Gianni Di Loreto verantwortet als Transformation Lead die digitale Transformation beim Automobilzulieferer Dräxlmaier. Er sieht in ihr nicht weniger als die größte Veränderung der Automobilindustrie aller Zeiten. Hier gibt er einen Einblick, wie sein Unternehmen dieses Projekt angeht.
Gianni Di Loreto ist Digital Transformation Lead und plädiert für eine maßvolle Automatisierung – ein Widerspruch?
Herr Di Loreto, zum Einstieg geht es erst mal ganz generell um die digitale Transformation bei Dräxlmaier. Was verstehen Sie persönlich unter diesem doch sehr großen und etwas sperrigen Begriff?
Gianni Di Loreto: Die digitale Transformation ist für uns eine Transformation des gesamten Unternehmens. Auf die Automobilzulieferer prasseln im Moment verschiedenste Markteinflüsse ein. Das fängt an bei neuen Anforderungen durch die Elektromobilität, geht über sich immer schneller verändernde Marktverhältnisse und reicht bis hin zu all den aktuellen geopolitischen Themen. Letztendlich muss man sich so aufstellen, dass man auf solche Veränderungen schnell reagieren kann.
Auch wenn ein Fahrzeuglebenszyklus nach wie vor sieben Jahre umfasst, muss man heute oftmals schneller handeln als es früher nötig war. Der Krieg in der Ukraine, die Halbleiterkrise oder die Coronapandemie haben uns das verdeutlicht. Diese Schnelligkeit sichert die Wettbewerbsfähigkeit, ist aber an eine digitale Transformation gebunden.
Transformation heißt aber nicht, ich installiere eine Software und dann ist es gut. Vielmehr muss ich die dahinterliegenden Prozesse angehen. Ich muss die Menschen mitnehmen, ich muss geeignete Methoden einsetzen. Und die Software ist dann letztendlich das Vehikel, mit dem ich diese Transformation gestalte. Im Prinzip ist das, wie wenn ich ein Auto fahre. Mein eigentliches Ansinnen ist: Ich möchte mich von A nach B bewegen, in einer entsprechenden Zeit, mit einer gewissen Sicherheit, möchte vielleicht was transportieren. Aber das Fahrzeug, der Treibstoff und die Schmierstoffe, das ist alles das Vehikel, um das zu tun.
Software allein reicht also nicht?
Das Wichtigste ist wirklich, Menschen, Prozesse, Daten, Methoden und Werkzeuge, also IT-Tools, in Einklang zu bringen. Denn das eine funktioniert nicht ohne das andere.
Ich erlebe aktuell, dass manche Dinge, die ich in meiner Zeit bei Siemens gemacht habe, erst jetzt in der Industrie relevant werden. Es braucht Zeit, um die Menschen mitzunehmen. Denn die meisten Menschen halten erst einmal am Bewährten fest. Deshalb ist es so wichtig, dass in einer digitalen Transformation wirklich alles betrachtet und angepasst und nicht nur Software ausgerollt wird.
Das bedeutet, die digitale Transformation bezieht sich bei Ihnen nicht primär auf Produktionsprozesse?
Sie bezieht sich in jedem Falle nicht nur auf die Produktion. Die Digitalisierung betrifft bei uns die gesamte Wertschöpfungskette. Das reicht vom Vertrieb und der Kalkulation, über das Projektmanagement, das Engineering mittels PLM, das Thema ERP also eine SAP-Implementierung, MES für die Shopfloor-Anbindung bis hin zu Einkauf und Human Resources. Und wir müssen natürlich unsere Legacywelt entsprechend herunterfahren, während wir die andere hochfahren, damit man hier keine Unterbrechung im Tagesgeschäft riskiert.
Also neben PLM setzen Sie softwareseitig auf ERP und MES?
Das ist das, was wir als Digital Core bezeichnen, genau. Ihn bilden PLM, basierend auf Technologie von Siemens, das ERP-System, da nutzen wir SAP S/4 Hana, und MES, eine eigene Applikation.
Die haben Sie inhouse entwickelt?
Ja, genau. Da wir verschiedene Produktsegmente haben, werden wir nie eine Industrie-Applikation finden, die wirklich alle abdecken kann. Mit Sicherheit gibt es für jedes einzelne ein sehr gut passendes MES, aber dann hätten wir vier verschiedene im Haus, die mit dem entsprechenden Aufwand zu betreuen wären. Und so wurde strategisch entschieden: Wir bleiben bei einer eigenen Applikation, die entsprechend fortgeführt wird.
Und das bereuen Sie bislang auch noch nicht?
Wir haben mit unserem MES eine tragfähige Lösung geschaffen, die sich bislang vollends bewährt hat.
Ein weiterer Bestandteil Ihres Digital Core ist die Siemens Software Polarion, wenn ich richtig informiert bin. Können Sie kurz skizzieren, wie Sie die Software nutzen?
Polarion ist ja eine ALM-Software, also für das Application Lifecycle Management zuständig. Wir haben als Legacy ein Wettbewerbsprodukt der Siemens im Einsatz. Grundlage dafür ist eine strategische Entscheidung durch die Geschäftsleitung, dass wir uns in Zukunft unter anderem auf Siemens Produkte fokussieren werden.
Daher haben wir vergleichende Analysen gefahren, bei der wir anforderungsbasiert vorgegangen sind. Somit betrachten wir Polarion nicht nur als Requirements Management Tool, sondern nutzen es auch für den Bereich V&V, also Verifizierung und Validierung. Es ist uns wichtig, das V-Modell und die ganzen Themen, die sich in der Softwareentwicklung ergeben, komplett zu begleiten. Wir produzieren beispielsweise Steuergeräte und Schaltboxen. Auch dafür müssen wir Embedded Software entwickeln und die muss ja dann auch irgendwie in ein Werkzeug in dem gesamten Lebenszyklus. Teamcenter ist nicht prädestiniert, um die Softwareentwicklung zu verwalten. Dafür nutzen wir eben Polarion. Und die Verbindung aus beidem ergibt dann einen durchgängigen Ansatz, um das Modell V einmal komplett zu durchlaufen.
Stand: 08.12.2025
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Läuft das gut?
Wir haben es noch nicht produktiv gesetzt. Wir bereiten gerade die Implementierung vor, erarbeiten ein Migrationskonzept für den Transfer der Daten aus dem alten System nach Polarion. Aktive Projekte müssen ja weiterhin zur Verfügung stehen. Für die abgeschlossenen Projekte haben wir dann mehr Zeit.
Unser Vergleich hat aber tatsächlich bereits gezeigt: Wir können alle Anforderungen, die wir an diese Welt haben, durch Polarion erfüllen.
Haben Sie das System noch nicht mal testweise in Gebrauch?
Das Polarion-Team in unserem PLM-Programm arbeitet bereits mit der Software. Die Teammitglieder verwalten ihre kompletten Anforderungen an die Implementierung also in Polarion selbst und machen damit sehr gute Erfahrungen. Für die gesamte Projektsteuerung benutzten wir anfänglich Jira. Hiervon haben wir dann eine Brücke zu Polarion geschaffen, um die Inhalte hier zu integrieren. Und das Team ist damit hocheffizient unterwegs. Weitere Erfahrungen werden nach dem Go Live hinzukommen, der für die zweite Hälfte nächsten Jahres geplant ist.
War der Umstieg für die beteiligten Kolleginnen und Kollegen schwer?
Die Key User, die ja dann auch aus dem Fachbereich stammen und praktisch im Programm mitarbeiten, sind inzwischen mit der Software vertraut. Das hat gut funktioniert. Der Lernaufwand war nicht so hoch, die Lernkurve sehr steil. Das Implementierungsteam konnte sich sehr schnell reinfinden, was wiederum ein Indiz dafür ist, wie die echte Produktivwelt aussehen kann. Das Programm ist für die Key User nicht megakompliziert zu benutzen und das ist ein erster wertvoller Puls Check.
Gab es im Vorfeld dennoch Gegenwind, als klar wurde, dass Sie die Software wechseln werden?
Ab dem Zeitpunkt, als klar war, dass alle Anforderungen erfüllt werden können, gab es keinen Gegenwind mehr.
Aber zunächst schon?
Anfänglich natürlich, das ist ja überall so, das ist der übliche Ablauf von Veränderungsprozessen. Manche Menschen denken: ‚Ohje, jetzt muss ich ein neues Werkzeug lernen. Mir wird mein bewährtes Werkzeug weggenommen.‘ Das ist ja immer das Gleiche und aus Anwendersicht durchaus nachvollziehbar. Speziell in im Engineering-Umfeld ist das zu beobachten.
Es waren also schon anfängliche Ressentiments da. Trotzdem haben sich diese Personen auf das Programm committed, haben gesagt: ‚Ich schaue mir das ergebnisoffen an.‘ Ebenfalls hilfreich war die Zusammenarbeit mit einem Implementierungspartner. Nicht, dass Siemens an dieser Stelle falsch wäre. Aber wenn du in diesem Stadium den Softwareanbieter dazu nimmst, dann entsteht bei manchen der Eindruck, er wolle ja nur Lizenzen verkaufen. Und um genau dieses Mindset zu vermeiden, haben wir das wirklich komplett mit unserem Implementierungspartner gemacht. Er hat schließlich kein Interesse daran, Lizenzen zu verkaufen, und so konnten wir diese Diskussion vermeiden.