Energienorm Der Zeitpuffer schrumpft

Autor: Gary Huck

Im August 2021 endet die Frist zur Zertifizierung nach der neuen Energienorm ISO 50001:2018. Wir haben für Sie recherchiert, welche Neuerungen die Norm mit sich bringt.

Firmen zum Thema

Im Rahmen der neuen Energienorm ist es wichtig, möglichst viele Daten zum Energieverbrauch im Unternehmen zentral abrufbar zu haben.
Im Rahmen der neuen Energienorm ist es wichtig, möglichst viele Daten zum Energieverbrauch im Unternehmen zentral abrufbar zu haben.
(Bild: ©snapfoto105 - stock.adobe.com)

Momentan haben die meisten von uns wohl immer noch mit den Folgen der Coronakrise zu kämpfen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen, gerade Insolvenzen betreffend, werden erst jetzt deutlich und ob nun eine zweite Welle kommt oder nicht, kann auch niemand genau voraussagen.

In solch einer Situation ist es verständlich, dass manche Themen unter den Tisch fallen. Gerade Themen wie ISO-Normen und Zertifizierungen stehen aktuell vielleicht nicht oben auf der Prioritätenliste. Aber dieser Bereich sollte nicht vernachlässigt werden. Denn wer seine Zertifikate nicht auf Stand hält, läuft Gefahr, auf signifikante Einsparpotenziale zu verzichten oder im schlimmsten Fall sogar Strafen entrichten zu müssen.

Eine ISO-Norm, die man als Unternehmen auf dem Zettel haben sollte, ist die ISO 50001:2018. Diese Energienorm ist die Weiterentwicklung der 50001:2011. Offiziell geht die Umstellungsfrist drei Jahre, das heißt sie endet erst im August 2021. Aber die Zeit vergeht bekanntlich wie im Flug und außerdem erlaubt die Deutsche Akkreditierungsstelle seit Anfang 2020 nur noch Audits nach der neuen Norm.

Jetzt, knapp ein Jahr vor dem Auslaufen der Frist, ist ein guter Zeitpunkt, um sich mit der neuen Energienorm auseinanderzusetzen, wenn man das noch nicht getan hat. Dazu haben wir für Sie recherchiert, welche Neuerungen die Norm mit sich bringt und wie der Zertifizierungsprozess abläuft.

Durch die Überarbeitung soll ISO 50001 an die High-Level-Structure, die auch bei anderen Normen wie 9001 und 14001 verwendet wird, angeglichen werden. Für die Energienorm bringt das im Kern drei Neuerungen mit sich.

Kontext der Organisation

Unternehmen müssen sich bewusst machen, in welchem Kontext sie zur Gesellschaft, Wirtschaft, Entwicklungen in der Welt stehen und überlegen, wie ihr Handeln und ihre Struktur dazu stehen. Im konkreten Fall des Energiemanagements geht es darum, möglichst effizient zu produzieren. Wichtig ist bei dieser ersten Anforderung vor allem, dass dieser Prozess Chefsache wird.

Es ist nicht mehr einfach möglich einen Energiemanager zu bestimmen, der das Thema dann für den Betrieb übernimmt. Die Rechenschaftspflicht gegenüber Kontrollbehörden liegt beim obersten Management. Dadurch soll vermieden werden, dass wichtige Punkte irgendwo untergehen. Die Überlegungen zum Kontext der Organisation müssen auch schriftlich festgehalten werden. Dieses Dokument soll belegen, dass man sich Gedanken darüber gemacht hat, welche Faktoren, politisch, gesellschaftlich und unternehmensintern, auf den Energieverbrauch Einfluss nehmen können. Bei einem Audit muss diese Liste vorgelegt werden.

Ziele und Begrifflichkeiten

Nach der alten Norm wurde zwischen operativen und strategischen Zielen unterschieden. Es lässt sich aber nicht immer klar unterscheiden, was nun auf die operative und was auf die strategische Ebene passt Außerdem können Überschneidungen auftreten. Nach ISO 50001:2018 gibt es nur noch Unternehmensziele und konkrete Energieziele. Ein Unternehmensziel wäre zum Beispiel, dass der Marktanteil insgesamt um 2 % im nächsten Jahr erhöht werden soll. Ein konkretes Energieziel wäre, der Energiebedarf von Produktionslinie A soll um 10 % gesenkt werden. In diesem Zusammenhang muss man analysieren, wo im Unternehmen die wesentlichen Energieeinsatzbereiche - kurz SEU (Significant Energy Use) - liegen. Jedem dieser Bereiche wird dann eine Energieleistungskennzahl - kurz EnPI (Energy Performance Indicator) - zugeordnet. Über die SEU und EnPI können dann die Energieziele definiert, eingestuft und überprüft werden.

Insgesamt ist es das Ziel die Kennzahlen zu senken, also weniger Energie zu verbrauchen oder sie zumindest effizienter zu nutzen. Es kann aber trotzdem passieren, dass eine Kennzahl steigt, ohne dass der Betrieb etwas dafür kann. Zum Beispiel: Der Winter in Jahr 1 war relativ mild. Die Heizkosten also vergleichsweise niedrig. In Jahr 2 war es im Winter über einen längeren Zeitraum sehr kalt. Die Heizkosten steigen signifikant an. Möglicherweise hat ein Unternehmen in der Zeit zwischen den beiden Wintern seine Gebäude besser isoliert oder die Heizanlage optimiert. Nun hebelte der kalte Winter aber möglicherweise die bessere Isolierung und die optimierte Heizanlage aus. Um dem entgegenzuwirken, dürfen die Energiekennzahlen auf solche Faktoren hin normalisiert werden. Nach der neuen Norm soll man dann Durchschnittswerte berechnen und die Kennzahlen dementsprechend anpassen.

Um diese Berechnungen durchführen zu können, braucht man Daten, und zwar möglichst viele. Je mehr Information zum Energieverbrauch vorliegen, desto besser lassen sich die Verbrauchswerte errechnen und anpassen. Darum fordern die Zertifizierungsgesellschaften im Audit auch einen Plan für die Energiedatensammlung. Wenn man so etwas nicht hat und auch der Datensatz fehlt, lässt sich das nicht einfach von heute auf morgen realisieren. Beim Audit für die neue Normierung muss aber erkennbar sein, dass daran gearbeitet wird.

Fortlaufende Verbesserung

Die dritte Neuerung der ISO 50001:2018 ist, dass Verbesserungen bereits zum Zeitpunkt des Audits erkennbar sein müssen. In der 2011 Version musste man lediglich mit der Umsetzung von Aktionsplänen begonnen haben. Konkret heißt das für die neue Version: Ein Unternehmen hat im Juni damit angefangen Energiekennzahlen aufzustellen und hat auch bereits erste Schritte eingeleitet, um diese zu senken. Im August strebt das Unternehmen die Zertifizierung an. Dann muss zum Termin des Audits nachgewiesen werden, dass im letzten Monat vor dem Audit der Energieverbrauch im Vergleich zum Vormonat bereits gesenkt wurde oder zumindest die Effizienz erhöht wurde.

Zertifizierungsprozess

Wer nun eine Zertifizierung nach ISO 50001:2018 anstrebt, sollte im Schnitt sechs bis acht Wochen Zeit einplanen. Der Prozess gliedert sich in drei Schritte.

  • 1. Audit: Bei der ersten Überprüfung durch die Zertifizierungsstelle wird untersucht, ob alle Anforderungen der Norm erfüllt sind und alle Dokumente vorliegen. Je mehr Standorte ein Unternehmen hat, desto langwieriger ist dieser Schritt.
  • 2. Nachbesserungszeitraum: Wenn der Prüfer Mängel feststellt, werden dem Unternehmen vier bis sechs Wochen eingeräumt, um nachzubessern.
  • 3. Audit: Bei der zweiten Überprüfung wird untersucht, ob die Mängel beseitigt wurden. Ist das der Fall, gilt die Zertifizierung als bestanden. Im Schnitt dauert es dann noch bis zu zwei Wochen, bis das Zertifikat vorliegt.

Wer das neue Energiezertifikat noch nicht hat, sollte jetzt handeln. Die Frist endet zwar erst am 21. August 2021, aber wer beispielsweise einen Stromrückerstattungsantrag stellen will, muss das Zollformular 1491 einreichen. Das bekommt man aber nur mit der neuen Zertifizierung. Der Antrag kann rückwirkend für 2019 noch bis zum 31.12.2020 gestellt werden. Noch ist die Zeit da, der Puffer wird aber immer kleiner. Wer beim Audit auf Nummer sicher gehen will, sollte sich die Anforderungen der Norm genau durchlesen und möglichst alle voll erfüllen. Wenn Unsicherheiten herrschen kann man einen Berater kontaktieren, der checkt, ob alle Unterlagen vorhanden sind und alle Anforderungen erfüllt sind. Eine mögliche Anlaufstelle für eine solche Beratung ist die Energie Consulting GmbH (ECG) oder die First Energy GmbH.

Ergänzendes zum Thema
Checkliste
Was man vor dem Audit beachten sollte
  • Externe und interne Themen mit Auswirkung auf das Energiemanagementsystem (EnMS) bestimmt?
  • Eine Prozesslandkarte der wichtigsten Unternehmensprozesse erstellt?
  • Interessierte Parteien und deren Anforderungen bestimmt?
  • Geltungsbereich des EnMS festgelegt?
  • Energie-Team bestellt?
  • Ressourcen bereitgestellt?
  • Energiepolitik erstellt und freigegeben?
  • Normpunkte integriert?
  • Verantwortlichkeiten festgelegt?
  • Energiebericht erstellt und Geschäftsleitung informiert?
  • Risiken und Chancen bestimmt?
  • Maßnahmen festgelegt?
  • Ziele und Energieziele festgelegt?
  • Aktionspläne erstellt?
  • Energieeintrag (100 %) und Energieverbraucher (mindestens 90 %) dokumentiert?
  • SEUs sowie deren Einflussvariablen identifiziert?
  • Verbesserungspotentiale ermittelt?
  • Angemessene EnPIs festgelegt und gegebenenfalls normalisiert?
  • Energetische Ausgangsbasis festgelegt?
  • Angemessenen Plan zur Datenerfassung erstellt?
  • Messungen an den SEUs durchgeführt?
  • Kalibrierung geplant?
  • Ressourcenbedarf geprüft sowie Kompetenz sichergestellt und dokumentiert?
  • Qualifizierungsmatrix beziehungsweise Qualifizierungsnachweis für Mitarbeiter mit Einfluss auf den Energieverbrauch erstellt?
  • Mitarbeiterschulungen durchgeführt?
  • Kommunikationsplan erstellt?
  • Vorschlagswesen eingeführt?
  • Prozess der Dokumentenlenkung festgelegt?
  • Wartungspläne und Wartungsprotokolle erstellt?
  • Verbesserung der energiebezogenen Leistung bei der Planung berücksichtigt und dokumentiert?
  • Verbesserung der energiebezogenen Leistung bei der Beschaffung berücksichtigt?
  • Aktionspläne und EnPIs überprüft?
  • Interne Audits regelmäßig geplant, durchgeführt und dokumentiert?
  • Kompetenz des internen Auditors gegeben?
  • Aktuelle Managementbewertung vorhanden?
  • Nichtkonformitäten dokumentiert?
  • Korrekturmaßnahmen festgelegt?
  • Fortlaufende Verbesserung nachgewiesen?

Die Checkliste wurde von First Energy zur Verfügung gestellt.

(ID:46742846)

Über den Autor