Suchen

Gebrauchtmaschinen

Entwicklungshilfe oder Schrottentsorgung?

| Redakteur: Güney Dr.S.

Gebrauchtmaschinen finden in Drittwelt- oder Schwellenländer reißenden Absatz. Eine Studie im Auftrag der Bundesregierung untersucht jetzt erstmals, welchen Entwicklungsbeitrag diese tatsächlich leisten.

Firmen zum Thema

( Archiv: Vogel Business Media )

Gebrauchtmaschinen finden in Drittwelt- oder Schwellenländer reißenden Absatz. Eine Studie im Auftrag der Bundesregierung untersucht jetzt erstmals, welchen Entwicklungsbeitrag solche Secondhand-Ausrüstungen tatsächlich leisten.Wenn Thyssen-Krupp ein gesamtes Stahlwerk in seine Einzelteile zerlegt und nach China verschifft, Krupp Uhde eine komplette Raffinerie von Deutschland nach Indien verkauft oder eine alte Kohlehydrieranlage der Veba bei ebay versteigert wird - dann sind das spektakuläre Aktionen, die schon mal in die Schlagzeilen von Massenmedien gelangen. Aber das ist die Ausnahme. Der Verkauf von gebrauchten Maschinen und Anlagen aus Deutschland nach Osteuropa und in Schwellen- oder Entwicklungsländer findet in der Regel ohne viel Aufhebens statt.Dabei ist der Transfer von Gebrauchtmaschinen und -anlagen vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer mittlerweile zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig geworden, der trotz weltweiter Flaute schnell wächst. Immer mehr Firmen in unterentwickelten Ländern sehen in Maschinen und Anlagen aus zweiter Hand eine kostengünstige Möglichkeit zur Substitution veralteter Maschinenparks oder zum Aufbau neuer Kapazitäten. Dennoch: „Der Handel mit gebrauchten Maschinen und Anlagen spielt nicht nur in der öffentlichen und politischen Diskussion keine Rolle, er ist in der Regel auch statistisch nicht erfasst“, sagt Jörg Janischewski. Janischewski ist Mitautor einer neuen Studie, die die Berliner Adelphi Research gGmbH im Auftrag des Rats für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung erarbeitet hat und die sich mit folgenden Fragen befasste:Welches Volumen hat der Verkauf gebrauchter Maschinen und Anlagen? In welche Länder gelangen ausrangierte Aggregate oder auch gesamte komplexe Industrieanlagen? Wie sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für solche Transfers? Welche Umweltauswirkungen hat der Transfer technisch veralteter Anlagen im Empfängerland? Näher unter die Lupe genommen wurden Transfers in einige wichtige Käuferländer - Brasilien, China, Indien, Indonesien, Marokko, Mexiko, Polen, Russland und Südafrika. Außerdem definierten sie für ihre Untersuchung vier industrielle Schwerpunktsektoren: Stahlerzeugung, Energiewirtschaft, Zementindustrie und Mineralölverarbeitung.E-Business-Plattformen beflügeln den AbsatzDer Import von gebrauchten Maschinen und Anlagen wächst schnell, in manchen Branchen und manchen Ländern wie Marokko und Indonesien sogar zweistellig. Motor für diese Entwicklung sind, so die Studie, immer kürzere Investitionszyklen, höhere Umweltstandards, vor allem auch die große Anzahl von Firmenpleiten in Industrieländern. Auch neue Verkaufs-Plattformen im Internet, elektronische Auktionen und Verkaufsportale, verbesserte Transportmöglichkeiten, die zunehmende Privatisierung bestimmter Branchen und Wirtschaftswachstum in den Zielländern ebnen dem Verkauf von Second-Hand-Ware den Weg. Laut Adelphi Research werden weltweit gebrauchte Maschinen und Anlagen im Wert von über 100 Mrd. Dollar jährlich verkauft, der größte Teil davon in Entwicklungs- und Schwellenländer. Der Anteil gebrauchter Maschinen an den gesamten Maschinenverkäufen in Deutschland wird auf 3 bis 5% geschätzt. Langlebige Anlagen für die Holz-, Metall- und Kunststoffverarbeitung liegen heute schon bei 15% Anteil am Gesamtmarkt. Der Bundesverband des Deutschen Exporthandels (BDEx) schätzt den Umsatz mit gebrauchten Maschinen und Anlagen in Deutschland jährlich auf 10 bis 15 Mrd. Euro.Insgesamt hat die weltweite Konjunkturschwäche den Gebrauchtmaschinenmarkt weniger getroffen als andere Industriezweige, bestätigt die Fachgruppe Gebrauchtmaschinen im Fachverband des Deutschen Maschinen- und Werkzeug-Großhandels (FDM). „Bei den gebrauchten Werkzeugmaschinen war 2002 ein durchschnittlicher Zuwachs von 6,1% zu verzeichnen, bei Holzbearbeitungsmaschinen gar um 12%“, stellt FDM-Mann Kurt Radermacher fest. Dabei sind die Ansprüche der Käuferländer sehr unterschiedlich. Länder wie Indien, Marokko und Russland gründen das Wachstum ganzer Branchen oder den notwendigen Ausbau der Energieerzeugung auf kostengünstige Gebrauchtimporte. Ungarn, Polen, Tschechien, die Slowakei und Slowenien haben vor allem Bedarf an neueren Maschinen und Anlagen, da sie vermehrt auch nach Westeuropa exportieren möchten und die Produkte daher relativ hohe Qualitätsansprüche erfüllen müssen. Uralt-Maschinen sind oft ökologisch bedenklichObwohl der Gebrauchtgüterexport brummt, zeigt die Politik daran bislang kein Interesse. „Wahrscheinlich“, so vermutet Janischewski, „weil das Thema so komplex ist.“ Der Export von moderner Technologie gilt gemeinhin als positiv. Doch welche konkreten ökonomischen und ökologischen Auswirkungen hat der Export gebrauchter Maschinen und Anlagen? Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht, haben die Berliner Forscher festgestellt. Auf der einen Seite können Win-win-Situationen entstehen, bei denen sowohl Käufer als auch Verkäufer profitieren, wenn etwa eine fünf Jahre alte Papiermaschine eine Uralt-Maschine in Indien ersetzt und die Abwasserfracht reduziert. Auf der anderen Seite können Transfers wegen der langen Nutzungsdauer von Maschinen und Anlagen die Modernisierung der Wirtschaft in Entwicklungs- und Schwellenländern bremsen und möglicherweise auch negtive Umwelteffekte haben. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn in Brasilien ein gebrauchtes Kohlekraftwerk ans Netz geht und die Alternative - ein modernes Gaskraftwerk zu bauen - nicht zum Zuge kommt. Ähnlich ambivalent ist die Position der Regierungen in Schwellen- und Entwicklungsländern zu Gebrauchtmaschinenimporten. In der Regel wird versucht, die Importe zu kontrollieren, um einheimische Anbieter zu schützen, wie Kurt Radermacher vom Händlerverband FDM erläutert: „Vielen Länder, die solche Importrestriktion erlassen haben, geht es schlicht und einfach nur darum, den eigenen Markt und den einheimischen Maschinenbau gegen den ausländischen Wettbewerb abzuschotten. Schließlich konkurrieren in diese Märkten vielfach einfache Neumaschinen aus einheimischer Produktion mit technisch überlegenen Gebrauchtmaschinenimporten.“ In Brasilien beispielsweise können Gebrauchtmaschinen nur eingeführt werden, wenn sie nachweislich Arbeitsplätze schaffen oder die Produktionskosten deutlich senken. Für mehr Transparenz könnte nach Meinung der Adelphi-Forscher die Einführung von Benchmarking- und Labellingsystemen, von Mindeststandards für bestimmte Gebrauchtexporte und Guidelines für Hersteller und Händler sorgen. Durch unabhängige Beratung der Käufer ließen sich Probleme bei schwierigen Transfers schon im Vorfeld lösen. „Erste Schritte sind gemacht“, weiß Janischewski. So hat beispielsweise FDMeine Qualitätsklassifizierung für Secondhand-Maschinen (FDM-Gütesiegel) erarbeitet. Die Resonanz sei, wie Radermacher betont, „im Markt durchaus positiv“. Obendrein hat man sich beim FDMdie aus Deutschland exportieren Maschinen einmal näher angesehen. Danach war im vergangenen Jahr jede dritte Gebrauchtmaschine oder -anlage aus deutschen Landen in „sehr gutem“ Zustand, 12% waren gar neuwertig. Die Beratung der Käufer durch unabhängige Consultants oder Organisationen könnte viele Probleme bei schwierigen Transfers von vornherein identifizieren und ausräumen, glaubt Jörg Janischewski, Senior Associate bei Adelphi Research, Berlin.