Zeitarbeit Die Kräfte haben sich hin zum Mitarbeiter verschoben
Über die Perspektiven der Zeitarbeit in der mittelständischen Industrie sprach die MM-Redaktion mit Vertretern renommierter Personaldienstleister. Dabei gingen die Meinungen über die Möglichkeiten zur Qualifikation und der Angleichung der Bezahlung an die der Stammbelegschaft auseinander.
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Frau Dauch, meine Herren: Von den im Aufschwung geschaffenen Stellen entstand die Hälfte bei Personaldienstleistern. Welche Anforderungen stellen mittelständische Industriebetriebe an ihre Zeitarbeitskräfte?
Dauch: Der Mittelstand fordert bei uns Hilfskräfte genauso wie kaufmännische Mitarbeiter und Facharbeiter an, aber auch Ingenieure und Techniker. Der Trend auf dem Markt geht zu qualifiziertem Personal. Das gilt auch für den Mittelstand. Und: Wer bereits vor der Krise mit Zeitarbeit Auftragsschankungen ausgeglichen hat, ist auch insgesamt besser durch die Krise gekommen. Nach der Krise ist Zeitarbeit noch mehr zum strategischen Mittel geworden. Die Einarbeitungszeiten haben sich mit der steigenden Qualifikation verlängert. Die typische Überlassungsdauer von einem halben bis zu einem Jahr werden wir bald wieder erreicht haben.
Polak: Die Anforderungen an das Prozessverständnis der Zeitarbeitskräfte sind gestiegen. Dies erfordert eine gewisse Methodenkompetenz und persönliche Eigenschaften wie Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit und eine gute Auffassungsgabe. Die Verleihdauer hängt von der Personalpolitik der Unternehmen ab. Wir bemerken, dass unsere qualifizierten Mitarbeiter bei der Auswahl der Entleihbetriebe immer wählerischer werden. Sie wollen im Vorhinein wissen, welches Arbeitsklima im Entleihbetrieb herrscht und wie sie dort in die Stammbelegschaft integriert werden. Es ist keinesfalls mehr so, dass allein der Kunde den Zeitarbeitnehmer aussucht, sondern der Zeitarbeitnehmer sucht sich zunehmend auch den Kundenbetrieb aus.
Graf: Typischerweise werden am Anfang eines Aufschwungs die einfacheren Qualifikationen nachgefragt, die höheren folgen mit einigen Monaten Verzögerung. Die Überlassungszeiten bei Hochschulabsolventen betragen selten weniger als ein Jahr, weil die Projekte entsprechend lange dauern. Ich teile die Einschätzung, dass es eine Kräfteverschiebung zum Zeitarbeitnehmer hin gegeben hat. Immer häufiger werden Ingenieure vom Dienstleister besser bezahlt als jene, die beim Entleihunternehmen angestellt sind.
Traub: Die Attraktivität eines Entleihers hängt nicht nur von seinem guten Ruf ab, sondern von der Qualifikation seiner Mitarbeiter und deshalb auch von der Bezahlung und entsprechend vom Verrechnungssatz, den er vom Kunden erhält. Selbst kleinere mittelständische Unternehmen sagen immer häufiger „Uns interessieren eure Tarifverträge gar nicht. Wir wollen, dass die Leute so und so viel mehr bekommen“. Das ist attraktiv für Bewerber mit nachgefragten Qualifikationen, gewerblich wie kaufmännisch.
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