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Studie Betriebe ohne Betriebsrat – Wer vertritt dort wen und was?

| Redakteur: Jürgen Schreier

Rund die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland arbeiten in einem Betrieb mit Betriebsrat. Was ist mit den anderen? Warum es Betriebe ohne betriebliche Mitbestimmung gibt und wie in diesen Unternehmen Management und Beschäftigte miteinander umgehen, haben Soziologen der TU München erforscht.

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Vor allem in Hightech-Unternehmen besteht die Neigung, die Arbeitsbeziehungen über informelle Gremien zu regeln.
Vor allem in Hightech-Unternehmen besteht die Neigung, die Arbeitsbeziehungen über informelle Gremien zu regeln.
( Archiv: Vogel Business Media )

Ihre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Studie identifiziert auf Basis von Fallstudien in 26 Unternehmen vier Typen von Betrieben ohne Betriebsrat. Das reicht von der Discounter-Filiale (Typ 1: Prekäre Dienstleistung), in der die Unternehmensleitung die Gründung einer Arbeitnehmervertretung behindert, bis zum erfolgreichen Industriebetrieb, in dem die Beschäftigten eine formale Vertretung kaum vermissen, so lange sie das Gefühl haben, mit „informellen“ Regelungen gut zu fahren.

Dabei zeigt sich aber auch: Wo es an Betriebsräten fehlt, werden „Konflikte systematisch individualisiert“, schreibt Dr. Stefan Lücking, Soziologe an der TU München in einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe der WSI Mitteilungen. Die Beschäftigten bekommen das mit unterschiedlicher Härte zu spüren – je nachdem, welchem Typ ihr Unternehmen zuzuordnen ist.

Nachfolgend sind die Typen 2 bis 4 kurz skizziert, die für die Industrie oder den IT-Bereich bzw. die New Economy relevant sind.

Typ 2: Patriarchalische Familienunternehmen

Etwas besser al sin Betrieben des Typs 1 (vorwiegend Discounter und andere prekäre Dienstleister) sind die Bedingungen nach Beobachtung der Forscher in patriarchalisch geführten Familienunternehmen, wo die Gunst des Chefs wichtiger ist als eine objektive Leistungsbewertung. Die Beschäftigten der untersuchten Unternehmen akzeptierten die Strukturen, solange sie glauben, davon zu profitieren.

Manchmal eröffne die persönliche Gunst auch ohne formale Qualifikation Aufstiegschancen, die in anderen Unternehmen nicht möglich wären, analysiert Lücking. In diesen Unternehmen vertritt die Unternehmensführung gerne diese These, dass alle die gleichen Interessen hätten, nämlich den Erhalt des Standortes. Konflikte führten in diesem Klima leicht zu Entlassungen. „Jede Form von Kritik wird von vorneherein stigmatisiert“, so die Studie.

Den Tabubruch, einen Betriebsrat zu gründen, begehe man in solchen Unternehmen nur, wenn viel zu gewinnen oder zu verlieren ist. In einer Auto-Werkstatt-Kette war Letzteres der Fall: Es kam zu „einer spürbaren Verschlechterung der Arbeitsbedingungen“, nachdem Finanzinvestoren das ehemalige Familienunternehmen übernahmen.

Typ 3: New Economy

Auch in der EDV-Branche sind Betriebe ohne Betriebsrat keine Ausnahme. Oft lehnt das Management betriebliche Interessenvertretungen ab, auch Tarifverträge bilden nicht einmal einen entfernten Bezugspunkt für die Arbeitsverträge.

Die Soziologen sprechen in einigen Fällen von einem „neopaternalistischen Orientierungsmuster“. Soweit es dem Unternehmen nutze, gewähre das Personalwesen den Beschäftigten weitgehende Autonomie. Die Beschäftigten der untersuchten Unternehmen nehmen ihrerseits bereitwillig Phasen mit exzessiven Arbeitszeiten hin.

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