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Porträt „Ich musste dafür kämpfen, Ingenieurin zu werden“

| Autor: Sebastian Hofmann

Als junges Mädchen fasst Sophie Borgne den Entschluss, Technik zu studieren. Dafür wird sie ausgelacht. Heute ist sie Vizepräsidentin einer Geschäftssparte bei Schneider Electric. Wie die Frau gestrickt ist, die es ihren Zweiflern gezeigt hat.

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Istanbul, 1999: Auf der Baustelle des Atatürk-Olympiastadions im Stadtteil Ikitelli. Es ist Sophie Borgnes erster Job als Ingenieurin.
Istanbul, 1999: Auf der Baustelle des Atatürk-Olympiastadions im Stadtteil Ikitelli. Es ist Sophie Borgnes erster Job als Ingenieurin.
(Bild: Sophie Borgne)

Es ist der 17. August 1999, drei Uhr nachts. In den Straßen von Istanbul steht die drückende Luft vom Vortag – eine Sommernacht wie jede andere. Doch dann beginnt die Erde zu beben. 45 Sekunden dauert die Katastrophe. Wo vorher mehrstöckige Häuser standen, liegen nun meterhohe Schutthaufen. Danach sind Zehntausende Menschen tot oder verletzt.

„Das Viertel um uns herum war komplett in Trümmern“, erinnert sich Sophie Borgne. Damals, als 21-Jährige, arbeitet die Ingenieurin im Istanbuler Westen. Es ist ihr erster Job: vor Kurzem hat sie Ihr Managementstudium in Paris abgeschlossen. Für einen französischen Konzern soll sie im Stadtteil Ikitelli nun beim Bau des Atatürk-Olympiastadions mitarbeiten.

Borgne und ihre Kollegen fackeln nicht lange und ziehen los in die umliegenden Straßen. Dort helfen sie beim Wiederaufbau, prüfen mit ihren Baugeräten die Statik der übrig gebliebenen Gebäude. Viele Familien können nur deshalb wieder in ihre Häuser zurückkehren. „Anstatt auf unserer Baustelle waren wir auf einmal mittendrin im Chaos“, erzählt die Französin. „Die Leute brauchten unsere Unterstützung. Also haben wir uns aufgemacht und ihnen unter die Arme gegriffen.“ Für die junge Frau sind das prägende Tage. „Es hat mich sehr belastet, im Zentrum einer solchen Tragödie zu sein“, sagt sie. „Heute bin ich aber auf eines sehr stolz: Dass ich den Menschen mit meinem Fachwissen als Ingenieurin eine Hilfe sein konnte.“

Diesen Beruf einmal auszuüben - das war schon als Jugendliche ein Traum für Sophie Borgne. Ihr Vorbild: der Großvater, selbst Ingenieur. „Er kam aus armen Verhältnissen“, erzählt sie. „Für ihn war es nie selbstverständlich, diesen Job zu machen. Ich glaube, deswegen hat er ihn auch so geliebt.“ Als Sophie gerade 15 Jahre alt ist, geht er in Rente. Häufig verbringt er dann Zeit in seiner Werkstatt, wo ihm die Enkelin über die Schulter schaut. „Wir haben angefangen, Möbel zu bauen: Betten, Tische, Stühle und so weiter”, erinnert sie sich. „Er hat mir gezeigt, wie ich die Teile vermessen muss und wie ich die Konstruktionspläne zeichne.“ Während ihrer gemeinsamen Projekte springt die Begeisterung des Großvaters auf das Mädchen über.

Istanbul, 1999: Auf der Baustelle des Atatürk-
Olympiastadions im Stadtteil Ikitelli. Es ist Sophie 
Borgnes erster Job als 
Ingenieurin.
Istanbul, 1999: Auf der Baustelle des Atatürk-
Olympiastadions im Stadtteil Ikitelli. Es ist Sophie 
Borgnes erster Job als 
Ingenieurin.
(Bild: Sophie Borgne)

„Ich wollte ihnen zeigen, wozu ein Mädchen im Stande ist“

Allerdings: Von ihrem technischen Interesse will ihr übriges Umfeld nichts wissen, macht sich sogar lustig darüber. Immer wieder versuchen Eltern, Verwandte und Lehrer, das Mädchen in weibliche Stereotype zu zwängen. So schickt ihre Familie sie in den 80ern auf eine Pariser Militärschule für Frauen, wo sie stricken lernt, kochen und was es heißt, eine gute Hausfrau zu sein. Als sie einmal als Beste in der Matheklausur abschneidet, meint der Lehrer trocken: „Nicht schlecht - für ein Mädchen.” Doch entmutigen lässt sich Sophie Borgne davon nicht - ganz im Gegenteil. „Immer wenn ich gehört habe: ,Mädchen können das nicht‘“, sagt sie, „immer dann wollte ich allen umso mehr zeigen, wozu ein Mädchen im Stande sein kann.“

Dieser Ehrgeiz ist es, mit dem die Ingenieurin nach ihrem Studium beruflich durchstartet. Als sie aus Istanbul zurückkommt, bewirbt sie sich bei Schneider Electric. Der Elektrotechnik-Konzern produziert Automatisierungs- und Steuerungstechnik für die Industrie – zum Beispiel Schaltanlagen, Relais und Gebäudemanagement-Software. „Ich wollte neue Herausforderungen“, erzählt sie. „Und genau die hat man mir da geboten.“ So arbeitet Borgne ab 2004 als Marketing und Sales Managerin in China. In Beijing ist sie für die Produktion industrieller Steuerungen verantwortlich. Dort baut sie ein 20-köpfiges Team auf und entwickelt neue Modelle für den chinesischen Markt. Schnell kann sie erste Erfolge verbuchen, steigert den Umsatz ihres Geschäftsbereichs innerhalb von drei Jahren um satte 20 %.

Doch nicht nur deshalb ist die Französin im 135.000-Personen-starken Unternehmen bald in aller Munde. Bekannt wird sie bei Schneider vor allem durch ihren Führungsstil: „Ich setze auf Freiheiten statt auf Zwänge“, erklärt Borgne. „Mir ist es wichtig, empathisch zu sein und meine Kollegen zu inspirieren.“ Das unterscheidet sie von vielen anderen. „Die Technikbranche ist immer noch sehr Männer-dominiert“, fährt sie fort. „Und viele Führungskräfte setzen auf ein dominantes Auftreten, sie arbeiten in starren Hierarchien.“ Ihren eigenen Weg zu gehen, das hat Sophie Borgne bis heute nicht bereut: „Ich bin froh, dass ich mich für diesen Führungsstil entschieden habe. Ein anderer hätte auch gar nicht zu mir gepasst.“

„Frauen und Technik? Das kann doch nicht funktionieren“

Trotzdem gibt es für sie immer wieder Gegenwind - zum Beispiel 2014. In diesem Jahr wird sie in Italien als Marketing Director eingesetzt. „Gleich zu Beginn kam ein Kollege auf mich zu und sagte: ,Sophie, nichts gegen Dich, aber Frauen und Technik? Das kann nicht funktionieren!‘“ Zu diesem Zeitpunkt hat Borgne bereits vier Jahre ein Team von mehr als 100 Technikern geleitet. „Solche Leistungen verblassen allerdings für manche vor der Tatsache, dass ich eine Frau bin”, stellt sie fest. „Und es wäre ein Irrglaube zu denken, ich sei die einzige, die sich so etwas anhören musste.“ Trotzdem bleibt sie cool: „Ich habe ihm erklärt, dass es keine Rolle spielt, ob ich eine Frau bin. Dass ich keine weibliche Managerin sein möchte, sondern eine gute.“

Zum Thema Geschlechtergleichheit hat Sophie Borgne eine klare Position: „Nicht nur moralisch, sondern auch ökonomisch gesehen ist es unklug, Frauen in technischen Berufen zu entmutigen”, hält sie fest. Immer wieder hat sie erlebt, dass unterschiedliche Perspektiven entscheidend sind für Konstruktionsprojekte. „Die Vielfalt an Sichtweisen bekommst Du aber nur, wenn Du ein ausgeglichenes Team zusammenstellst“, unterstreicht die Managerin. „Ignorierst Du die Hälfte des Talentpools, wird Dir das doppelt so schwerfallen.“

Engagement für die nächste Generation

Als Borgne nach drei Jahren in Italien wieder nach Frankreich zurückkehrt, schließt sie sich der Unternehmensinitiative „Schneider Women in Tech“ an. Regelmäßig besucht sie seitdem Schulklassen und erzählt jungen Frauen ihre Geschichte. „Unser Ziel ist es, Mädchen für technische Berufe zu begeistern“, erklärt sie. „Immer noch entscheiden sich viele für Geistes- statt für Naturwissenschaften und Technik.“ Sophie Borgne will ein Vorbild sein, zeigen, dass die Kombination möglich ist: Eine Frau sein und Erfolg im Techniksektor haben.

Borgnes Engagement für junge Frauen im Rahmen der Initiative „Schneider Women in Tech“.
Borgnes Engagement für junge Frauen im Rahmen der Initiative „Schneider Women in Tech“.
(Bild: Sophie Borgne)

Heute ist die Ingenieurin verheiratet, dreifache Mutter und Vizepräsidentin der Unternehmenssparte Industrieautomation. In dieser Funktion leitet sie eine Abteilung mit 650 Mitarbeitern aus aller Welt. Wenn sie auf ihre Zukunft schaut, dann ist Sophie Borgne eines besonders wichtig: „Ich will die Gleichberechtigung von Frauen in technischen Berufen weiter vorantreiben“, sagt sie. „Solange wir nicht bei einem Geschlechterverhältnis von 50:50 sind, ist noch viel zu tun!“ Ob dieses Engagement einmal ihr Vermächtnis begründen wird? Auf diese Frage antwortet die Managerin mit der Bescheidenheit ihres Großvaters: „Ich brauche gar kein Vermächtnis“, meint sie. „Ich will mich auf die Gegenwart konzentrieren und jetzt eine Wirkung haben.“

* Sebastian Hofmann ist Journalist im Ressort „Job & Karriere“ bei der Vogel Communications Group.

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Über den Autor

 Sebastian Hofmann

Sebastian Hofmann

Journalist, Vogel Communications Group