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Porträt Die unendliche Geschichte von Japans Vorzeigeunternehmen

| Autor/ Redakteur: Victoria Sonnenberg / Mag. Victoria Sonnenberg

Wenn sich schwere Maschinen geschmeidig und in hohem Tempo über den Asphalt bewegen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mindestens ein Motorrad der Marke Kawasaki mit von der Partie ist. Der Name ist nicht nur Motorradfahrern ein Begriff, denn das Unternehmen ging vor genau 120 Jahren mit ganz anderen Produkten an den Markt.

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Shōzō Kawasaki – Gründer des gleichnamigen Konzerns.
Shōzō Kawasaki – Gründer des gleichnamigen Konzerns.
(Bild: Gemeinfrei)

Eine Reise durch die Entwicklung von Kawasaki Heavy Industries zeigt, dass verschiedene Geschäftszweige dazu beitrugen, den Konzern als eines der führenden Wirtschaftsunternehmen in Japan zu etablieren. Den Grundstein für den heutigen Erfolg legte Firmengründer Shozo Kawasaki, der 1878 in Tsukiji, einem Stadtteil von Tokio, eine Schiffsreparatur- und Instandhaltungswerft errichtete. Die Geschäfte liefen so gut, dass man schnell zum Schiffsbau überging und bereits 1888 zwei Kawasaki-Werften existierten – heute können Käufer vom Supertanker über das Passagierschiff bis hin zum U-Boot fast alles ordern.

Acht Jahre später, 1896, wurde die Kawasaki Dockyard Company als offiziell geführtes Handelsunternehmen gegründet und Kojiro Matsukata zum ersten Präsidenten von Kawasaki Dockyard ernannt, das heute unter Kawasaki Heavy Industries (KHI) firmiert. Sein persönlicher Werdegang war so ereignisreich wie der des Unternehmens Kawasaki selbst. 1865 in Satsuma als dritter Sohn geboren, studierte Matsukata erst an der Hochschule von Tokio, danach am Rutgers College (heute Rutgers-Universität) in New Jersey (USA) und im Anschluss an der renommierten Yale-Universität, an der er seinen Doktor in Recht machte. Eine beachtliche Entwicklung für ihn, der als junger Bursche als sehr frech und wagemutig galt.

Furchtlos mit Flausen im Kopf

Eine Anekdote aus seinem Leben besagt, dass er als kleiner Junge furchtlos von einem viel zu hohen Turm sprang und sich dabei die Achillessehnen durchtrennte. Trotz seiner Flausen, so sagte man, gab es bereits im frühen Alter eine zweite Seite an Matsukata, die nie aufgab, wenn es hieß, sich körperlich oder akademisch voranzubringen. Deshalb entschied er sich, in den USA zu studieren, da er fest davon überzeugt war, dass er, wenn er in Japan blieb, nie wettbewerbsfähig sein könnte. Denn, so hieß es, Matsukata habe sich zeitlebens der wirtschaftlichen Entwicklung Japans verschrieben – die Geschichte sollte seinen Erfolg bestätigen. Als Kopf des Unternehmens erbrachte er bemerkenswerte Leistungen, die Kawasaki Heavy Industries als Japans Vorzeigeunternehmen etablierten und es bis heute vorantreiben.

Eine der umfangreichsten Kunstsammlungen der Welt

Matsukata war nicht nur ein leidenschaftlicher Geschäftsmann, er entwickelte eine ebenso große Liebe zur Kunst, speziell zu westlichen Gemälden, und trug über die Jahre über 10.000 Werke zusammen. Eine Sammlung, die heute zu den drei umfangreichsten der Welt zählt. Sein Interesse am westlichen Standard bezog sich auch auf die Industrie. Damals konnten die Unterschiede – bezüglich der Möglichkeiten – zwischen Japan und der restlichen Welt nicht größer sein. Damit die Technik der Kawasaki Dockyard Company international anerkannt wurde, studierte man sie im Westen, um sie dann zu Hause selbst umzusetzen. Matsukata tat alles, was dafür nötig war, zur restlichen Welt aufzuholen. Seine offizielle Bestätigung bekam er 1904, als die Regierung das allgemeine Eisenbahngesetz einführte und sich Matsukata für die Gründung des neuen Bahnsektors entschied. Ab 1907 baute man Schienenfahrzeuge und Waggons, bereits 1911 folgte die erste Dampflok. Im Bahnsektor machte sich KHI schnell einen Namen, das Schienenamt vergab das Prädikat „Hervorragende Leistung“ – die dem westlichen Niveau in nichts nachstand. Bis 1971 entstanden knapp 3000 Lokomotiven in den Kawasaki-Werken, die maßgeblich zur Verbreitung des Eisenbahntransports in Japan beitrugen. Den Dampfloks folgten Diesel- und Elektroloks, S- und U-Bahnen. Selbst die New Yorker U-Bahn stammt teilweise aus den Kawasaki-Werken.

Geschäftssinn war größer als die Angst vor dem Tod

Im Zuge der globalen Rüstungsexpansionen war es der Auftrag der japanischen Marine, das Superschlachtschiff Haruna zu bauen, der KHI zu weltweiter Aufmerksamkeit verhalf. Denn als der überstürzte Bau des Schlachtschiffes die Arbeitssicherheit in Gefahr brachte, verkürzte Matsukata kurzerhand die Arbeitszeit und ordnete ein langsameres Arbeiten an. Mit dem überraschenden Nebeneffekt, dass die Haruna schneller als vereinbart fertig wurde und die Nachricht über diese Produktivität von KHI um die Welt ging. Ab 1918 kam dann der Flugzeugbau hinzu. Als während des Zweiten Weltkriegs Matsukata sich in England befand, erlebte er dort deutsche Bombenangriffe. Und die Idee, den Flugzeugbau voranzutreiben, war überwältigender als die Angst zu sterben. Noch aus England verschickte er das Telegramm nach Japan, dass mit dem Bau einer Produktionsstätte für Flugzeuge begonnen werden sollte.

Fast zeitgleich gründete er eine Automobil-Abteilung in den Produktionsstätten, denn er beobachtete einen raschen Anstieg der Automobilnutzung in Europa und den USA. Zunächst baute Kawasaki nur Getriebe für Kleinmotorräder. Bereits 1950 fertigte das Unternehmen komplette Zwei- und Viertaktmotoren. Der sich daraus entwickelnde Produktionszweig blieb etliche Jahre auf dem Weltmarkt unbeachtet, bis Kawasaki 1968 mit der 500H1 Mach III den endgültigen Durchbruch in der Motorradwelt schaffte. Im selben Jahr hatte man die Vision, arbeitssparende Maschinen zu produzieren, die bereits ein Jahr später mit dem Kawasaki-Unimate 2000 Wirklichkeit wurde – Japans erstem Industrieroboter.

Heute ist Kawasaki Robotics ein führender Anbieter von Industrierobotern. Died jedoch, erlebte Matsukata nicht mehr. Er starb 1950 – und hinterließ ein modernes, globales Unternehmen. So zukunftsorientiert er KHI auch führte, er blieb sich stets treu: Statt wie das Gros der Bevölkerung das Auto zu nehmen, bestand er Zeit seines Lebens auf die Pferdekutsche – schon damals eine Seltenheit auf der Straße.

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