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Was machen niederländische Industrieunternehmen anders als die deutschen, um so erfolgreich zu sein?
Die holländische Industrie funktioniert anders als die deutsche. In Holland gibt es eine Zuliefererlandschaft mit kleinen flexiblen Spezialherstellern, die benutzerdefinierte Produkte und kleine Serien mit kurzen Lieferzeiten herstellen. Damit sind unsere Unternehmen stark in der Versorgung der Industrie. Die deutschen Unternehmen schätzen diese Flexibilität, da sie in diesem Ausmaß in Deutschland nicht vorhanden ist. Da Holland nur eine geringe Binnennachfrage hat, sind wir nicht so stark in großen Serien und produzieren relativ wenig in voll integrierten Herstellungsprozessen. Holland ist seit Langem exportorientiert, speziell in Richtung Deutschland. Wir exportieren 80 % in den EU-Raum, mit Abstand am meisten nach Deutschland. 24 % der niederländischen Exporte gehen nach Deutschland, allein 28 % der Industriegüter.
Welche Chancen bietet die Entwicklung der niederländischen Industrie für deutsche Unternehmen?
Die Industrie der Niederlande ist in einer größeren Abhängigkeit von Deutschland als umgekehrt. Niederländische Unternehmen sind zum Beispiel auf Aufträge über spezielle Zulieferteile der starken deutschen Fertigungsindustrie angewiesen. Ich glaube, dass aus deutscher Sicht speziell die Autoindustrie nach Holland schaut, weil nach Aussagen von BDI-Präsident Ulrich Grillo 25 % der Zulieferteile in der deutschen Automobilindustrie aus den Niederlanden kommen. Er sagt auch, dass 80 % der deutschen Elektrogerätehersteller Halbleiter aus Holland verbauen.
Und als Absatzmarkt?
Der holländische Markt ist nicht so groß und damit auch die Absatzmengen, da die Unternehmen kleiner aufgeteilt sind. Die Niederlande sind vielmehr eine Handelsnation. Wenn deutsche mit niederländischen Unternehmen zusammenarbeiten, wirkt sich das positiv auf beide Länder aus. Vielleicht können die Deutschen dann auch ein wenig vom holländischen Handelsgeist profitieren.
Wie können deutsche und holländische Unternehmen enger kooperieren, um den Herausforderungen der wirtschaftlichen Entwicklung gemeinsam begegnen zu können?
In einigen Industrien, wie den genannten, beziehen deutsche Unternehmen bereits Spezialprodukte aus Holland. Sie könnten allerdings noch dynamischer werden. Andersherum sehe ich in engen Beziehungen zu Deutschland die Möglichkeit, eine Abhängigkeit vom Weltmarkt auszugleichen. Als Beispiel seien die ganz großen Offshore-Anlagen genannt. Das sind internationale Projekte, deren Gesamtteile deutsche Unternehmen liefern, worin holländische Spezialteile verbaut sind. Darüber hinaus sprechen viele Niederländer ziemlich gut Deutsch, der kulturelle Abstand zwischen beiden Ländern ist nicht so groß und unsere Unternehmen sind auch immer auf der Suche nach langfristigen Partnerschaften.
Ist Industrie 4.0 ein Thema, das die Kooperationen zwischen beiden Ländern ankurbelt?
Holland kann von Deutschland und seiner Ingenieurkunst viel über Industrie 4.0 lernen. In der Automatisierung spielt das nicht so eine große Rolle, aber bei der Produktion von kleinen und individuellen Serien sehe ich hier definitiv Bedarf. Durch Industrie 4.0 wird in Holland eine sehr effiziente Produktion gefördert. Das bringt die ausgelagerte Herstellung wieder zurück ins Land, was natürlich förderlich ist für die Binnennachfrage.
Welche anderen Herausforderungen sehen Sie?
Eine zentrale Frage betrifft die schlechte infrastrukturelle Verbindung zu unserem größten Handelspartner, der Bundesrepublik. Miele-Chef Reinhard Zinnkann sagt: „Zwischen Paris und Amsterdam liegen mit dem Zug zweieinhalb Stunden, aber warum geht das nicht im ICE nach Hamburg, München oder Berlin?“ Es wird deutlich, dass es hier weitergehende Förderungen geben muss.
Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Deutschland?
Für mich ist Deutschland ein sehr schönes Reiseland. Es ist ein sehr freundliches Land, alles ist in Deutschland immer gut organisiert, nur die vielen Baustellen auf den deutschen Autobahnen stören.
* Das Interview führte Heinrich Morgenroth, Business Development Associate bei Ahteneum, dem Provider für Market Intelligence, heinrich.morgenroth@atheneum-partners.com.
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