im Frühjahr 2020 und auf Basis des damaligen Kenntnisstandes war die Verschiebung in den Herbst die richtige Entscheidung. Ich glaube nicht, dass mir da jemand widersprechen kann. Die Situation war für alle neu und niemand konnte sich vorstellen, wie lange uns die Pandemie in Atem halten würde. Wir lagen terminlich zusätzlich ziemlich am Anfang der sich entwickelnden Krise. Die Lockdown-Gespräche begannen am 1. März und die Grindtec hätte zwei Wochen später begonnen. Wir mussten also eine Entscheidung treffen und das haben wir gemeinsam mit dem FDPW und dem Messebeirat getan. Eine Verschiebung war ganz klar die erste Option. Die Grundlage dafür waren auch Aussagen der Politik, die nahelegten, dass die Pandemie bis zum Herbst ausgestanden sein wird.

Thilo Könicke: Man muss auch eines deutlich sagen: Die Entscheidungen sowohl im Frühjahr als auch im Herbst des vergangenen Jahres musste innerhalb von Stunden, manchmal sogar schneller, getroffen werden. Jetzt, in der Nachbetrachtung und den uns mittlerweile bekannten Fakten würden wir sicher manches anders entscheiden. Natürlich kann man darüber sprechen, dass man in einzelnen Fällen anders hätte agieren sollen, dem widersprechen wir nicht in allen Punkten. Aber zu ihrer Zeit waren es die logischen Schlüsse.

Henning Könicke: Auch die Entscheidung an der Veranstaltung im Herbst so lange wie möglich festzuhalten ist gemeinsam mit FDPW und Messebeirat getroffen worden. Die 400 Aussteller, mit denen wir in diese Situation gegangen sind, zeigen ja auch, dass alle gehofft haben, dass es nach dieser langen Phase des Stillstands möglich wird, die Messe zu veranstalten und Geschäfte zu machen. Vor diesem Hintergrund sind wir das Risiko eingegangen und das wurde leider nicht belohnt. Auch dabei spielte die Politik eine entscheidende Rolle. In der Zeit vor der Messe gab es Lockerungen und wir wurden von der Politik, unter anderem dem bayerischen Wirtschaftsministers, aktiv aufgefordert mutig zu sein und die neuen Rahmenbedingungen zu nutzen. Darauf haben wir vertraut. Heute wissen wir, dass es leider nicht so gekommen ist. Und so konnten wir nach 11 erfolgreichen Grindtecs in Folge in diesem Jahr leider nicht abliefern.

Wilfried Saxler: Die erneute Verschärfung der Maßnahmen und die damit einhergehende unumgängliche Absage der Messe geschah dann ausgerechnet kurz nach unserer Pressekonferenz zur Grindtec. Das konnten wir natürlich nicht vorhersehen und war ein Timing, das nicht schlechter hätte sein können.

Welche Rückmeldung bekommen Sie von Ihren angestammten Ausstellern?

Thilo Könicke: Wir erfahren ganz überwiegen eine große Unterstützung. Wir haben nicht den Anspruch einer generalisierten Aussage, aber wir spüren einen deutlichen Zuspruch. Natürlich gibt es einzelne Akteure, die nach den Geschehnissen im letzten Herbst noch verstimmt sind, das kann man ihnen auch nicht verübeln. Allerdings baut die jetzige Situation eher neue Brücken, als dass sie Gräben aufwirft.

Henning Könicke: Wir liegen momentan bereits knapp an der 200er-Schwelle bei der Ausstellerzahl. Und das ist in der momentanen Gesamtlage und vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen sowie in Anbetracht des Zeitpunkts grandios. Interessanterweise haben sich auch einige Aussteller angemeldet, die bisher noch nie bei uns waren. Und wir wissen auch, dass unsere angestammten Aussteller die erfolgreichen gemeinsamen Jahre nicht vergessen haben. Das ist das Schöne an dem Mittelstand, den wir so schätzen.

Wilfried Saxler: Auch unsere Fördermitglieder haben uns durch die Bank weg zu verstehen gegeben, dass sie zu uns stehen und die tolle Arbeit wertschätzen, die von unserem Verband und der AFAG geleistet wurde und wird. Außerdem wurde dort ganz klar kommuniziert, dass sie der Messe treu bleiben werden. Das liegt auch an dem familiären Charakter, den wir in Augsburg vorfinden.

Thilo Könicke: Ich möchte aber nicht, dass der Eindruck entsteht, wir würden sagen, dass die Branche in Gänze geschlossen hinter uns steht. Das tun wir nicht und das wissen wir auch gar nicht. Es gibt sicherlich Aussteller, die mit der neuen Messe liebäugeln und umgekehrt. Unsere Tür jedenfalls steht auch all jenen offen, die sich zunächst in einer andere Richtung orientieren wollten und jetzt doch das angestammte Konzept bevorzugen.

Werden Sie aufgrund dieser Situation Änderungen am Konzept der Grindtec vornehmen?

Henning Könicke: Wir reagieren auf keinen Fall aufgrund einer neuen marktbegleitenden Veranstaltung. Es ist auch nicht das erste Mal, dass von außen Einflüsse auf die Grindtec einwirken. Weiterentwicklungen und Veränderungen stoßen wir da an, wo es für die Messe wichtig ist. Dabei steht die weitere Internationalisierung ganz klar im Fokus. Wir sind, schon aufgrund unserer relativ jungen Geschichte, bisher nicht auf dem ganz großen Parkett unterwegs, aber wir haben bereits wichtige Schritte gemacht und werden daran auch weiter arbeiten. Zusätzlich wird es auch im Ausstellungsbereich Anpassungen geben, das haben wir aber bei jeder Messe so gemacht. Und – das ist der dritte wichtige Punkt – wir arbeiten gemeinsam mit dem FDPW weiter daran, der Schleif-Community Angebote auch über das Jahr hinweg zur Verfügung zu stellen.

Werden Sie ein hybrides Konzept verfolgen?

Thilo Könicke: Zunächst gibt es ganz wenige Veranstaltungen und Branchen, die bisher digital zur Zufriedenheit von Ausstellern und Besuchern abgelaufen sind. Dazu kommt, dass in der Investitionsgüterindustrie, bei den hier fälligen Investitionssummen, Verkäufe über digitale Kanäle sehr selten sind. Wenn es um die reine Informationsvermittlung geht, gibt es aber Punkte, die für digitale Veranstaltungen sprechen. Ich würde das dann aber nicht hybrid, sondern digitale ergänzend nennen. Dabei lassen wir uns aber weder von Marktbegleitern noch von der Pandemie treiben. Das war bereits für die letzte Grindtec geplant und soll besonders unser Ziel der weiteren Internationalisierung unterstützen.

Welche Themen beschäftigen die Aussteller- und Besucherunternehmen derzeit besonders?

Wilfried Saxler: Die immer kurzlebigeren Produktlebenszyklen führen zu immer schnelleren Entwicklungszeiträumen. Um dem gerecht zu werden, führt kein Weg an der Digitalisierung vorbei. Das ist gerade in den vergangenen Monaten sehr deutlich geworden. Virtual und Augmented Reality sind beispielsweise sehr spannende Themen, die sich im Bereich der Schleiftechnik und der dazugehörigen Peripherie immer stärker etablieren. Unter anderem weil sie sowohl Lieferanten als auch den Anwendern etwas bieten. Sei es durch neue Möglichkeiten der Schulung oder die Unterstützung von Servicetechnikern. Ein weiteres spannendes Thema ist der Digitale Zwilling. Das ist eine wirklich faszinierende Technik, die riesiges Potenzial hat. Aber auch bei der Hardware, beispielsweise in der Spanntechnik, gibt es wichtige Weiterentwicklungen.

Die Inszenierung von Digitalisierung ist allerdings eine echte Herausforderung. Wie möchten Sie das auf der Grindtec schaffen?

Henning Könicke: Bei Digitalisierung geht es viel um Vertrauen. Vertrauen schafft man durch reale Begegnungen. Deshalb muss man die Prozessketten vor Ort auf tatsächlichen Maschinen zeigen. Allerdings ist es zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich, eine genaue Antwort darauf zu geben, wie das aussehen wird, die digitale Welt wandelt sich dafür zu schnell. Eine erste Vorschau werden wir in den nächsten Wochen allerdings geben.

Wie haben Sie als Messeveranstalter und Verband ganz allgemein die doch sehr außergewöhnlichen vergangenen gut zwölf Monate erlebt?

Thilo Könicke: Das war ein seit der Nachkriegsgeneration kaum für möglich gehaltenes Belastungslevel. Sowohl menschlich als auch fachlich. Und das mit einer Dynamik, die man sich so nicht vorstellen konnte. Auch deshalb waren wir häufig im Abarbeiten von Situationen gefangen und hatten, auch mit Blick auf Behörden, das Gefühl, in einer Endlosschleife mangelnder Verbindlichkeit festzuhängen. Es ist extrem schwierig unternehmerische Entscheidungen in einer Phase dieser Fremdbestimmung zu fällen. Aber natürlich ist die Fremdbestimmung in dieser Phase trotzdem nötig.

Henning Könicke: Wir sind seit über einem Jahr in einem faktischen Berufsverbot, das noch länger besteht als in der viel besprochenen Gastronomie und Hotellerie. Im Vergleich zu dieser Branche sind wir natürlich auch in der speziellen Situation, dass es von unserer Art nur ganz wenige gibt, vor allem wenn wir wirklich von komplett privatwirtschaftlichen Messegesellschaften sprechen.

Thilo Könicke: Und es wird dadurch noch spezieller, dass wir zwar unseren eigentlichen Job nicht machen dürfen, aber dort nach uns gerufen wird, wo es darum geht, Test- oder Impfzentren aufzubauen. Das tun wir natürlich gerne und wir möchten unseren Beitrag leisten. Aber es fühlt sich schon speziell an, auf der einen Seite fast vergessen zu werden und an anderer Stelle dann in die Bresche zu springen.

Wilfried Saxler: Auch aus Sicht unseres Fachverbands war das Jahr natürlich eine sehr große Herausforderung. Unsere Aufgabe besteht ja darin, unsere Mitglieder zu unterstützen, was wir auch mit großem Einsatz in den vergangenen Monaten getan haben. Außerdem spüren auch wir finanziell das Wegbrechen der Messen und Veranstaltungen. Diese Erlöse fehlen uns, aber auch die Kontakte und die Impulse aus den Treffen und Gesprächen.

(ID:47442815)

Über den Autor

M. A. Benedikt Hofmann

M. A. Benedikt Hofmann

Chefredakteur MM MaschinenMarkt